Für einen Trainer gibt es nicht viel Besseres, als wenn eine Entwicklung, die er angemahnt hat, auch tatsächlich eintritt. Die Frage nach Can Uzun kam Adi Hütter also sehr gelegen. Er habe, sagte der Coach von Eintracht Frankfurt nach dem 3:1 (0:0) im DFB-Pokal beim Hamburger SV, „einen anderen Can Uzun gesehen“ als in den Wochen zuvor.
Dann lobte der Österreicher den türkischen Nationalspieler, an dessen enormem Talent es genauso wenig Zweifel gibt wie an der Tatsache, dass der 20-Jährige daraus bislang viel zu wenig macht.
„Dass er ein Ausnahmespieler ist, wissen wir alle. Aber Ausnahmespieler allein – das ist mir zu wenig. Heute hat er gezeigt, was er auch für die Mannschaft zu leisten imstande ist“, sagte Hütter. Uzun hatte am Dienstag zwei der drei Tore eingeleitet, durch die die Eintracht ins Achtelfinale einziehen konnte. Vor dem 1:0 hatte er Jonny Burkardt mit einer Flanke bedient, der dann per Kopf zum Torschützen Robin Koch querlegen konnte. Und vor dem 3:1 durch Younes Ebnoutalib hatte Uzun Fares Chaibi mit einem klugen Steckpass auf die Reise geschickt.
Doch das war nicht das, was Hütter so freute: Es war die aufopferungsvolle Arbeit gegen den Ball, die der Techniker dieses Mal verrichtet hatte. Die hatte der Coach mehrmals eingefordert – in persönlichen Gesprächen und dadurch, dass er den Inhalt auch öffentlich machte. Er habe Uzun zu verstehen gegeben, dass nur Talent nicht ausreiche, um tatsächlich die Karriere machen zu können, die für ihn aufgrund seiner Veranlagung möglich wäre. Und dass es umso besser sei, je schneller er das begreife. Der Kreativspieler, der sich an den ersten fünf Spieltagen immer schöpferische Pausen auf dem Platz gegönnt hatte, scheint zugehört zu haben.
Grätschen, nicht nur zaubern: Genau solche Aktionen will sein Trainer von Can Uzun (r.) sehenÄhnlich war Hütter auch mit Robin Koch verfahren. Nach dem 0:6 bei RB Leipzig am 10. Oktober, dem desaströsen Tiefpunkt des fahrigen Saisonstarts, hatte er den Abwehrchef und Kapitän angezählt. Für einen Führungsspieler käme von ihm zu wenig, sagte Hütter. Koch nahm sich die Kritik zu Herzen – und war danach dreimal hintereinander einer der besten Frankfurter. Gegen Köln (1:0) und in Hamburg gelang ihm sogar jeweils ein Treffer.
Hütters „Fordern und Fördern“-Konzept
Es gehört zu Hütters Arbeitsweise, Spieler zu triggern. Er reizt sie, indem er seine Erwartungen nicht nur unter vier Augen, sondern auch öffentlich formuliert – wohl wissend, dass der Widerhall, den dies erzeugt, den Druck erhöht und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass es zu echter Selbstkritik kommt. Jüngere Trainer tun dies meist nicht mehr, weil sie glauben, ihre Spieler schützen zu müssen – und verhindern so oftmals Entwicklungen.
Mit seinem „Fordern und Fördern“-Konzept hat Hütter jedenfalls dazu beigetragen, dass sich die Eintracht nach einer schweren Saison mit zwei Trainern, reichlich Unruhe und einem schleppenden Start ins neue Spieljahr wieder stabilisiert. Zumindest erweckt die Mannschaft, die im vergangenen Sommer auf mehreren Positionen vor allem im Defensivbereich verändert wurde, mittlerweile diesen Eindruck.
„Es geht immer um die Emotionen und das Gefühl, das du mit einer Mannschaft hast. Das wird durch solche Pokalerlebnisse gestärkt“, sagte Axel Hellmann, der seit knapp zwei Wochen Vorstandsvorsitzender und damit auch laut Organigramm ranghöchster Entscheider im operativen Geschäft ist. Aus diesen Worten sprach auch eine gewisse Erleichterung, nachdem es im kompletten Jahr 2026 immer wieder Rückschläge und falsche Personalentscheidungen gegeben hatte.
Alles hatte mit der Trennung von Dino Toppmöller im Januar begonnen, unter dem vermeintlich keine Entwicklung mehr möglich schien. Die kam dann allerdings erst unter dessen Nachfolger Albert Riera komplett zum Erliegen: Die Qualifikation für einen Europapokal wurde verpasst. Auch die Verpflichtung von Hütter, der bereits von 2018 bis 2021 in Frankfurt gearbeitet hatte, war nicht unumstritten. Und dann ging der langjährige Sportvorstand Markus Krösche von Bord, dessen Transferpolitik deutlich kritisiert worden war.
Die Eintracht braucht ein neues Erfolgsmodell
Ein klein wenig erscheint der Kurs mittlerweile wieder klarer. Denn bei der Regelung der Krösche-Nachfolge ist eine Lösung gefunden – Joti Chatzialexiou kommt. Der bisherige Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, der zwischen 2003 und 2018 in verschiedenen Positionen im Nachwuchsbereich für den Deutschen Fußball-Bund tätig war und die Jugendarbeit grundsätzlich reformiert hat, ist eine nachvollziehbare Wahl: Denn die Eintracht wird in den kommenden Jahren ihr Geschäftsmodell ändern müssen.
Die Zeiten, in denen es gelang, durch Verpflichtungen internationaler Toptalente wie Randal Kolo Muani, Hugo Ekitiké oder Omar Marmoush die spielerische Substanz zu verbessern und anschließend durch teure Weiterverkäufe die wirtschaftliche Bilanz, neigen sich dem Ende zu. Die englischen Klubs, die in den vergangenen Jahren viel Geld in den Kreislauf gepumpt haben, transferieren mittlerweile ihre Spieler lieber untereinander.
„Wir müssen sehr stark vor die eigene Haustür gehen und uns bemühen, unsere Stabilität auf Erlöse zu konzentrieren, die aus der Region kommen“, hatte Hellmann auf der Mitgliederversammlung gesagt.
Das gilt auch für den Aufbau einer Mannschaft für die Zukunft. Da kann es nicht schaden, langfristig mit einem erfahrenen Trainer zu arbeiten, der den Verein und sein Umfeld gut kennt. Adi Hütters Rückkehr scheint eine der wenigen guten Entscheidungen zu sein, die in diesem Jahr getroffen wurden. Sollte die Eintracht am Sonntag (17.30 Uhr, DAZN und im WELT-Liveticker) gewinnen, könnte sie sich aus dem unteren Tabellendrittel verabschieden. Es geht wieder gegen den HSV.
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