Die Zukunft von Johannes Golla beschäftigt Handball-Deutschland seit Wochen. Der Kapitän der Nationalmannschaft möchte nur wenige Monate nach seinem Wechsel von der SG Flensburg-Handewitt zur MT Melsungen aus familiären Gründen zurück in den Norden. Sein Vertrag in Melsungen läuft bis 2031, beide Klubs verhandeln über einen möglichen Wechsel.
Beim letzten Nationalmannschafts-Lehrgang vor der finalen Vorbereitung auf die Heim-WM nahm sich Golla Zeit für ein Interview. Vor dem Duell in der EM-Qualifikation am Sonntag (18 Uhr, Dyn und sportschau.de) in der Slowakei spricht er über seine schwierige Vertragssituation und den Wirbel um seine Zukunft. Vor allem aber über das, was im Januar ganz Deutschland elektrisieren soll: die Heim-WM, den Traum vom Titel, ein mögliches Finale gegen Dänemark und die Frage, was dem DHB-Team noch fehlt, um Weltmeister zu werden.
Frage: Herr Golla, Ihre bekannt gewordene Absicht, von der MT Melsungen zurück nach Flensburg gehen zu wollen, hat für Wirbel gesorgt. Wie sehr beeinträchtigt Sie die Situation im Verein bei der Nationalmannschaft?
Golla: Sportlich gar nicht. Ich habe mich sehr auf die Woche und den Tapetenwechsel gefreut. Es tut gut, rauszukommen und mit den Jungs in der Nationalmannschaft zu sprechen. Das bringt einen einfach auf andere Gedanken. Ich merke, dass ich mich hier genauso bewege wie immer und große Vorfreude auf die Spiele und die Heim-WM habe. Alles andere kann ich ganz gut ausblenden.
Frage: Es wird viel diskutiert, viel geredet. Wie ist der Stand? Wird die Causa Golla bis zur Heim-WM im Januar geklärt sein?
Golla: Ich weiß nicht, ob sie geklärt sein wird. Ich hoffe, selbst wenn nicht, dass das Thema die Heim-WM nicht überlagert. Alle Seiten sollten das Interesse haben, sich gerade im Januar auf den Handball und die positiven Dinge zu konzentrieren. Wenn ich auf dem Spielfeld stehe, steht der Sport sowieso an erster Stelle. Ich hoffe, dass es bei der Heim-WM kein Thema sein wird.
Frage: Kommen wir zur Nationalmannschaft, zwei Monate vor der Heim-WM. Sie sind seit Montag in Berlin zusammen. Wie erleben Sie das Team?
Golla: Die Stimmung ist super. Das grundsätzliche Gefühl ist, dass alle Spieler sehr gut drauf sind. Man hat nicht das Gefühl, dass jemand hierhergekommen ist, um aufgepäppelt zu werden. Alle kommen mit einem guten Gefühl und Selbstvertrauen. So können wir auf einem guten Niveau arbeiten.
Frage: Wo müssen Sie den größten Schritt machen?
Golla: In der Abwehr müssen wir kompakt und leidenschaftlich verteidigen. Dazu gehören Absprachen und das Gefühl füreinander. Im Angriff müssen wir technische Fehler abstellen und besser vorm Tor werden. Dazu müssen wir diesen Flow in unser Spiel bekommen, wie bei Olympia 2024.
Golla während der Spiele 2024Frage: Ist Olympia 2024 damit eine Blaupause für den Handball-Januar 2027?
Golla: Das ist schwierig zu vergleichen, weil auch andere Spieler dabei sind. Damals hat es einfach gepasst. Wir haben gezeigt, dass wir den Ball gut laufen lassen und gute Entscheidungen treffen können. Das Ziel ist, das wie Dänemark in jedem Spiel abzurufen. Und wenn mal etwas schiefgeht, nicht in Zweifel zu geraten. Wir wissen, was wir können, und machen im nächsten Angriff ohne Verunsicherung weiter.
Frage: Viele erwarten wieder ein Finale Deutschland gegen Dänemark. Ist das für Sie eine Wertschätzung oder eine Gefahr?
