Es ist 20 Jahre her, dass er eine Nische entdeckte – und in der Fußballbranche binnen kürzester Zeit zu einem Big-Player aufstieg. Marc Kosicke fing damals an, Trainer zu beraten. Sein erster Klient: Jürgen Klopp, ein Freund von ihm und zu diesem Zeitpunkt Trainer in Mainz. Es wurde bekanntlich eine Erfolgsgeschichte. Seit August dieses Jahres arbeiten Klopp, 59, und Kosicke, 55, der u.a. Julian Nagelsmann, Sandro Schwarz und Florian Kohfeldt zu seinen Klienten zählte, gemeinsam für den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Klopp als Bundestrainer, Kosicke als Berater des Trainerteams – und als Co-Trainer für Strategie, Innovationen und Entwicklung.

Als Vincent Kompany, der Coach des FC Bayern, jüngst zusammenbrach, stimmte das nicht wenige im Fußballgeschäft nachdenklich. Auch Marc Kosicke.

WELT: Herr Kosicke, Vincent Kompany, der an einer Hirnhautreizung laboriert, hat eingeräumt zu wenig auf seinen eigenen Körper geachtet zu haben. Was sagt Ihnen diese Aussage über den Umgang von Trainern mit sich selbst?

Marc Kosicke: Dass das nicht ungewöhnlich ist, weil alle Trainer sehr leidenschaftlich und teils exzessiv arbeiten. Trainer vergessen mit Blick auf ihre Arbeit um sich herum sehr viel. Das Thema Achtsamkeit findet bei ihnen so gut wie nicht statt, weil sie sieben Tage in der Woche nur daran denken, wie sie ihre Mannschaft am besten so aufstellen, dass sie am Wochenende bitte ein Tor mehr schießt als der Gegner.

WELT: Rührt das daher, dass ein Trainer glaubt, sich als Führungskraft keine Schwäche eingestehen zu können, da er seine Spieler trainieren, motivieren und vielleicht auch beschützen muss?

Kosicke: Natürlich stellt sich ein Trainer immer zu 100 Prozent vor seine eigene Mannschaft. Andererseits haben Trainer mittlerweile auch viele Experten um sich herum. Wenn ich auf meine Anfangszeit als Berater von Trainern zurückblicke (2006 – d. R.), gab es an der Seite von einem Chefcoach einen Co-Trainer, einen Torwarttrainer, einen Fitnesstrainer und einen Physiotherapeuten. Inzwischen ist der Staff viel größer. Das heißt, dass ein Trainer neben seiner Mannschaft auch dieses Team managen muss. Und das wiederum bedeutet, dass du als Trainer viel mehr Management-Skills benötigst als zuvor. Das Bild von einem Trainer im Trainingsanzug mit Stoppuhr und Trillerpfeife in der Hand ist komplett überholt. Hinzu kommt, dass viele Trainer bei Klubs arbeiten, in denen nicht wenige Verantwortliche kommunikativ von ihnen abgeholt werden wollen. Und dann sind da noch die Medien, mit denen gesprochen werden muss. Da kann so ein Tag schon mal lang werden. Bei Trainern, die auf einem Niveau wie Vincent Kompany arbeiten, darf man zudem nicht vergessen, dass sie alle drei, vier Tage auch noch ein Spiel gewinnen müssen. Das verhält sich in Liverpool so, in Madrid, Barcelona, Paris oder in München. Da kann man noch ganz viele andere Klubs aufzählen, bei denen davon ausgegangen wird, dass ein Trainer einfach jedes Spiel gewinnt. Dieser Druck ist schon immens.

Wann Vincent Kompany wieder an der Seitenlinie stehen wird, ist noch offen. Der Trainer des FC Bayern ist krankgeschrieben

WELT: Liegt der Fehler im System?

