Es war kein klassisches Torschusstraining, das wäre psychologisch vielleicht auch ein wenig plump gewesen. Aber dass Miron Muslic verstärkt an den offensiven Abläufen arbeiten ließ, war in den vergangenen Tagen offenkundig: Passspiel, schnelles Umschalten – und natürlich Torabschluss. Im Training klappte das auch ganz gut. Doch es war halt nur Training.
Ein königsblaues Königreich für ein Tor – nach dieser Parole, in der auch schon wenig Verzweiflung mitschwingt, versuchte der Schalker Trainer seine Mannschaft auf das Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim am Sonntag (19.30 Uhr/live DAZN und im Liveticker bei WELT) vorzubereiten. Irgendwie muss doch diese erschreckende Harmlosigkeit, die die Offensivbemühungen der Gelsenkirchener kennzeichnet, überwunden werden.
Loris Karius ist bisher der beste Schalker in dieser Saison„Es ist eine Scheißsituation und es wird nicht einfacher. Wir müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tore machen, Tore machen, Tore machen“, sagte Torhüter Loris Karius, der freilich selbst am wenigsten dazu beitragen kann, dass sich die bemerkenswerte Negativserie nicht zu einer Rekordserie ausweiten wird. 0:1 gegen Mainz, 0:0 in Köln, 0:2 im DFB-Pokal in Dresden und zuletzt 0:2 gegen Leipzig. Seit vier Pflichtspielen konnte kein eigener Treffer mehr erzielt werden.
Vier Tore in acht Spielen
Schalke kann, so scheint es, machen, was es will – es bleibt auffällig ungefährlich. Dabei ist es auch nicht so, dass es an Effektivität mangelt: Die Mannschaft von Muslic, egal in welcher Besetzung sie auch spielt, erspielt sich einfach zu wenig Möglichkeiten. In den bislang acht Bundesligaspielen gelangen gerade mal vier Treffer – damit stellen die Schalker den schwächsten Angriff in den fünf größten europäischen Fußballligen. Der sogenannte xGoals-Wert, der die Anzahl und Qualitäten von Chancen bewertet, lautet 0,49. Sollte sich nichts ändern, darf der Tabellensiebzehnte also nicht einmal auf ein halbes Tor pro Spiel hoffen. Die Chance auf den Klassenerhalt wäre damit gleich null.
Das zerrt an den Nerven und führt zu Zweifeln an der Qualität der Mannschaft. Die Unruhe im Umfeld des Klubs wächst. „Wir gewinnen keine Spiele mehr, ich weiß gar nicht, was man da noch schönreden soll. Wir kommen da unten nicht raus“, schimpfte Schalkes Ex-Nationalspieler Rüdiger Abramczik. Er sehe schwarz, erklärte er im „Fußball-Legenden-Talk“, einer wöchentlich in der Veltins-Arena abgehaltenen Expertenrunde. Sekundiert wurde der frühere Rechtsaußen von seinem alten Sturmpartner Klaus Fischer. „Wir hatten gegen Leipzig nur eine einzige Torchance“, klagte Abramczik. „Wo denn?“, hakte Fischer ein. Abramczik: „Na ja, aus der einen hätte eine werden können.“ Das hat schon etwas von Galgenhumor.
Fans halten noch zum Team und zum Trainer
Sollte sich derartiger Fatalismus ausbreiten – es wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Dann könnte die Stimmung kippen. Noch hält die überwiegende Mehrheit der Fans still. Sie haben der Mannschaft und vor allem dem Trainer nicht vergessen, wie souverän sie im Mai die Rückkehr in die Bundesliga geschafft haben. Und es wusste ja auch jeder, dass es eine schwere Saison werden könnte.
Fans und Management halten noch zu Trainer Miron MuslicMuslic probiert alles, um die Mannschaft in die Spur zu bringen. Zuletzt gegen Leipzig wagte er sogar eine taktische Umstellung und erhöhte das Risiko. Erstmals verzichtete er auf den dritten Innenverteidiger und ließ mit einer Viererabwehrkette spielen. In der Folge sah es so tatsächlich so aus, als ob dies helfen könnte: In der Anfangsphase wirkte Schalke aktiver. Am Ende stand dennoch die sechste Pflichtspiel-Niederlage in Folge.
„Wir müssen den Mut haben, uns ein Stück weit von unserer defensiven Stabilität zu lösen und einige Dinge auch strukturell ändern“, erklärte Muslic. Die Mannschaft müsse mutiger spielen, um überhaupt in torgefährliche Räume zu kommen. Der Österreicher erinnerte daran, dass es Schalke auch zu Beginn der Rückrunde der vergangenen Saison gelungen war, sich neu zu erfinden. Damals hatte er der Mannschaft einen strategischen Facelift verpasst und sie deutlich offensiver spielen lassen. Das war der Schlüssel für den Aufstieg.
Der Unterschied ist nur: Die taktische Weiterentwicklung, die er im Januar vorgenommen hatte, konnte erfolgreich sein, weil Muslic damals neue Spieler bekommen hatte: Dejan Ljubicic, Edin Dzeko, Adil Aouchiche und Moussa Ndiaye. Mit ihnen kamen Spielwitz, Erfahrung und Dynamik. Es waren – auf Zweitliganiveau – Spieler, die den Unterschied machen konnten.
Auf dem deutlich höheren Erstliganiveau ist das schwerer. Ndiaye konnte nicht gehalten werden, Ljubicic ist verletzungsanfällig, Dzeko – mittlerweile 40 – spürt sein Alter, Aouchiche kämpft mit seiner Form. Junior Adamu und Hee-chan Hwang, die im Sommer als Alternativen für die Offensive geholt wurden, sind nicht ansatzweise integriert. So erfolgreich die Einkaufspolitik in der vergangenen Saison auch war – im Hinblick auf die aktuelle Spielzeit hat sich kein Zugang als Verstärkung erwiesen.
„Es wird keine Diskussion über den Trainer geben“
Ob es im Winter Nachbesserungen geben kann, ist offen. „Wir analysieren, was die Mannschaft braucht. Unser unmittelbarer Fokus liegt darauf, mit dem vorhandenen Kader bessere Leistungen zu erzielen“, sagte Frank Baumann. Der Sportvorstand müsste, um tätig zu werden, ohnehin wohl Mittel dafür freisetzen: idealerweise durch Verkäufe. Wegen der nach wie vor angespannten Finanzlage gibt es keine Garantien, dass Muslic Verstärkungen bekommt. Das wiederum erhöht den Druck auf den Trainer.
Eine Trainerdebatte wäre allerdings das schlechteste aller Szenarien. Dem versucht Baumann vorzubeugen – so gut es geht. „Um es klar zu sagen: Es wird in den kommenden Wochen und Monaten keine Diskussionen über Miron geben“, erklärte er gegenüber „Sportbild“. Er habe Vertrauen in Muslic. Im Übrigen sei er der Meinung, „dass unser Kader gut genug ist, um den Klassenerhalt zu schaffen“, so Baumann. Mit der Beweisführung sollten sich die Schalker nicht mehr viel Zeit lassen.
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