Golla: Sowohl als auch. Es ist positiv, dass wir diese Wertschätzung erhalten und respektiert wird, was wir geleistet haben. Gefährlich wird es, wenn wir selbst anfangen zu glauben, dass wir schon in den K.-o.-Spielen sind. Auch bei einer Heim-WM muss man sich alles neu verdienen. Wir dürfen die Wertschätzung also genießen, müssen aber immer wissen, wie gut wir spielen müssen, um diese Ziele zu erreichen.
Frage: Was fehlt Ihnen noch zu Dänemark? Nur ein Mathias Gidsel?
Golla: Nein. Die Dänen gehen mit dem Selbstbewusstsein in die Spiele, dass sie die beste Mannschaft sind und immer ein gewisses Niveau erreichen. Auch ein Rückschlag bringt sie nicht aus der Ruhe. Im nächsten Spiel sind sie wieder da, kommen wieder an ihr Optimum. An dieser Konstanz müssen wir arbeiten.
Der beste Spieler der Welt: Mathias GidselFrage: Braucht Deutschland dafür eine breitere Brust?
Golla: Ja, aber das kannst du nicht künstlich erzeugen. Wir können zehnmal sagen, dass wir Dänemark schlagen können. Aber wir müssen uns die Überzeugung erarbeiten, dass es wirklich möglich ist. Dazu fehlt meiner Meinung nach noch der letzte Schritt. Wir müssen noch ein Stück besser werden, um authentisch zu kommunizieren, dass wir ihnen wirklich gefährlich werden können. Aber es geht nicht nur um Dänemark. Frankreich, Spanien, Norwegen, Schweden oder Portugal haben ebenfalls große Ziele. Gegen die hat niemand auf dem Papier schon vorher gewonnen.
Frage: Wächst diese Überzeugung im Turnier oder über Jahre?
Golla: Sowohl als auch. Wir haben in den vergangenen Jahren nötige Schritte getan, um zum Heimturnier mit der Hoffnung anzutreten, dass viel entstehen kann. Mit der Unterstützung der Zuschauer und einem gesunden Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, das wir uns angeeignet haben, kann viel entstehen.
Frage: Schauen Sie vor der WM noch einmal Bilder von 2007, um sich auf einen möglichen Handball-Flow vorzubereiten?
Golla: Ich mache es nicht. Die, die daraus Energie ziehen können, werden sich die Bilder aber sicher anschauen.
Frage: Welche Erinnerungen haben Sie selbst an 2007?
Golla: Ich war neun. Ich habe vor dem Fernseher der Mannschaft die Daumen gedrückt. Im Training haben wir versucht, die Spieler nachzuahmen. „Projekt Gold“ haben wir mit dem Jugendverein zusammengeguckt. Später durfte ich in Flensburg mit Holger Glandorf zusammenspielen. Das war ein Spieler, dem ich als Kind die Daumen gedrückt habe, von dem ich Fan war. Und dann durfte ich mit ihm eine Kabine teilen. Das sind besondere Erlebnisse.
Frage: Welchen Spieler wollten Sie damals nachmachen?
Golla: Wir fanden alle cool. Ich meine mich aber zu erinnern, dass ich Lars Kaufmann immer ganz besonders cool fand. Er war ein junger Spieler, der in wichtigen Momenten Akzente gesetzt hat.
Frage: Heim-WM, volle Hallen, maximale Fanpower. Viele sagen, einfacher kann Deutschland nicht Weltmeister werden.
Golla: Das ist wohl die größte Falle, in die wir reintappen können. Wenn wir nur denken, bis zum Viertelfinale bekommen wir alles auf dem Silbertablett serviert und müssen nur noch essen, wird das nicht funktionieren. Durch die Euphorie kann ein Riesenrückenwind entstehen. Trotzdem müssen wir in Vorleistung gehen, durch guten Handball, Emotionen und akribisches Arbeiten. Damit wir beim Anpfiff gut vorbereitet sind und mit ganz viel Selbstvertrauen rangehen.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“) geführt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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