Auf der Witzeseite der „Komsomolskaja Prawda“ – einer Boulevardzeitung mit langer Tradition – fand sich Anfang Mai eine sehr spitze Bemerkung: „Für 75 Prozent der Russen besteht ihr finanzielles Polster nur noch aus ein paar Federn“, stand da ohne Nennung eines Autors, „und einem Kissenbezug mit einem Loch“. Es war nicht der einzige Witz mit ökonomischem Bezug auf der Seite – und überhaupt wimmelt es in den vergangenen Monaten von bösen Anekdoten über den Zustand der russischen Volkswirtschaft.
Unmittelbar vor den Festlichkeiten zum 9. Mai, an denen Russland traditionell den Sieg über Nazi-Deutschland feiert, häufen sich die schlechten Nachrichten für das Krieg führende Land. Im ersten Quartal, das gab das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung nun bekannt, ist das russische Bruttoinlandsprodukt geschrumpft. Der Rückgang lag bei 0,3 Prozent. Es ist das erste Mal seit 2023, also seit dem Jahr nach der Entscheidung von Präsident Wladimir Putin, die Ukraine auf voller Breite anzugreifen.
Russlands „Reserven sind aufgebraucht“
Zuweilen klingt die Lage inzwischen auch bei den Verantwortlichen durch: Man habe bis dato „alles irgendwie gemeistert, weil die Wirtschaft irgendwo über Reserven verfügte“, sagte Maxim Reschetnikow, der Minister für Wirtschaftsentwicklung, Mitte April auf einem Unternehmerforum im nordwestrussischen Wsewoloschsk. „Unsere aktuellen Daten zeigen, dass diese Reserven weitgehend aufgebraucht sind. Das ist tatsächlich der Fall, und die makroökonomische Lage ist deutlich schwieriger.“
Auch in einzelnen Indikatoren sieht es aktuell eher düster aus. Das Haushaltsdefizit des Staates weitet sich aus, die Zentralbank hält an einem hohen Leitzins von 14,5 Prozent fest, um die Inflation im Zaum zu halten. Die Nachfrage der Verbraucher dümpelt vor sich hin, und die Industrieproduktion außerhalb des Rüstungssektors geht immer weiter zurück. Selbst scheinbar positive Werte wie die historisch niedrige Arbeitslosenquote zeigen eher ein Problem auf: Da viele junge Männer an der Front sind, andere das Land verlassen und die Zuwanderung stark zurückgeht, gibt es einfach immer weniger Arbeitskräfte.
Selbst die hohen Ölpreise helfen Putin nicht
„Die jahrelangen fiskalischen Anreize, die durch Militärausgaben angeheizt wurden, haben jetzt aufgehört, das Wachstum anzukurbeln“, so Alexandra Prokopenko, ehemalige Beraterin der russischen Notenbank, die jetzt in Deutschland forscht. „Es scheint, als würde die Wirtschaft nach einer Phase der Überhitzung ihren Tiefpunkt erreichen.“ Die Folge: Die Zentralbank rechnet für das Jahr nur noch mit einem Wachstum von 0,5 bis 1,5 Prozent, Werte, die je nach Gang der Dinge auch schnell nach unten kippen können.
Bisher hilft noch nicht einmal der Umstand, dass der Krieg im Nahen Osten die Preise für Gas und Öl nach oben treibt – also für die wichtigsten russischen Exportgüter. Wie Daten des russischen Finanzministeriums zeigen, lagen die staatlichen Einnahmen aus dem Brennstoffexport im April nur knapp über dem zuvor kalkulierten Basisszenario. Ein wichtiger Grund: Russische Raffinerien müssen laut Gesetz für die Differenz zwischen den niedrigen heimischen Preisen und denen auf dem Weltmarkt entschädigt werden.
Ohnehin ist unklar, ob höhere Ölpreise der russischen Wirtschaft aus ihrer grundsätzlichen Klemme helfen können. „Sie haben nach wie vor ein strukturelles Problem“, sagte Thomas Nilsson, Chef des schwedischen Militärgeheimdienstes, der die Lage in Russland genau beobachtet. „Es ist kein nachhaltiges Wachstumsmodell, Material für den Krieg zu produzieren, das dann auf dem Schlachtfeld zerstört wird“, so Nilsson in einem Gespräch mit der „Financial Times“.
Stimmen die Zahlen?
Jenseits der offiziellen Zahlen läuft auch eine Debatte darüber, wie belastbar diese Statistiken eigentlich sind. In westlichen Geheimdiensten kursieren Berichte darüber, wonach das Haushaltsdefizit systematisch zu niedrig beziffert wird und in den Daten eine mögliche Finanzkrise schlummert. Unter Experten werden diese Berichte allerdings bezweifelt.
Eines scheint klar: Die Jahre, in denen der Krieg und die Auftragseingänge der Rüstungsindustrie die russische Wirtschaft allein über Wasser hielten, sind offenkundig vorbei. „Die Nachfrage des Militärs sorgt zwar weiterhin für Produktion im Verteidigungssektor, doch die zivilen Industriezweige stagnieren, die Verbrauchernachfrage schwächt sich ab und die Investitionen gehen zurück“, schreibt Ex-Zentralbankberaterin Prokopenko in einer gemeinsamen Analyse mit dem Finanzexperten Alexander Koljandr. „Putin hat die Regierungsvertreter angewiesen, die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen, doch seiner Regierung fehlen die Mittel, dies zu erreichen, ohne die Fiskal- oder Haushaltspolitik zu lockern.“
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