Auf der deutschen Ostsee, 15 Kilometer vor Fehmarn, zeigt sich an einem sonnigen Tag Ende Juni Europas Machtlosigkeit. Zwei Schlauchboote rasen über die Wellen, an Bord Aktivisten von Greenpeace. Sie steuern auf die „Kira K.“ zu – ein Schiff unter der Flagge Panamas, das russisches Öl in die Welt hinausfährt und Wladimir Putin so bei der Finanzierung seines Kriegs gegen die Ukraine hilft.
Es dauert nicht lange, bis die Situation heikel wird, wie ein Video zeigt, das WELT AM SONNTAG vorliegt. Am Horizont erscheint eine russische Korvette und hält mit hohem Tempo auf die Schlauchboote zu. Die deutsche Küstenwache, die mit einem Schiff ebenfalls vor Ort ist, reagiert, fragt über Funk: „Was ist Ihre Absicht?“ Die Russen antworten bloß: „Wir haben einen speziellen Plan.“
Wie dieser Plan aussieht, bleibt unklar. Die Aktivisten drehen bald darauf ab, ihr Protest endet glimpflich. Dennoch wird an jenem Tag etwas Beunruhigendes klar: Manche sogenannte Schattentanker fahren inzwischen mit Begleitschutz. Kommt man ihnen zu nahe, eilen russische Kriegsschiffe herbei. Deutschlands Küstenwache lässt die „Kira K.“ ziehen, obwohl sie auf der Sanktionsliste der EU steht.
Jedes Fass bringt Moskau Geld für Raketen
„Die europäischen Sanktionen haben kaum eine Wirkung“, sagt Thilo Maack, Meeresbiologe und einer der Aktivisten, die das Schiff Ende Juni abfingen. „Nach mehr als vier Jahren Krieg und 20 Strafpaketen aus Brüssel kann Russland noch immer fast ungehindert Öl exportieren.“ Jedes Fass, das ein Tanker bei Käufern wie China oder Indien abliefere, bringe Moskau Geld für Raketen und Granaten.
Alle paar Monate schlägt die EU-Kommission neue Sanktionen vor, zuletzt kam Paket Nummer 21. Es friert Brüssels Preisdeckel für russisches Öl ein. Die Grenze folgt eigentlich dem Auf und Ab der Märkte und hätte steigen müssen, weil sich die Referenzsorte Urals nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran stark verteuerte. Ein Fass Urals-Öl kostete dieser Tage mehr als 80 Dollar, trotzdem soll der europäische Deckel jetzt ein Jahr lang bei 44,10 Dollar bestehen bleiben.
Er verbietet es hiesigen Reedereien, russisches Öl zu höheren Preisen an Staaten außerhalb der EU zu liefern. „Das dürfte Russland rund 3,5 Milliarden Euro kosten“, sagt ein Beamter der EU-Kommission, der am neuen Paket gearbeitet hat – und den Prozess als „herausfordernd“ beschreibt. „Öl bleibt für den Staat die zentrale Geldquelle“, so der Fachmann. „Deshalb reagiert er regelmäßig auf unsere Sanktionen und passt seine Netzwerke für den Export kontinuierlich an.“ Es gebe nun Agenturen, die gezielt Crews für Schattentanker rekrutierten. Eine davon steht seit Donnerstag auf der Liste der EU.
Lücke zwischen Zielen und tatsächlicher Wirkung
Warum aber greift die EU zum Preisdeckel und nicht zu radikaleren Methoden? Die Idee dahinter: Russland soll sein Öl verkaufen können, damit es auf dem Weltmarkt nicht zu knapp wird. Aber zu Summen, die Putin nicht allzu viel Geld in den Haushalt spülen.
Die bisherige Bilanz der EU ist ernüchternd. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verspricht immer wieder, man trockne mit den Sanktionen Putins Kriegskasse aus. Aber in der realen Welt – jenseits der Brüsseler Büros, Konferenzräume und Pressesäle – scheint sich wenig zu ändern. Russlands Tanker fahren weiter über die Weltmeere. Zuletzt stiegen die Einnahmen des Kremls aus dem Geschäft mit Rohstoffen sogar. „Die EU“, sagt Umweltschützer Maack, „liefert nichts als Lippenbekenntnisse.“
In Zahlen sieht das so aus: 2025 exportierte Russland 238 Millionen Tonnen Öl – trotz vieler neuer Sanktionen ungefähr genauso viel wie im Vorjahr. Rund 80 Prozent davon gingen nach China und Indien. In Europa kamen nur 25 Millionen Tonnen an. Zum Vergleich: Vor dem Krieg waren es 175 Millionen Tonnen. Pumpen in Sibirien und an der Wolga fördern also Bodenschätze wie eh und je, nur die Abnehmer sitzen jetzt woanders.
