Als sie am Abend des 22. Februar bei der Schlussfeier der Winterspiele gemeinsam die deutsche Fahne in die historische Olympic Arena von Verona trugen, sollte das die Krönung ihrer eindrucksvollen Sportkarriere sein. Das Ende ihrer beispiellosen Erfolgsserie war für die „Turbo-Tobis“ aus Berchtesgaden beschlossene Sache. Das seit einem Vierteljahrhundert gemeinsam auf einem Schlitten sitzende Dream-Team hatte mehr erreicht, als es jemals zu träumen gewagt hatte. Erst recht, weil dem Duo im Eislabyrinth von Cortina d’Ampezzo mit der deutschen Teamstaffel auch noch ein historischer Sieg gelungen war. Es war das siebte Olympiagold für Tobias Wendl und Tobias Arlt – so häufig wurde noch für keinen anderen Deutschen beim weltweit wichtigsten Wintersportfest die Nationalhymne gespielt.

Es klang also nur allzu verständlich, dass sie sagten: „Das war’s. Die nächsten Spiele werden wir nicht mehr angehen.“ Statt sich langfristig auf einen fünften Olympiastart vorzubereiten, wollten sie künftig mehr Zeit mit ihren Familien verbringen und gemeinsam die Welt bereisen. Dieses Vorhaben stellen sie jetzt aber erst einmal wieder hintan. Mit Enthusiasmus nehmen Wendl und Arlt nunmehr das, wie sie es formulieren, „Projekt Olympia 2030“ in Angriff – sprich, sie wollen in vier Jahren bei den Winterspielen in den französischen Alpen wieder am Start stehen. Ihre jetzt schon einzigartige Legendengeschichte könnte somit noch um einige Kapitel aufgewertet werden.

„Wir gehen die Herausforderung ohne Wenn und Aber an, unsere Leidenschaft für den Rodelsport ist ungebrochen“, sagt Tobias Wendl WELT AM SONNTAG. Tobias Arlt, der auf dem Schlitten unten liegt, weil er kleiner und leichter ist, ergänzt: „Die Tobis sind noch nicht fertig. Unser Erfolgshunger ist längst noch nicht gestillt. Da geht ganz bestimmt noch etwas.“ Es ist unschwer zu spüren, dass sich Sportsoldat Wendl und sein bei der Bundespolizei angestellter Mitstreiter wieder in ihrem Element befinden.

Wendl/Arlt: Skimarathon für die Fitness

Was aber bewegte sie nun zum Umdenken? „Hinter uns liegt ein Sommer, in dem wir intensiv unsere sportliche Vergangenheit reflektiert haben“, erzählt Wendl. „So oft und tiefgründig wie in den zurückliegenden Monaten haben wir noch nie über unsere gemeinsame Karriere gesprochen. Letztlich kamen wir an den Punkt, wo wir uns fragten: Wollen wir es nicht noch einmal probieren?“ Wesentlich beeinflusst wurde das Ja auf diese Frage dadurch, „dass wir gesund sind und uns körperlich topfit fühlen“, betont Arlt. „Das mag nach den vielen Jahren im Hochleistungssport und in unserem Alter kurios klingen, aber es ist so. Warum also sollten wir aufhören, zumal uns das Rodeln noch immer unheimlich viel Spaß macht?“

Wendl und Arlt galten in ihrer Sportart schon als Oldies, als sie sich nach ihren Doppeltriumphen 2014 in Sotschi, 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking in Cortina wieder der Konkurrenz stellten. Und dann standen sie dort mit knapp 39 Jahren auf dem obersten Medaillentreppchen, so alt war noch kein Rodel-Olympiasieger vor ihnen. Ihr Credo nunmehr lautet: „Wir wollen uns und der Welt beweisen, dass das Alter nur eine Zahl ist.“

Zum Abschluss der Rodel-Wettbewerbe haben Tobias Wendl und Tobias Arlt Sportgeschichte geschrieben. Mit insgesamt sieben Olympiasiegen sind sie Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympioniken. Wie die beiden die historische Gold-Medaille in der Team-Staffel bewerten haben sie im Interview bei WELT TV verraten.

