An einem Tag Ende Juni fährt die „Rudolf Samoylovich“ die Ostküste Dänemarks hinab, biegt in den Odense-Fjord und steuert auf die Fayard-Werft zu. Normalerweise transportiert das Schiff LNG aus Russland über die Weltmeere, also Flüssiggas. Aber nun soll es gewartet werden. Der Gigant manövriert behäbig in ein Trockendock – und sorgt damit für Aufruhr im 700 Kilometer entfernten Brüssel.

Die „Rudolf Samoylovich“ ist 300 Meter lang, 50 Meter breit, ausgestattet mit einem Rumpf, der zwei Meter dickes Eis aufbrechen kann. Weltweit gibt es nur 15 solche Schiffe, unter Fachleuten als „Arc7“ bekannt. Sie fahren Gas vom Yamal-Terminal in der Arktis nach Europa und Asien, auch im Winter, wenn das Nordpolarmeer gefroren ist. Die kleine Flotte bringt Russland Monat für Monat Millionen Euro ein. Eine einzige Werft in der EU kann die Tanker reparieren: Fayard.

„Wenn Europa dem russischen LNG-Geschäft mit dem ab 2027 geltenden Embargo wirklich schaden will, ist die Arc7-Flotte das entscheidende Glied in der Kette“, sagt Villy Søvndal, EU-Abgeordneter der Grünen und ehemaliger dänischer Außenminister. „Fayard sollte hier nicht Russland in die Hände spielen und die Schiffe für ein Business fit machen, das die EU eigentlich schwächen möchte.“

Europa ist größter Käufer von Putins Flüssiggas

Ab 2027 will Europa kein Flüssiggas mehr aus Russland importieren. Søvndal und mehr als 100 andere EU-Abgeordnete aus 17 Ländern forderten die Fayard-Werft daher kürzlich per Brief auf, die Arc7-Tanker nicht länger zu warten, auch wenn das offiziell noch erlaubt ist. Reparaturen in diesem Sommer, so ihr Argument, ermöglichten Wladimir Putin den LNG-Export aus der Arktis für viele weitere Jahre – und schwächten damit die Wirkung des europäischen Boykotts.

Der Kontinent ist derzeit der größte Käufer von Putins LNG und hilft dem Kreml-Chef so unfreiwillig bei der Finanzierung seines Kriegs gegen die Ukraine. Im Juni – sechs Monate vor dem Inkrafttreten des Brüsseler Embargos – lagen die LNG-Importe der EU sogar 14 Prozent höher als vor einem Jahr. Die Einnahmen des Kremls aus dem Verkauf stiegen nach Daten der Denkfabrik Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) auf 60 Millionen Euro pro Tag. Das meiste russische Flüssiggas kaufte Frankreich. Im Hafen des nordwestfranzösischen Montoir, gelegen an der Mündung der Loire, kam im Juni viermal so viel an wie im Mai. Unabhängigkeit von Putins Rohstoffen sieht anders aus.

Die hohe europäische Nachfrage nach russischem Flüssiggas korrespondiert mit extrem niedrigen Füllständen in den hiesigen Gasspeichern – und ungewissen Aussichten: Kommen die EU und ihr größter Gasverbraucher Deutschland noch warm durch den Winter, wenn Brüssel den Boykott russischer LNG-Lieferungen ausgerechnet zur kältesten Jahreszeit im Januar kompromisslos exekutiert?

„Aus Russland kommt weiterhin mehr Gas, als vor der Iran-Krise aus dem Mittleren Osten nach Europa geliefert wurde“, warnt Timm Kehler, Chef des Branchenverbandes der deutschen Gas- und Wasserstoffwirtschaft: „Insgesamt sind es rund 15 Prozent des aktuellen Gasbedarfs, die zur Hälfte als LNG, zur anderen Hälfte über die Turkstream-Pipeline auf den europäischen Markt kommen.“

Die Leitung durch das Schwarze Meer ist für die Versorgung von Südosteuropa so wichtig, dass diese Lieferungen erst Ende September 2027 auslaufen sollen. „Ein Wegfall der russischen Mengen ist relevant für die Preise auf dem europäischen Markt, insbesondere da der Einfuhrstopp für russisches LNG im Winter erfolgt“, sagt Kehler. „Die Sanktionen sind geopolitisch nachvollziehbar, allerdings ist Europa unvorbereitet und die Sanktionen wirken zu einem ungünstigen Zeitpunkt.“

Ungünstig ist der Zeitpunkt, weil Europa mit den niedrigsten Speicherfüllständen seit Jahren in einen Winter geht, der besonders kalt werden könnte. Eine sichere Vorhersage gibt es zwar nicht. Doch wenn das Wetterphänomen El Niño seine Stärke behält, könnte das den Polarwirbel abschwächen und Europa viel Frost und Schnee bescheren. Trotzdem werden am größten europäischen Speicherstandort Deutschland die Kavernen und Porenspeicher derzeit kaum gefüllt.

Schuld daran ist der Iran-Krieg: Der macht Gas aktuell so teuer, dass es sich für Händler nicht lohnt, den knappen Brennstoff wie sonst für den Winter einzulagern. Denn wenn die Straße von Hormus für LNG-Tanker aus Katar wieder geöffnet wird, kommt es schnell wieder zu einem rapiden Preisverfall auf dem Weltmarkt. Händler befürchten, das teuer eingekaufte Sommergas dann nur noch mit Verlust im Winter loswerden zu können. Sie warten lieber ab.

