Die Aufnahmen, die die italienische Nachrichtensendung TG1 des Senders Rai1 auf X verbreitet, bestätigen den Bericht von WELT AM SONNTAG und „Business Insider“: Die Stromversorgung der zentralen europäischen Transalpine Pipeline (TAL) wurde durch einen gezielten Anschlag in Norditalien lahmgelegt.

Der italienische Sender hat Fotos erhalten, die unmittelbar nach dem Sabotagesakt am 25. März gemacht wurden, der die Ölversorgung von ganz Süddeutschland Ende März drei Tage lang lahmgelegt hatte. Außerdem berichtet der Sender über einen Augenzeugen, der kurz nach der Tat am Anschlagsort war. Er sei zufällig an dem umgestürzten Strommast vorbeigefahren, erzählt der Mann. „Meiner Meinung nach wurde er mit einem Schneidbrenner durchtrennt.“

Fotos zeigen scharfe Kanten

Tatsächlich zeigen die Fotos offensichtlich scharfe Kanten an den Stellen, an denen die Stützen des Strommastes an gleich zwei Stellen durchtrennt wurden. Ein Absacken des Bodens oder ein Umknicken durch einen Windstoß könne ausgeschlossen werden, so der Bericht.

Auf den Fotos, die der italienische Sender Rai1 zeigt, sind harte, scharfe Kanten in den Stützen des Strommastes zu sehen, die auf den Einsatz eines Schneidbrenners hindeuten

Laut Rai1 ist das Gelände, auf dem der Strommast stand, zudem nur schwer zugänglich. Das Vorgehen der bislang unbekannten Täter deute zudem darauf hin, dass sie wussten, wie sie die Ölpipeline gezielt lahmlegen können. „Der Angriff erfolgte hier, weil die Pumpstationen Tag und Nacht von Militär bewacht werden“, heißt es im italienischen Bericht. „Die Täter haben nichts dem Zufall überlassen, sie wussten, dass der Ölfluss aus dem Nahen Osten unterbrochen würde und dass für Deutschland, Österreich und Tschechien eine Notlage entstehen würde.“

Trotz der Bedeutung der TAL-Pipeline für die Energieversorgung Europas, haben die Behörden die Öffentlichkeit nicht aktiv über den Anschlag und die Folgen informiert. Erst durch die Recherchen von WELT AM SONNTAG und „Business Insider“ wurde der Sabotageakt in Italien und Deutschland bekannt.

Laut dem italienischen Sender wurden gleich zwei der vier Stützen des Mastes durchtrennt

Zunächst hatte ein vermeintliches Dementi der Betreibergesellschaft der TAL-Pipeline am Samstag für Verwirrung bei italienischen Medien gesorgt. Allerdings hatten die Betreiber nur einen direkten Angriff auf ihre eigenen Anlagen bestritten, nicht aber auf die Stromversorgung.

Der Stromnetzbetreiber Terna hatte hingegen den Bericht von WELT AM SONNTAG und „Business Insider“ bestätigt, wonach „unbekannte Parteien“ für die Beschädigung eines Strommasten verantwortlich seien, von dessen Ausfall ausschließlich die Pumpstation der TAL-Pipeline betroffen war. Die Strafverfolgungsbehörden seien eingeschaltet.

WELT AM SONNTAG und „Business Insider“ hatten bereits am Freitag eine Bestätigung des Bundesinnenministeriums erhalten, dass auch das deutsche Bundeskriminalamt mit den italienischen Ermittlungsbehörden wegen des Vorfalls in Kontakt steht. Rai1 berichtet genauso wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA, dass inzwischen unter anderem die Anti-Mafia-Behörde DDA eingeschaltet ist.

„Es war eine gezielte Aktion, eine konkrete Bedrohung, ein von Profis organisierter Blitzangriff“, berichtet Rai1. Auch fremde Geheimdienste von Ländern, die sich derzeit im Krieg befänden, würden nicht als Urheber des Anschlags ausgeschlossen. Ein Bekennerschreiben gebe es bislang nicht. „Die Befürchtung ist, dass es sich um einen großangelegten internationalen Angriff handelt und dies nur der erste Akt sein könnte“, berichtet der italienische Sender.

In Deutschland forderte am Samstag bereits der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Andreas Lenz (CSU), dass mehr in die Widerstandsfähigkeit der Energieversorgung investiert werden müsse. „Der Anschlag auf die TAL-Pipeline zeigt einmal mehr, wie verwundbar wir sind bei Fragen der kritischen Infrastruktur“, sagte Lenz. Der Sabotageakt sei eine „neue Qualität“.

Die TAL-Pipeline transportiert Rohöl über die Alpen, das per Tankschiff aus dem Nahen Osten im Hafen von Triest ankommt. Die Pipeline versorgt Raffinerien in Süddeutschland, Österreich und Tschechien mit dem Rohstoff, die dann Benzin, Diesel und Kerosin daraus herstellen.

Der dreitägige Ausfall der TAL-Pipeline durch den Angriff auf den Strommast fiel ausgerechnet in eine Zeit, in der die Energieversorgung durch den Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus ohnehin angespannt ist. Die in Deutschland betroffenen Raffinerien, zu denen unter anderem die Miro-Raffinerie bei Karlsruhe gehört, überbrückten den Lieferausfall mit Ölreserven vor Ort. Wie lange diese Reserven noch ausgereicht hätten, ist unklar.

Miro versorgt nach eigenen Angaben jeden Tag zehn Millionen Menschen mit Kraftstoffen und Heizöl, sowie Tausende Karlsruher Haushalte mit Fernwärme. Statistisch decken die Produkte der Raffinerie Miro rund 45 Prozent des gesamten Primärenergiebedarfs in Baden-Württemberg ab.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

Philipp Vetter ist Teamleiter im Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“.

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