„Die Sanktionen des Westens hindern Russland nicht daran, große Mengen Öl zu exportieren“, sagt Taimur Fahad Khan vom Forschungsinstitut Centre for Strategic and Contemporary Research. „Der Handel wird mit undurchsichtigen Firmen, Umladungen von Schiff zu Schiff und einer großen Schattenflotte fortgesetzt.“
Putin braucht das Geld: Im vergangenen Jahr gab Russland umgerechnet rund 180 Milliarden Euro für sein Militär aus. Zugleich brachte der Verkauf von Öl und Gas dem Staat fast 90 Milliarden Euro ein – also ungefähr die Hälfte. Natürlich floss nicht jeder Rubel sofort in neue Panzer und Haubitzen. Aber der Vergleich zeigt, wie wichtig der Rohstoffhandel für Putins Krieg noch immer ist.
Nie in der Geschichte war ein Staat mit so vielen Sanktionen belegt wie Russland. Trotzdem steht die Wirtschaft dort offenbar nicht vor dem Kollaps, trotzdem schicken Putins Truppen weiter explosive Drohnen in ukrainische Städte. Der Kreml-Chef kann seine Angriffe fortsetzen. Ein Grund dafür ist die Schattenflotte, Russlands heimliche Lebensader im globalen Öl-Geschäft.
Kapitäne haben oft gefälschte Papiere an Bord und stellen ihr AIS aus, ein System, das Kurs und Position übermittelt. Viele Schiffe fahren unter Flaggen ferner Staaten, etwa von Gabun oder der Mongolei, die nicht einmal eine Küste haben. Im Juni transportierten sanktionierte Tanker wie die „Kira K.“ mehr als die Hälfte des verschifften russischen Öls, wie Daten der Denkfabrik Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) zeigen.
Russische Schiffe entladen Benzin und Diesel in Europa
Ihre Experten fanden noch etwas anderes heraus. Brüssel hat nicht nur die Einfuhr von russischem Öl verboten, sondern auch von Gütern, die daraus hergestellt werden, etwa Benzin und Diesel. Trotzdem entluden CREA zufolge im Juni acht Schiffe solche Kraftstoffe an europäischen Piers. Vier kamen aus der Türkei, zwei aus Indien, zwei aus Georgien.
Eine paradoxe Dreiecksbeziehung ist entstanden: Raffinerien außerhalb der EU verarbeiten russisches Rohöl – und liefern ihre Produkte dann in die EU. Vergangenen Monat verdienten sie damit 225 Millionen Euro, wie CREA-Daten zeigen. Eine Anlage – die Kulevi-Raffinerie an der georgischen Schwarzmeerküste – will Brüssel nun mit Sanktionen belegen. Europäische Firmen dürfen dann nicht länger Geschäfte mit ihr machen.
Zudem dürfen europäische Häfen die Schattentanker, die der Kreml zur Umgehung des Preisdeckels nutzt, nicht warten oder mit Sprit und Proviant versorgen. Thilo Maack, der Umweltschützer von Greenpeace, verfolgt die Positionen der Schattenflotten-Schiffe und meldet sie – wenn sie durch die Nord- oder Ostsee fahren – deutschen Behörden.
„Dieses Jahr waren es bestimmt schon 30“, sagt er, „aber passiert ist nichts.“ Andere Länder scheinen entschlossener gegen Putins Geisterflotte vorzugehen. Frankreich setzte schon fünf Tanker fest, im vergangenen Monat etwa seilten sich schwer bewaffnete Soldaten bei stürmischer See von einem Hubschrauber auf das Deck der „Tagor“ ab, die mutmaßlich Öl aus Murmansk geladen hatte.
Am Ende ist auch das wenig mehr als ein Symbol. Schätzungen zufolge fahren mittlerweile mehr als 1000 Schattentanker um die Welt. In den vergangenen Monaten war die Flotte sogar besonders profitabel. Der Grund: Die Straße von Hormus – wichtiges Nadelöhr für Öl aus dem Nahen Osten – ließ sich nicht gefahrlos passieren. Die Kämpfe im Nahen Osten, zeigt eine Untersuchung der Denkfabrik Bruegel, spülten Russland bisher unerwartet 13,5 Milliarden Euro in den Haushalt.
Stefan Beutelsbacher ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet über die Wirtschafts-, Handels- und Klimapolitik der EU. Zuvor war er US-Korrespondent in New York.
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