Ihren Fitnesszustand führen die zehnmaligen Weltmeister und siebenmaligen Gesamtweltcupgewinner, die neben ihrem olympischen Edelmetall insgesamt 46 Medaillen von Welt- und kontinentalen Titelkämpfen besitzen, nicht nur darauf zurück, dass sie im Frühjahr in den Dolomiten den berühmt-berüchtigten Sellaronda-Skimarathon gemeistert haben. Bei dem Nachtlauf über 42 Kilometer sind 2700 Höhenmeter zu bewältigen. Bei ihrer Premiere über diese Distanz kamen sie nach 5:04 Stunden ins Ziel – zwar mächtig erschöpft, aber überglücklich. Für ihre Fitness sorgen zudem die belastungsintensiven Radtouren, die mittlerweile zu ihrem Lebensalltag gehören.

„Wir haben unser Potenzial noch nicht ausgeschöpft“

Und wie gut die nimmermüden Dauerbrenner tatsächlich in Schuss sind, bewies unlängst die Verbesserung ihres Startrekords in Königssee um acht Tausendstel auf 2,880 Sekunden. „Die Zeitdifferenz mag klein erscheinen“, bemerkt Arlt, „doch für uns ist das ein deutliches Zeichen, dass wir unser Potenzial längst noch nicht ausgeschöpft haben.“ Eine Woche nach dem Aufstellen der Bestmarke sagten sich beide: „Wir machen weiter, wir greifen wieder an.“ Ihren endgültigen Entschluss fassten sie Anfang Oktober, nachdem auch ihre Familien dem Vorhaben zugestimmt hatten.

Ein weiterer Aspekt fürs Dabeibleiben, wenn auch kein entscheidender, war die nach den Winterspielen spürbar zunehmende Wertschätzung ihrer Leistungen, die sie so lange vermisst hatten. „In den Sommermonaten verging kaum eine Woche, in der wir nicht zu einer Veranstaltung eingeladen waren oder aber zu Fernsehproduktionen gereist sind“, berichtet Arlt. „Vielleicht“, fügt er hinzu, „kommen wir dieses Mal bei der Sportlerwahl des Jahres auch mal unter die ersten Drei. Das haben wir noch nie geschafft.“ Es gebe auch vermehrt Anfragen von Sponsoren. Geldgeber schmücken sich eben gern mit Werbeträgern, die Superlative verkörpern, so wie die beiden bayerischen Frohnaturen.

Rückkehr auf die zerstörte Heimbahn am Königssee

Derzeit stimmen sie sich mit den anderen Rodlern der Nationalmannschaft im Kunsteiskanal von Oberhof auf die am Monatsende in Winterberg beginnende Weltcupsaison ein. Kommende Woche geht es weiter zum Training nach Altenberg, ehe sie ihre ersten Fahrten nach fünfjähriger Zwangspause auf der Heimbahn am Königssee machen werden. Im Sommer 2021 hatten verheerende Unwetter und Schlammlawinen die Traditionsstrecke in ein Trümmerfeld verwandelt. Am 11. November wird die Wiedereröffnung mit den deutschen Meisterschaften gefeiert.

„Diesen Festtag haben wir lange herbeigesehnt. Dass die Leidenszeit endlich vorbei ist, gibt uns zusätzliche Motivation“, frohlockt Wendl. „Auf der Anlage haben wir unsere ersten gemeinsamen Fahrten absolviert. So etwas prägt besonders.“

Ihr Nahziel haben die beiden Freunde klar definiert: Bei den Weltmeisterschaften im Februar auf der Rennstrecke in Innsbruck-Igls wollen sie wieder ganz oben auf dem Podest stehen – was ihnen dort schon einmal geglückt ist. Allerdings liegt dieses Erfolgserlebnis bereits ein Jahrzehnt zurück.

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