Die Vorstandschefin der Deutschen Bahn (DB), Evelyn Palla, will den Konzern „vom Kopf auf die Füße stellen“ – das betont sie immer wieder. Die Gründe sind vielfältig: marode Infrastruktur, schlechte Pünktlichkeit, Milliarden Schulden. Im Gespräch mit der WELT AM SONNTAG hat sie zuletzt die mangelnde Leistungsbereitschaft im Management als eine Ursache der Probleme des Staatskonzerns ausgemacht. Zu oft sei Verantwortung hin- und hergeschoben worden. „Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit“, sagte die Bahn-Chefin.

Mario Reiß, Bundesvorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL und damit Nachfolger von Claus Weselsky, teilt die Aussagen von Palla im Interview zur Leistungskultur im Management der Bahn. Diese Einschätzung komme für ihn allerdings wenig überraschend sowie ausgesprochen spät. „Diese strukturellen Defizite haben wir bereits vor einigen Jahren in einem Schreiben an die damalige Konzernführung unter Dr. Richard Lutz sowie an die politischen Verantwortlichen deutlich benannt“, sagt Reiß. Entscheidend sei nun, welche konkreten Konsequenzen Palla daraus zieht. „Eine zutreffende Diagnose ist noch keine Therapie.“

Die Bahn befindet sich unter Palla in einem Konzernumbau. Managementstellen wurden gekürzt, Entscheidungen sollen häufiger nicht zentral, sondern vor Ort getroffen werden. Dadurch sollen Einsparungen von mehr als 500 Millionen Euro jährlich bei Sach- und Personalkosten entstehen. Zuletzt hat die Bahn zum ersten Mal seit Jahren wieder schwarze Zahlen geschrieben.

Auch Martin Burkert, Chef der größten Eisenbahngewerkschaft EVG, teilt auf Anfrage von WELT mit: „Entscheidungen müssen dort getroffen werden, wo Probleme den täglichen Betrieb behindern. Und das ist bei den Expertinnen und Experten vor Ort und nicht im Bahntower am Potsdamer Platz.“ Es sei überfällig, dass die Bahn-Chefin dies endlich angehe.

Die Konsequenz dürfe laut GDL-Chef Reiß jedoch nicht nur darin bestehen, pauschal die unteren Führungsebenen verantwortlich zu machen. „Verantwortung muss immer dort eingefordert werden, wo Ziele definiert, Ressourcen verteilt und strategische Entscheidungen getroffen werden. Das schließt ausdrücklich die Konzernspitze ein“, so der GDL-Chef.

Zudem betont Reiß, dass die Krise der DB kein Arbeitszeitproblem der Beschäftigten sei. „Die Eisenbahner im Schichtdienst leisten bereits heute unter schwierigen Bedingungen einen enormen Beitrag“, so Reiß. Die DB müsse laut Reiß ihren Mitarbeitern ermöglichen, ihre Arbeitszeit produktiv einzusetzen. EVG-Chef Burkert stimmt seinem Konkurrenten zu: „Die Bahn hat kein Personalproblem, sondern ein Prozessproblem.“

„Eigentümer hat Bahn über Jahrzehnte kaputtgespart“

Wie groß das Effizienzproblem ist, zeige sich bei der Güterverkehrssparte DB Cargo. „Nach den uns vorliegenden Zahlen verbringen Beschäftigte in einzelnen operativen Bereichen teilweise nur rund 18 Prozent ihrer Arbeitszeit mit ihrer eigentlichen Kernaufgabe“, sagt Reiß. Die übrige Zeit gehe durch „mangelhafte Planung, fehlende Fahrzeuge, ungeklärte Abläufe, Wartezeiten oder andere organisatorische Defizite verloren“.

Unter solchen Bedingungen würde „selbst eine 50-Stunden-Woche kaum zusätzliche Leistung hervorbringen“, so der GDL-Chef. Notwendig seien eine bessere Einsatz- und Produktionsplanung sowie ausreichende Personalreserven. „Die Beschäftigten sind bereit, Leistung zu erbringen. Die Unternehmensführung muss endlich die Voraussetzungen dafür schaffen.“

Auch Bahn-Chefin Palla sprach sich im Gespräch mit der WELT AM SONNTAG nicht direkt für mehr Arbeitszeit im Konzern aus. „Ich sage meiner Führungsmannschaft nicht, wie, wann und wie lange sie arbeiten muss, sondern vielmehr: Das Ergebnis muss stimmen, die Probleme müssen gelöst sein, dann bin ich zufrieden“, so Palla.

GDL-Chef Reiß mahnt jedoch an: Die Eisenbahn ist ein sicherheitskritisches System. „Deshalb kann es keineswegs beliebig sein, auf welchem Weg ein Ergebnis erreicht wird.“ Ein pünktlicher Zug, der nur durch ausgelassene Instandhaltung oder die dauerhafte Überlastung der Beschäftigten ermöglicht werde, sei kein unternehmerischer Erfolg.

Und dass die Bahn dem unternehmerischen Erfolg lange hinterherlief, liege laut EVG-Chef Burkert nicht nur an ihr selbst. „Der Eigentümer hat seine Bahn über Jahrzehnte kaputtgespart. Und das lässt sich auch nicht über Reformen innerhalb der Bahn heilen.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.

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