Das Tor zum Luxus sind zwei graue Vorhänge. Dahinter steht ein großer Sessel mit Liege-Funktion, zwei Monitoren, einem Schminktisch. Eigentlich ist es ein Fensterplatz, aber leider ist die Aussicht nicht gut: Die First-Class-Kabine der Fluggesellschaft Emirates steht nur als Attrappe zum Ausprobieren auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB), die gerade in Berlin begonnen hat. Die Kabine und der Sessel bleiben am Boden. So wie die echten Flugzeuge, die sonst zwischen Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) fliegen.
62 Maschinen fallen aktuell pro Woche aus, weil der Luftraum über den Ländern des Mittleren Ostens gesperrt ist, heißt es von der Fluggesellschaft. Statt um Luxus-Innovationen wie die neue Kabine dreht sich in Halle 6.2 auf dem Messegelände in Berlin nun alles um die Angriffe auf den Iran – und die wahllosen Vergeltungsschläge des Mullah-Regimes auf nahegelegene Länder. Die wirtschaftlichen Folgen für die Reisebranche dürften enorm sein, selbst wenn der Krieg nur noch wenige Wochen dauern sollte, wie es US-Präsident Donald Trump kürzlich ankündigte.
Mehr als 17 Millionen Urlauber flogen im vergangenen Jahr allein nach Dubai. Und die meisten Touristen kommen aus Europa. Ob die Staaten am Golf an diesen Boom nach dem Krieg anknüpfen können, ist eine der großen Fragen auf der ITB.
Auf der Messe treffen sich Reiseveranstalter, Hoteliers und Vertreter von mehr als 190 Ländern, normalerweise. Vergangenes Jahr kamen 100.000 Besucher. Und eigentlich lag die Region „Middle East“ gerade noch voll im Trend.
So war es wenigstens vor dem Krieg mit Iran. Erst vor einer Woche gab die deutsche Airline Eurowings bekannt, Dubai-Direktflüge künftig auch auf den Sommerflugplan ausweiten zu wollen. Die arabischen Länder hatten ebenfalls große Hoffnung in den Tourismus gesetzt. „Die Länder des Golfkooperationsrates sind dabei, ihre Wirtschaft strategisch zu diversifizieren, weg von Öl und Gas, wobei der Tourismus als eine wichtige Branche anerkannt wird“, steht auf der Website der Arabisch-Deutschen Handelskammer Ghorfa.
In Berlin bleibt der Mittlere Osten nun klar hinter den Erwartungen zurück, kriegsbedingt. Auf der ITB trägt die Halle 6.2 den Namen der Region. Dort sind die Stände der wichtigsten Reiseländer aufgebaut. Werbeplakate für Quad-Touren und Fünf-Sterne-Hotels gibt es zuhauf. Aber an den Ständen fehlt das Personal.
„Aufgrund der geopolitischen Lage und den Luftraumschließungen kann das Team aus Dubai nicht anreisen“, schreibt Emirates auf Anfrage. Auch der große Dubai-Stand, ein aufwendiger Bau auf zwei Etagen und mit angeschlossenem Café, muss auf eine Minimalbesetzung zurückgreifen. Die Vertretung Jordaniens bleibt dieses Jahr geschlossen, Israel sagte seine Teilnahme am ITB ebenfalls kurzfristig ab. Der Stand ist verwaist. An der Stelle, an der eigentlich der Iran einen Stand bekommen sollte, steht nun eine Fotoausstellung zum Thema „60 Jahre ITB“.
Eine, die es zum Treffen geschafft hat, ist Ruba Mousa von der kleinen Airline Fly Cham aus Syrien, die aus Damaskus und Aleppo operiert. Umständlich sei die Anreise zwar gewesen, viel mehr beschäftige sie aber, wie es in den nächsten Wochen weitergehen soll. „Eine Katastrophe“ sei die Situation schon jetzt, sagt Mousa. Auch der wirtschaftliche Schaden dürfte enorm sein.
„Gerade dachten wir, dass sich der Tourismus in Syrien erholen könnte“, sagt sie. „Nun ist die Lage wieder schlimm. Sehr viele Fluggäste haben ihre Reise mit uns schon verschoben oder ganz abgesagt.“ Droht eine Pleite? Zumindest „große Probleme“, sagt Mousa. Weitere Prognosen wage in der Branche niemand.
30.000 Touristen warten auf Rückreise
Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) zufolge sind aktuell etwa 30.000 Kunden deutscher Reiseveranstalter in der Region gestrandet. Auch Christoph Ploß (CDU), Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft und Tourismus, spricht von „großen Auswirkungen“ die der Konflikt habe. Wer gerade gestrandet sei, solle sich mit Reiseveranstaltern in Verbindung setzen und in der Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amts registrieren.
Die Regierung schätzt bisher nur, in welcher Größenordnung Rückholflüge notwendig sein könnten. Am Mittwoch soll ein erster offizieller Flieger Urlauber zurück nach Deutschland bringen. Der Reiseveranstalter Tui hat bereits erste Touristen aus Dubai ausgeflogen.
Gelöste Stimmung gibt es auf der ITB dieses Jahr trotzdem. Allerdings erst eine Halle weiter. Am Stand der italienischen Region Venetien wird gut gelaunt Risotto gekocht. Das sei schon seit Jahren ein Highlight für viele Besucher, sagt Matteo Azzali, der das Reiseziel auf der ITB vertritt. Dieses Mal sei die Schlange besonders lang, die Messebesucher stehen bis zum Halleneingang für eine Portion an.
Könnte Italiens Tourismusbranche einer der Profiteure des Krieges werden? Schon lange stehe man auch in Konkurrenz zu anderen Reisezielen. Bisher weniger mit Dubai, sondern eher der Adriaküste und den Ländern am Mittelmeer. „Italien“, sagt Azzali, „ist eher rustikal und weniger fünf Sterne“.
Aus seiner Sicht sind die Chancen nicht schlecht, dass künftig noch mehr Urlauber für Nordostitalien entscheiden. „In Treviso gibt es seit kurzer Zeit einen neuen Flughafen“, sagt Azzali. „Bestimmt landen dort bald auch ein paar Dubai-Touristen.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Felix Seifert ist Redakteur im Ressort Wirtschaft und Innovation. Er schreibt unter anderem über die Themen Karriere, Verbraucher, Mittelstand und Immobilien.
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