Kosicke: Ich glaube, dass man das System nicht nur dafür verantwortlich machen kann, frei nach dem Motto: Augen auf bei der Berufswahl. Als Trainer bist du letztlich immer derjenige, der den Kopf hinhält und am Ende die Verantwortung für die Performance hat. Und je höher du spielst und je mehr Erfolg du hast, ist der Druck eben höher. Ich glaube, den besten Job – wenn man das so sagen darf – hat eigentlich ein Trainer, der einen Bundesligisten im Mittelfeld betreut. Du hast keine internationalen Spiele, aber am Wochenende ein Spiel, von dem du das Ergebnis und den Auftritt deiner Mannschaft danach ausführlich analysieren kannst, um dich in Ruhe auf die kommende Aufgabe vorzubereiten. Den Druck, alle drei, vier Tage gewinnen zu müssen, hast du nicht. Zudem bleiben dir die Reisestrapazen erspart. Bei den vergangenen vier Länderspielen habe ich mal am eigenen Leib erfahren, wie das so ist, wenn man sich beispielsweise für zwei Tage auf den Weg irgendwohin begibt: im Bus zum Flughafen, Flug, dann ins Hotel, Teamgespräche, Einzelgespräche, Training, Analysen, dann das Spiel, Pressekonferenzen, Interviews, schauen, wer verletzt ist. Und wenn du zurückkommst, wartet bereits das nächste Spiel. Auf Dauer ist das sehr, sehr viel. Im Zuge der Geschichte um Vincent Kompany kam Jürgen (Klopp – d. R.) zu mir und sagte: „Hey, ich weiß gar nicht, wie wir das in neun Jahren alles gemacht und geschafft haben.“

WELT: Er meinte die neun Jahre als Trainer beim FC Liverpool.

Kosicke: Ja.

WELT: Gab es denn rückblickend Momente, in denen Jürgen Klopp mal meinte, bis hierhin und nicht weiter?

Kosicke: Er hat eine große Gabe, Dinge, die geschehen, schnell zu verarbeiten – insbesondere Negativerlebnisse. Ein Negativerlebnis betrachtet er eher als eine Information: Okay, da lief etwas falsch. Dann lasst uns jetzt an einer Lösung dafür arbeiten, wie wir es besser machen können. Wenn Sie sich an das Video vom Januar 2024 erinnern, in dem er seinen Abschied aus Liverpool verkündet, da sagte er unter anderem, dass ihm die Energie ausgeht und er nicht mehr die nötige Energie hat, den Klub mit all seinen Zielen auf diesem Niveau weiter trainieren zu können. Er war weder erschöpft noch hatte er ein Burnout, aber er hatte für sich gemerkt, dass ihm 15, 20 Prozent im Tank fehlen – und wenn das der Fall ist, reicht es eben nicht mehr.

WELT: Ein langjähriger erfolgreicher Trainer sagte uns kürzlich in einem Gespräch, dass es jedoch immer auch eine Frage der Selbstverantwortung sei – unter anderem zu lernen, die wichtigen von den unwichtigen Dingen zu trennen und Themen bewusst anzugehen, sei es das Essen, für das man sich Zeit nimmt.

Kosicke: Absolut. Doch wie so oft im Leben, schärft man die Sinne dafür erst mit einer gewissen Lebenserfahrung und dem entsprechenden Alter. Jürgen (Klopp – d. R.) hat sich auch verändert und über die Jahre erst gelernt, was Leadership bedeutet und was es heißt, Verantwortung zu übertragen. Trainer machen zu Beginn ihrer Laufbahn viel selbst. Irgendwann merken sie, dass sie nur noch nebenbei essen und selbst überhaupt keinen Sport machen, obwohl sie täglich mit Sportlern arbeiten. Insofern ist es eine Frage der Selbstdisziplin, ja.

WELT: Bedarf es Experten oder Personen im Umfeld, die auch ein Auge auf den Trainer haben?