Die Folgen lassen sich an den Füllstandsanzeigen der EU-Gasspeicher ablesen: Am vergangenen Freitag waren die nur zu 58 Prozent gefüllt. Die deutschen Füllstände lagen mit nur 47 Prozent noch darunter. Gemessen am Fünfjahres-Durchschnitt wären 68 Prozent normal gewesen. „Um bis zum 1. November einen ausreichenden Winterpuffer von 80 Prozent aufzubauen, müsste Europa seine LNG-Einfuhren mehr als verdoppeln“, rechnet das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität Köln vor.

Bislang hat der Markt von selbst für eine Befüllung der Speicher gesorgt – und die Bundesregierung will es bei dieser Rollenverteilung auch belassen. Im Notfall könnte sie zwar die Agentur Trading Hub Europe (THE) mit Steuergeld ausstatten und zum Gaseinkauf auf den Weltmarkt schicken. Doch das könnte schnell zweistellige Milliardensummen kosten, weil LNG-Tanker etwa aus den USA nur dann ihren Kurs wechseln, wenn Deutschland das hohe Preisniveau Asiens noch überbietet. Die Bundesregierung pokert. Je länger sie wartet, desto teurer wird der staatliche Gaseinkauf, falls er doch noch nötig werden sollte.

Brüssel pokert ebenfalls: Die EU-Kommission will alle externen Gaslieferanten über eine „Methan-Verordnung“ zwingen, Klimaschutz-Anstrengungen zu unternehmen und Berichtspflichten zu erfüllen, wenn sie nicht mit Strafen belegt werden wollen. Katar und die USA drohen bereits, im Zweifel überhaupt kein Gas mehr zu schicken, wenn es bei den Auflagen bleibt. Die Europäische Kommission glaubt, dass die hohen Gewinne, die auf dem europäischen Markt winken, die erzürnten Lieferanten schon noch überzeugen werden. Auch ob diese Wette aufgeht, ist unklar.

Die hohen Gaspreise bleiben eine Herausforderun

Vor diesem Hintergrund scheint der Stopp russischer LNG-Käufe ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt riskant. Ein von WELT befragter Großhändler erklärte, er rechne durch die Sanktionen mit einem um sechs Milliarden Kubikmeter verringerten Angebot auf dem Markt, wobei „die Minderbelieferung hauptsächlich die Winterperiode betreffen“. Die hohen Preise „bleiben eine Herausforderung, insbesondere weil sie die wirtschaftliche und auskömmliche Befüllung der europäischen Gasspeicher mit Blick auf den kommenden Winter und das nächste Speicherjahr erschweren“.

Andere sind optimistischer: „Die niedrigen Speicherstände müssen im Kontext der geringeren Nachfrage betrachtet werden“, sagt Ben McWilliams, Energieexperte der Brüsseler Denkfabrik Bruegel: Weil die Gasnachfrage „strukturell“ um 20 Prozent gefallen ist, seien die EU-Speicher „auf Kurs“, einen Füllstand von 80 Prozent zur Wintervorbereitung zu erreichen, sagte McWilliams: „Die Speicherstände sind zwar knapp, aber aus dieser Perspektive weniger besorgniserregend.“

Gemessen an den gesamten Gasimporten der EU macht russisches LNG nur sieben Prozent aus. Den größten Teil liefert jetzt ohnehin Norwegen via Pipeline. Der geringere russische LNG-Anteil „verblasst im Vergleich zum abrupten Einbruch im Jahr 2022, als russische Lieferungen 40 Prozent des Gesamtbedarfs ausmachten“, sagt der Bruegel-Analyst. Er erwarte „keine allzu großen Schwierigkeiten bei der Einhaltung der Speicherziele, aber es dürfte zu einem moderaten Preisanstieg kommen“, glaubt McWilliams. „Insgesamt halte ich es für sehr machbar, dass die EU die russischen LNG-Importe beendet.“

Für viele europäische Firmen endet dann das einträgliche Geschäft mit Putin. Fayard ist kein Einzelfall: Auch Reedereien in der EU haben vom Flüssiggasgeschäft mit Russland profitiert, vor allem griechische. Ihre Tanker dominieren Europas LNG-Transport und bringen Flüssiggas aus Russland nach Asien. Vor wenigen Wochen setzte Athen durch, dass der Transfer in Drittstaaten von europäischen Sanktionen ausgenommen wird. Frankreichs Energiekonzern Total hält 20 Prozent an Yamal und verdient mit dem Verkauf von russischem LNG pro Jahr fast 400 Millionen Euro.

Dass sie bislang von Russlands Kriegswirtschaft profitieren, halten zumindest die Chefs der Fayard-Werft nicht für ehrenrührig: „In den vergangenen vier Jahren hat die Europäische Kommission bewusst entschieden, LNG aus Yamal zu importieren“, schrieben sie den EU-Abgeordneten in einem Brief, der WELT vorliegt. Die Wartung der russischen Schiffe verletze keine Sanktionen. „Fayard handelt nicht mit Russland“, so die Manager. „Die EU tut das, als Käuferin von russischem LNG.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Stefan Beutelsbacher ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York.

Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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