Oberflächlich stehen die Zeichen bei Opel in Rüsselsheim auf Aufbruch: Die deutsche Automarke aus dem Stellantis-Konzern baut sich derzeit eine neue, grüne Zentrale an ihrem Stammsitz. Doch tatsächlich höhlt der Konzern die Traditionsmarke immer weiter aus.
Denn Opel streicht weitere Arbeitsplätze. Diesmal trifft es allein Ingenieure: 650 der hoch qualifizierten Stellen fallen weg, nur noch 1000 Entwickler sollen übrig bleiben. Laut einem Unternehmenssprecher ist das eine Spätfolge des Übergangs von Opel von GM in den Stellantis-Konzern.
In Rüsselsheim fallen wichtige Aufgaben weg, die an anderen Stellantis-Standorten ebenfalls erledigt werden. Die Prototypen-Entwicklung ist bereits geschlossen worden, nun folgt das Zentrallabor, in dem unter anderem Materialien getestet werden. Bestehen bleiben sollen etwa Aufgaben zu Fahrassistenten, digitaler Beleuchtung und zur Entwicklung von Opel-Modellen.
Bei Opel läuft ohnehin ein Stellenabbau, der mit dieser Entscheidung weiter verschärft wird. Insgesamt arbeiten in Rüsselsheim 6800 Menschen für Stellantis – 850 weniger als vor einem Jahr. Die Entwicklungsabteilungen hat es in den vergangenen Jahren bereits hart getroffen. Vor dem Verkauf durch GM im Jahr 2017 sollen an dem Standort noch 7000 Ingenieure gearbeitet haben.
Die Agentur dpa meldete am Freitag aus Konzernkreisen, ein neuer Opel-SUV werde federführend von der chinesischen Stellantis-Beteiligung Leapmotor entwickelt. Von Opel komme nur noch das äußere Design. Gebaut werden solle das Elektroauto in Spanien.
Aufbau anderswo
Und während in Rüsselsheim Ingenieure in den vorzeitigen Ruhestand gehen oder Abfindungen erhalten, sucht Stellantis anderswo Entwickler – wenn auch für andere Aufgaben. Konzernchef Antonio Filosa will damit die Qualität steigern, die unter seinem sparbegeisterten Vorgänger Carlos Tavares gelitten hatte. In den USA hat Stellantis bereits 2500 neue Ingenieure rekrutiert. In Frankreich hat der Konzern 1400 Neueinstellungen angekündigt, darunter 700 Ingenieure. In Italien kommen immerhin 100 Entwickler für den Fiat 500 Hybrid hinzu.
Am Opel-Standort Rüsselsheim läuft es derweil umgekehrt. Wie der nun angekündigte Stellenabbau abläuft, ist noch unklar. Stellantis kündigte Verhandlungen mit den Betriebsräten an. Bislang sei das Unternehmen allerdings ohne betriebsbedingte Kündigungen ausgekommen, hieß es. Zudem sichere die Entscheidung immerhin langfristig die verbliebenen Aufgabenbereiche für die Entwickler an dem Standort. Der Umbau solle Ende 2027 abgeschlossen sein.
Entwickler haben in der deutschen Autoindustrie derzeit auf breiter Front einen schweren Stand. Die Branche spart wegen der schwachen Nachfrage inzwischen vermehrt in dem Zukunftsbereich. Der Zulieferer Mahle etwa will nach enttäuschten Hoffnungen bei Wasserstoff und Elektrifizierung Entwicklungshoffnungen beerdigen und Stellen sparen.
Auch der aus dem Continental-Konzern herausgelöste Zulieferer Aumovio hat angekündigt, die Kosten in dem Bereich deutlich senken zu wollen. Bis zu Jahresende sollen weltweit 4000 Entwickler-Stellen wegfallen. Im Vorjahr waren es bereits 3000.
Zudem verlagern die Autobauer einen Teil der Entwicklung ins Ausland. Ein Grund ist der starke Marktanteilsverlust in China. Die verstärkte Entwicklung in dem Land soll verlorenes Territorium zurückgewinnen. Volkswagen etwa hat sein Entwicklungszentrum dort deutlich ausgebaut und kürzlich das erste komplett in China entworfene Modell vorgestellt – ohne Ingenieurskunst aus Deutschland.
Das spiegelt auch die Zahl der offenen Stellen in der Branche: Die Nachfrage nach Ingenieuren geht zurück. Die Zahl der offenen Stellen im Bereich Entwicklung ist laut Daten des Mediaforschungsunternehmen Index 2025 um 29 Prozent gesunken.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Christoph Kapalschinski berichtet als Redakteur über die Autoindustrie.
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