An der Säbener Straße 51 bis 57, die der FC Bayern seine Heimat nennt, glaubte man bis vor wenigen Tagen, schon alles an Höhen und Tiefen erlebt zu haben, was das Fußball-Geschäft zu bieten hat. Aber die Schicksalsschläge, die der deutsche Rekordmeister aktuell wegstecken muss, suchen selbst in der traditionsreichen Geschichte des Klubs ihresgleichen.
Der Schock über Trainer Vincent Kompany, der am vergangenen Freitag am Trainingsgelände zusammenbrach, bildete den Höhepunkt der jüngsten menschlich tragischen Ereignisse. Kapitän Joshua Kimmich verlor unerwartet seinen Vater, wird wie Kompany auch beim Pokalspiel gegen den Zweitligaklub 1. FC Magdeburg an diesem Mittwoch (20.45 Uhr, ARD und Sky sowie im Liveticker bei WELT) fehlen. Jamal Musiala (Oberschenkelverletzung) wird ebenfalls nicht dabei sein.
Der Bayern-Star leidet bereits seit einigen Monaten an seiner neurologischen Erkrankung, die Absencen und epileptische Anfälle hervorrufen kann. Sportliche Ausfälle wie beim Topspiel am vergangenen Wochenende gegen den SC Freiburg (3:1) von Torwart Manuel Neuer (Sehnenreizung am Fuß) und Aleksandar Pavlović (Wadenprobleme) sind dagegen nur noch eine Randnotiz.
Kompany-Schock, Kimmich-Tragödie, Musiala-Sorgen – der deutsche Fußball-Rekordmeister erlebt derzeit Drama-Wochen. Mit dem Nebeneffekt: Die viel zitierte Bayern-Familie rückt noch enger zusammen. Im Verein wird eine Reaktion der Solidarität registriert, die sich bereits beim Sieg in Freiburg bemerkbar machte. Intern wird das Motto beschworen: Jetzt erst recht. Für alle, die nicht dabei sein können.
Uli Hoeneß besucht Vincent Kompany in der Klinik
Vincent Kompany verfolgte das Spiel seiner Mannschaft am vergangenen Sonntag in einem Münchner Krankenhaus. Der Bayern-Trainer hat ein Einzelzimmer, in einem nicht öffentlich zugänglichen Bereich. Die Besucher wie Präsident Herbert Hainer, Ehrenpräsident Uli Hoeneß oder auch Sportvorstand Max Eberl gaben sich am vergangenen Wochenende die Klinke in die Hand. Anzeichen zur Besorgnis gibt Kompany dabei nicht. Das sah am vergangenen Freitag noch anders aus.
Der 1,90‑Meter-Mann war am Rande des Trainings der zweiten Mannschaft urplötzlich ohnmächtig zusammengesackt. Kompany schlug erst auf den Boden auf, soll danach von Krampfanfällen geschüttelt worden sein. Erst ein Klub-Arzt, danach ein Rettungshubschrauber, Rettungswagen sowie ein Notarzt waren schnell zur Stelle.
Als Kompany im Krankenwagen abtransportiert worden war, machten sofort die wildesten Gerüchte die Runde. Ein Schlaganfall wie auch ein Herzinfarkt konnten bei der Untersuchung jedoch schnell ausgeschlossen werden.
Der FC Bayern äußerte sich bislang nicht zu einer Diagnose. „Er ist stabil, er hat keine Kopfschmerzen mehr“, ließ Eberl am Sonntag wissen. Nach Informationen dieser Redaktion sollen sich die Ärzte derzeit bei ihren Untersuchungen für eine Diagnose tatsächlich auf eine Kopfproblematik konzentrieren.
Was dafür spricht: Krampfanfälle mit unwillkürlichen Muskelzuckungen oder Verkrampfungen werden in der Regel durch gestörte elektrische Signalübertragung im Gehirn ausgelöst. Der Vorfall soll jedoch nicht lebensbedrohlich gewesen sein.
