Der 21. November 2024 war eine Zäsur im Ukrainekrieg. An diesem Tag feuerte Russland nach eigenen Angaben eine ballistische Rakete neuen Typs auf die ukrainische Stadt Dnipro. Wladimir Putin sprach von einer „Wunderwaffe“. Ihr Name: „Oreschnik“ (russisch für Haselstrauch), eine Hyperschall-Rakete, angeblich mit einer mehr als fünffachen Schallgeschwindigkeit – und in der Lage, nuklear bestückt zu werden.
Russland demonstrierte mit „Oreschnik“ nicht nur militärische Stärke. Die Botschaft: Wer uns angreift, der muss mit einer nuklearen Gegenreaktion rechnen. Dahinter steckt ein Szenario, das seit dem Kalten Krieg gefürchtet ist: ein System, das selbst nach einem Nuklearangriff automatisch zurückschlagen könnte. Sein Spitzname: „Tote Hand“.
Russlands Logik der Abschreckung
Eine der großen Lehren des Kalten Krieges war, dass das Gleichgewicht der Abschreckung funktionierte. Hochgerüstet standen sich die USA und die Sowjetunion gegenüber – und griffen sich letztlich auch wohl deshalb nicht vernichtend an, weil jede Seite wusste, dass ein solcher Angriff auch das eigene Ende bedeutet hätte.
Doch die Sowjetunion ging noch einen Schritt weiter. Im August 1974 beauftragte die Führung die Entwicklung eines militärischen Racheplans. Einer automatischen Zweitschlag-Struktur, die im Falle eines Atomschlags der USA gegen die UdSSR einen vernichtenden Gegenschlag ermöglichen sollte – selbst wenn die komplette Führung bereits ausgelöscht wäre.
So funktioniert das Perimeter-System
Offiziell hieß das Projekt „Perimeter“, im Westen wurde es als „Tote Hand“ bekannt. Funktionieren sollte es so: Im Falle eines Nuklearangriffs auf die Sowjetunion, bei dem die komplette Führungs- und Kommandostruktur eliminiert worden wäre, sollte eine weitgehend automatisierte Befehlskette ausgelöst werden. Ihr Herzstück war eine Kommandorakete des Typs 15A11, die in große Höhe abgeschossen werden sollte und von dort mittels eines leistungsstarken Funkgeräts per Code-Signal alle verfügbaren Nuklearwaffen im Land aktiviert hätte. Das System sollte in der Lage sein, sowohl landgestützte Interkontinentalraketen als auch strategische Bomber und U-Boote zu mobilisieren.
Um zu verhindern, dass „Perimeter“ aus Versehen ausgelöst wird, basierte die Ablaufkette auf drei Bedingungen: Angesichts eines sich zuspitzenden Konflikts müsste das System in Alarmbereitschaft versetzt worden sein. Außerdem müsste es klare Hinweise auf einen gegnerischen Nuklearschlag geben, in Form von Messungen von seismischen Aktivitäten oder erhöhten Strahlungswerten, oder aber militärtechnischen Daten, die Raketenstarts in größerem Ausmaß belegt hätten. Und drittens: kein Kontakt mehr zur politischen und militärischen Führung. Letzteres wäre von Menschen kontrolliert worden.
Hier soll Perimeter versteckt gewesen sein
Der Begriff „Tote Hand“ und die Vorstellung vom vollautomatischen „Doomsday“-Knopf, der sich automatisch auslöst, treffen also nicht völlig zu. Dennoch hätte mit „Perimeter“, so zumindest die sowjetische Erzählung, binnen einer halben Stunde ein Gegenschlag ausgelöst werden können, der verheerend gewesen wäre.
Berichten zufolge wurde Perimeter 1984 erstmals getestet und ein Jahr später in den Dienst gestellt. Seine Basis soll eine Bunker-Militäranlage im südlichen Ural gewesen sein, gut geschützt im Berg Jamantau. Mit direkter Leitung nach Moskau.
Die Idee einer semiautomatischen oder sogar vollautomatisierten Nuklear-Antwort war dabei nicht neu. Der Politologe Ezra Beudot skizzierte 2017 in einem Beitrag für die „University of Waterloo“, dass Nikita Chruschtschow bereits 1959 erklärt hatte, dass „unsere Waffen automatisch schießen“.
„Das war sicher falsch für die damalige Zeit, zeigt aber den Wunsch der Führung nach einer automatischen Vergeltung“, schreibt Beudot. Vor der Installation von Perimeter sah die sowjetische Strategie vor, bereits bei Anzeichen für einen nuklearen Angriff sofort zurückzuschlagen, noch bevor die amerikanischen Raketen ihr Ziel erreicht hätten. Das machte das Wettrüsten so brisant. Wäre ein Nuklearschlag aufgrund eines Irrtums ausgelöst worden, hätte das verheerende Folgen gehabt.
Was wurde aus Perimeter?
Perimeter sollte unanfällig für solche Fehler oder Missverständnisse sein. Einige Experten sind deshalb überzeugt: Es ist auch diesem System zu verdanken, dass eine nukleare Eskalation im Kalten Krieg verhindert wurde.
Doch was wurde aus Perimeter?
Im Juli 1991 einigten sich die USA und die UdSSR im Start-1-Vertrag auf eine gegenseitige Reduzierung ihrer strategischen Atomwaffen. Im Zuge dieses Abkommens soll ein paar Jahre später auch Perimeter aus der Gefechtsbereitschaft genommen worden sein.
Heute gehen Militärexperten allerdings davon aus, dass Russland weiterhin ein ähnliches Kommunikations- und Kommandosystem besitzt, das im Ernstfall einen größtenteils automatisierten Gegenschlag auslösen könnte.
Russischer Ex-Militär: Perimeter existiert noch
Genährt wird diese Einschätzung von Äußerungen ehemaliger russischer Militärs wie Valery Yarynich. Der frühere Oberst der sowjetischen bzw. russischen Streitkräfte hat nach eigenen Angaben Perimeter mitentwickelt und darüber ein Buch geschrieben („The Russian ‘Dead Hand’: The Soviet Union’s Nuclear Weapons Strategy“). In Interviews wie 2009 mit dem US-Online-Magazin „Wired“ gab er an, ein solches System würde noch immer existieren.
Die größte Wirkung der „Toten Hand“
Eine offizielle Bestätigung für Perimeter gab es nie. So lässt sich schwer überprüfen, wie das damalige System funktionierte und ob es wirklich ein Nachfolgesystem gibt. Fest steht: Es ist im Interesse des Kremls, Rivalen und Gegner im Unklaren über seine Nuklearkapazitäten zu lassen.
Vielleicht liegt darin die größte Wirkung von Perimeter: dass niemand mit Sicherheit sagen kann, wie tot die Hand eines russischen Zweitschlags heute wirklich ist.
Quellen: https://www.wired.com/2009/09/mf-deadhand/
https://openjournals.uwaterloo.ca/index.php/whr/article/view/154
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