Kosicke: Mit Sicherheit. Aber gerade in jungen Jahren verhält es sich doch bei vielen Menschen im Berufseinstieg so, dass sie viele Dinge tun, weil sie es gut so finden, wie sie es machen – und gar nicht wissen, dass es auch anders und vielleicht in einigen Bereichen sogar besser geht. So ist es, glaube ich, auch bei den Trainern. Du fängst irgendwann an und machst erst einmal alles selbst, obwohl du einen Staff hast. Aber du glaubst eben, dass nur du weißt, wie es am besten funktioniert. Irgendwann checkst du, dass du Experten an deiner Seite hast, die es in dem einen oder anderen Bereich besser handhaben als du. Dann fängst du langsam an, Verantwortung abzugeben. Das gibt dir die Möglichkeit, wieder ein wenig mehr Zeit für dich zu haben und diese so nutzen, dass es dir persönlich besser geht – auch gesundheitlich. Das ist ein Prozess.

Meister, Pokalsieger und Champions-League-Gewinner: Ottmar Hitzfeld gewann mit den Bayern und dem BVB viele Titel

WELT: Ottmar Hitzfeld, ehemals erfolgreicher Coach beim BVB und dem FC Bayern, hat in einem Interview mit dem „Kicker“ jüngst sehr offen mit Blick auf das Jahr 2004 Folgendes gesagt: „Ich litt unter Schlaflosigkeit und Depressionen. Morgens wollte ich lieber die Decke über den Kopf ziehen, statt aufzustehen. Ich wollte nicht mehr in meine Welt, in diesen Dschungel, in dem ich, obwohl angeschlagen, den starken Mann spielen musste. Jammern darüber, dass es mir nicht so gut ging, konnte ich mir als Trainer nicht erlauben.“

Kosicke: Je höher das Niveau ist, auf dem du mit deiner Mannschaft agierst, umso größer wird natürlich das mediale Brennglas. Ganz zu schweigen von der Bedeutung deiner Arbeit mit Blick auf die Wichtigkeit aller Wettbewerbe, in denen der Klub vertreten ist. Mag im Duden vielleicht stehen, dass der Trainer derjenige ist, der die Übungseinheit anleitet und korrigiert, aber mitnichten hat ein Trainer nur diese eine Aufgabe, zumal das der Trainer auch nicht mehr macht. Ein Trainer ist mittlerweile ein Manager. Er managt sein Team, er managt seine Spieler. Und eine Sache darf man in der heutigen Zeit bei all den Diskussionen auch nicht vergessen…

WELT: …was?

Kosicke: Social Media. Die Flut an Informationen, das ständige Beurteilen und sogar Verurteilen – und alles in Echtzeit. Das ist eine ganz andere Form von Druck, nicht zu vergleichen mit dem, was Trainer früher erlebt haben.

WELT: Sie haben knapp 20 Jahre Trainer beraten. Wie groß ist die psychische Belastung eines Fußballtrainers tatsächlich?

Kosicke: Ich vergleiche das immer ein wenig mit einem CEO eines DAX-Unternehmens. Der große Unterschied ist nur, dass der CEO eines DAX-Unternehmens in der Öffentlichkeit viermal im Jahr den ganz großen Druck hat, wenn er die Quartalszahlen bekanntgeben muss – und die Gründe dafür. Ein Trainer spürt den Druck jedes Wochenende, teilweise sogar unter der Woche. Ich glaube, dass sich der Druck auf Trainer verschärft hat. Die durchschnittliche Verweildauer eines Trainers ist viel kürzer, zudem waren Trainer früher in einem Closed-Shop. Wenn ein Bruno Labbadia oder ein Friedhelm Funkel bei Stuttgart oder Frankfurt rausgeflogen sind, haben sie danach in Hamburg, Düsseldorf oder Köln gearbeitet. Es fand sich quasi immer Anschluss. Doch wenn du heute zwei Jobs hattest, die nicht so erfolgreich gewesen sind, musst du dich wieder ganz hintenanstellen. Ich glaube, aktuell sind in Deutschland weit über 400 Fußballlehrer registriert, die die Erlaubnis hätten, in der Bundesliga zu trainieren. Nehmen wir die ersten beiden Ligen, dann gibt es 36 Jobs, von denen derzeit einige mit Trainern aus Österreich, Spanien oder den Niederlanden besetzt sind. Dann wird die Luft nach oben ganz schön dünn – und der Druck dementsprechend größer.