Bayern-Trainer Kompany befindet sich nach seinem Zusammenbruch laut Sportvorstand Max Eberl in einem stabilen Zustand und wird noch „einige Tage“ im Krankenhaus bleiben. Auf die Trainerbank zurückkehren werde Kompany aber wohl erst in ein paar Wochen.Wie lange sein Assistenztrainer Aaron Danks aber Kompany an der Seitenlinie noch vertreten muss, bleibt weiter offen. Im Klub wird derzeit eine Rückkehr für die anstehenden Spiele gegen Borussia Dortmund (31. Oktober), bei Atlético Madrid (3. November) und den 1. FSV Mainz 05 (7. November) ausgeschlossen. Danach ist Länderspielpause bis zur Heimpartie gegen den 1. FC Köln am 20. November.
Die Rückkehr von Kimmich wird nach dem Trauerfall in seiner Familie dagegen für Samstag gegen Dortmund erwartet. Christoph Freund war von der Delegation der Bayern-Bosse, die sich mit Harry Kane am Montag zur Verleihung des Ballon d’Ors nach London aufmachte, daheim geblieben. Der Sportdirektor stand dem Kapitän zur Seite bei der Beerdigung seines Vaters und vertrat den Verein.
Ihren Startpunkt fanden die dramatischen Bayern-Wochen schon im vergangenen Sommer. Am 15. August kippte Jamal Musiala in der Münchner Arena bei einem Testspiel gegen RB Leipzig (3:1) um, nur drei Tage später bei einem Vorbereitungskick in Heidenheim (4:2) erneut.
Es waren die ersten öffentlichen Vorfälle. In der Mannschaft war zu diesem Zeitpunkt die neurologische Dysfunktion, die beim Bayern-Star diagnostiziert wurde, schon lange kein Geheimnis mehr. Vorfälle dieser Art hatte es bereits gegeben, auch vor Spielen im Mannschaftshotel.
Aktuell plagt Musiala jedoch ein anderes Problem: Am 24. September zog sich der Nationalelf-Star in Amsterdam beim Aufwärmen vor dem Nations-League-Spiel gegen die Niederlande (1:1) einen Muskelfaserriss zu, fällt seitdem verletzt aus. Derzeit befindet sich Musiala an der Säbener Straße im Aufbautraining. Der FC Bayern möchte ihm Zeit für sein Comeback geben.
Manuel Neuer soll gegen den BVB wieder spielen
Nach Informationen dieser Redaktion ist das interne Ziel, dass Musiala vor der Länderspielpause, also spätestens beim Bundesliga-Auswärtsspiel in Mainz am 7. November, wieder Einsatzminuten bekommt.
Schneller soll es bei Manuel Neuer gehen. Spätestens zum Bundesliga-Topspiel am Samstag zu Hause gegen Borussia Dortmund will Neuer wieder fit sein. Schon die Partien Mitte Oktober bei Viking Stavanger (3:3) und gegen RB Leipzig (6:1) musste der Torwart aufgrund einer Flüssigkeitsansammlung im Fuß auslassen. Die Verletzungen bei Neuer häufen sich.
Neuer leidet aktuell an einer anhaltenden Sehnenreizung im Fuß. Die Diagnose klingt harmlos, ruft im Fall des Torwarts aber automatisch große Bedenken hervor.
Manuel Neuer fehlt dem FC Bayern derzeit verletzt, soll gegen den BVB aber wieder spielenDrei aufeinanderfolgende Mittelfußbrüche in den Jahren 2017 und 2018 betrafen den linken Fuß. Bei seinem schweren Ski-Unfall im Dezember 2022 war der rechte Unterschenkel betroffen. In der vergangenen Saison fiel Neuer wegen eines Muskelfaserrisses und Wadenproblemen insgesamt 88 Tage aus. In dieser Spielzeit verpasste er verletzungsbedingt nun schon drei Partien.
Die Mannschaft beschäftigt die Schicksalsschläge ihrer Kollegen und Trainer sehr. Das Trainer-Team legt daher sehr viel Wert auf die Aufarbeitung und Gespräche. Auch Sportvorstand Eberl, der auch die Nacht vor dem Freiburg-Spiel im Teamhotel verbrachte, ist aktuell näher an die Mannschaft herangerückt.
Die Drama-Wochen der Bayern könnten tatsächlich einen positiven Nebeneffekt heraufbeschwören. Die Spieler wachsen mehr und mehr zu einem verschworenen Haufen zusammen, der am Ende dieser Saison noch Großes erreichen könnte.
Dann hoffentlich wieder mit allen seinen Protagonisten an Bord.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, „Bild“ , „Sport Bild“ ) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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