WELT: Sind denn Trainer mal in Ihrer Zeit auf Sie zugekommen und haben gesagt, dass es Ihnen mental schlecht geht?

Kosicke: Ja, natürlich. Es war meine größte Aufgabe, Situationen wie diese zu handhaben. Ich hatte relativ selten Kontakt zu Trainern, bei denen es gut lief. In meinem Job war ich eigentlich eher für diejenigen da, bei denen es sportlich mal nicht so gut geklappt hat. Wenn ein Trainer eine Misserfolgsserie hat, kannst du quasi beobachten, wie sich das Umfeld langsam, aber sicher von ihm entfernt. Hinzu kommt noch die öffentliche Demütigung, was ich in Bezug auf den Trainerjob am schlimmsten finde. Du wirst rausgeschmissen – und hast ab diesem Moment keinen Marktwert mehr, weil es heißt, dass der es nicht kann. Es dann aber wieder zu schaffen, das Selbstvertrauen des Trainers zu stärken und Stakeholder von den Fähigkeiten dieses Trainers zu überzeugen, der viele Dinge ja auch gut gemacht hat, das war mein Hauptjob.

WELT: Interessant zu beobachten war im Zuge der Kompany-Geschichte, wie viele Trainer sich zu Wort gemeldet haben.

Kosicke: Weil jeder von ihnen fühlt, was ihm passiert ist. Ich finde, die Geschichte hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, darauf zu achten, sich mit Menschen zu umgeben, die dir Energie geben – und dass du selbst Freude aus dem ziehst, was du machst. Auch privat, mit deinen Kindern, mit deiner Familie. Da fällt mir eine Anekdote von 2014 ein. Jürgen (Klopp – d. R.) war damals auf einer Trainertagung, beim BVB lief es sportlich nicht so gut. Als er ankam, traf er drei, vier Trainer in der Lobby, die alle zu diesem Zeitpunkt ohne Job waren. Er hielt kurz inne und dachte, oh, die hätten gern meine Probleme. Ob Trainer, Sportdirektor oder Manager – du wirst dafür bezahlt, Probleme zu managen. Da ist es ab und an trotz des ganzen Drucks vielleicht mal ratsam, einen Schritt zur Seite zu treten und zu fragen, was denn hier eigentlich passiert? Mag sein, dass es Probleme gibt und Spiele verloren werden, doch niemand operiert am offenen Herzen oder muss einen Brand löschen. Es ist nur ein Spiel.

WELT: Womit wir wieder beim Bewusstsein für das Wesentliche wären.

Kosicke: … oder der Achtsamkeit. Die Zeit dafür, mal etwas für sich zu machen, mal nicht auf das Handy zu schauen, etwas Sport zu treiben oder gedanklich einfach mal nur bei sich zu sein, muss man sich nehmen. Diese Zeit ist auch da. Und wenn man einfach mal nur ganz stupide zehn Minuten aus dem Fenster schaut.

WELT: Gibt es Lösungen dafür, es Trainern in ihrem Job künftig etwas leichter zu machen?

Kosicke: Ich finde, dass man in München aktuell sieht, wie gut es ist, dass es um den Trainer herum ein gutes Team gibt, das nun, wo er nicht da ist, hervorragend funktioniert. Der Klub ist bestens aufgestellt und vermittelt nach außen hin zudem das Gefühl, alles im Griff zu haben. Das ist sehr wichtig. Zudem hilft natürlich auch eine gewisse Selbsterkenntnis. In dem Fall bedeutet es, zu erkennen, zu spüren, dass es auch mal ohne mich läuft. Das ist ja auch eine schöne Erkenntnis. Ein jeder sollte stets auf sich schauen und dafür sorgen, dass er gesund ist. Denn wenn du nicht gesund bist, hat deine Mannschaft nichts von dir – und deine Familie auch nicht. Die Gesundheit ist nun mal extrem von Bedeutung, insbesondere auch in einem Job, der permanent öffentlich beurteilt wird.

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