Mika Brunold ist das aufstrebende Schweizer Tennistalent. Der 22-Jährige gewann zuletzt die Challenger-Turniere in Tulln und Roanne. Innerhalb von sechs Wochen verbesserte er sich von Rang 410 auf 191. Damit ist er der zweitbeste Schweizer hinter dem abtretenden Stan Wawrinka.

Im vergangenen November sorgte er mit seinem Coming-out für internationale Schlagzeilen. Nun spricht er über diesen prägenden Schritt, seinen sportlichen Durchbruch und die Herausforderungen auf dem Weg nach vorne.

Frage: Mika Brunold, haben Sie in den letzten Wochen erst so richtig herausgefunden, wie gut Sie Tennis spielen können?

Mika Brunold: Ich wusste, dass ich so gut spielen kann. Aber ich hatte das zuvor nur in einzelnen Matches zeigen können und nicht über eine ganze Turnierwoche hinweg. Nun gelang mir das. Diese Konstanz ist der Schlüssel, da alle so eng beieinander sind. Ich arbeite seit April mit einem neuen Coach, mit dem Italiener Gianluca Carbone, und wir haben an vielen Dingen gefeilt, auch am Mentalen. Das hat nun gefruchtet.

Frage: Sie hatten davor unterschiedliche Coaches, arbeiteten auch mit Ex-Davis-Cup-Spieler Henri Laaksonen. Was haben Sie bei Carbone gefunden, das Sie für den nächsten Schritt gebraucht haben?

Brunold: Ich habe von allen Coaches etwas mitnehmen können. Carbone hat viel Erfahrung auf höchstem Niveau, mit Spielern der Top 50, der Top 20. Er weiß, was es braucht. Ich habe viel von ihm lernen können. Sei es, was den Umgang mit Stress angeht, oder auch in puncto Ernährung und Recovery. Solche Details können einen großen Unterschied machen.

Frage: Als Junior standen Sie im Schatten anderer Schweizer Talente wie Dominic Stricker, Jérôme Kym oder Leandro Riedi. Mit 22 haben Sie sie im Ranking nun alle überholt. Wie blicken Sie auf Ihren Weg in den letzten Jahren zurück?

Brunold: Ich bin sehr zufrieden, wie es gelaufen ist. Als ich jünger war, so im Alter von 14, trainierte ich noch nicht endlos viele Stunden täglich. Meine Eltern spielten beide auch, und ihr Plan war, mich Schritt für Schritt aufzubauen. So konnte ich mich allmählich an die Belastung gewöhnen.

Frage: Im Gegensatz zu den meisten anderen Schweizern waren Sie noch nie ernsthaft verletzt. Könnte dies der Grund sein?

Brunold: Mit ein Grund. Und ich habe schon immer stark auf meinen Körper geachtet. Bereits mit 12 hatte ich Betreuung von Physios und machte Präventionsübungen.

Frage: Ihr Vater Armando Brunold schlug auf einem Turnier einst den jungen Roger Federer. Wie oft hat er Ihnen davon erzählt?

Brunold: (lacht) Nicht oft. Mein Vater hat das nie an die große Glocke gehängt. Ich glaube, ich habe es sogar selbst herausgefunden, als ich eine Biografie über Roger las.

Brunold hat beim ATP-Turnier in Basel das Hauptfeld erreicht

Frage: Ihr Vater und Ihre Mutter zählten zur nationalen Spitze. War für Sie früh klar, dass Sie auf Tennis setzen?

Brunold: Ja. Zumal mein älterer Bruder auch gespielt hat. Wir trainierten auch zusammen. Ich wollte immer Tennisprofi werden. Mein Bruder spielt inzwischen nur noch hobbymäßig. Er musste wegen Hüftproblemen aufhören.

Frage: Im vergangenen November wurden Sie mit Ihrem Coming-out einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Brauchte dieser Schritt Zeit zum Reifen?

Brunold: Ich wusste schon lange, dass ich irgendwann offen mit meiner Homosexualität leben möchte. Für mich war es der richtige Zeitpunkt. Die Saison war fertig, und mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich ready bin. Es war für mich keine riesenspektakuläre Entscheidung mehr. Der Gedanke war schon länger gereift.

Frage: Sprachen Sie mit Ihren Eltern darüber?

Brunold: Ja, vor allem mit meiner Mutter. Sie fand auch, es sei für mich das Beste, wenn ich offen damit leben könne und mich nicht mehr verstecken müsse.

Frage: Sie machten Ihre Erklärung auf Instagram öffentlich. Die Reaktionen waren überwältigend. Sie bekamen gegen 75.000 Likes. Hat Sie das überrascht?

Brunold: Ich habe es für mich gemacht, nicht wegen der Likes. Ob es 500 Likes sind oder fünf Millionen, ist mir nicht wichtig. Was mich sehr gefreut hat, waren die vielen positiven Nachrichten, die ich auf Instagram bekam. Einige schrieben mir: „Dein Coming-out hat mir geholfen, mich selbst zu outen.“ Oder: „Jetzt habe ich es auch geschafft, es meinen Eltern zu sagen.“ Das waren für mich die schönsten Reaktionen. Es ist cool, dass ich ein Vorbild für andere sein kann.

Frage: Empfinden Sie Ihre Vorbildrolle auch als Last?

Brunold: Überhaupt nicht. Ich bin so, wie ich bin. Ich verstelle mich deswegen nicht. Zu seiner Homosexualität zu stehen, ist immer noch ein Thema, mit dem viele kämpfen. Für mich ist es ein Privileg, dass ich mit meinem Beispiel anderen helfen kann.

Frage: Im Podcast von Swiss Tennis sagten Sie sinngemäß: „Im Tennis dreht sich sehr viel um die Persönlichkeit. Und es hemmt mich, wenn ich mich verstecken muss.“ In welchen Situationen hatten Sie das Gefühl, sich verstecken zu müssen?

Brunold: Mir war früher noch nicht so bewusst, wie sehr ich mich verstellen musste. In den letzten Jahren begann ich, mich mehr zu öffnen und zu mir zu stehen. Nicht nur bei diesem Thema. Ich sagte vermehrt, wenn mich etwas störte. Zu den Coaches, im Team, in der Familie. Früher dachte ich: Okay, für die anderen passt es ja, dann ist es auch gut für mich.

Frage: War das Coming-out für Sie eine Befreiung?

Brunold: Ja, absolut. Ich spüre es auch auf dem Court. Ich habe mehr Selbstvertrauen und weniger negative Gedanken. Und ich kann mehr Energie in mein Tennis stecken.

Frage: Sie schrieben in Ihrem Instagram-Post, Homosexualität bedeute nicht nur, jemanden des gleichen Geschlechts zu lieben. Man müsse sich auch mit ganz vielen Dingen auseinandersetzen, die sich sonst niemand vorstellen könne. Mit der Angst, nicht akzeptiert zu werden. Dem Druck schweigen zu müssen. Wie hat Sie das geprägt?

Brunold: Eigentlich sollte es ja gar kein Thema sein, ob jemand homosexuell ist oder nicht. Aber leider ist es das in unserer Gesellschaft immer noch. Und wenn du auf der Tennistour niemanden kennst, der so ist wie du, fühlst du dich allein. Du machst dir Gedanken, die sich andere nicht machen.

Frage: Ihren ersten Challenger-Titel in Tulln errangen Sie im Finale ausgerechnet gegen den Brasilianer João Lucas Reis da Silva, der sich im Jahr zuvor als erster aktiver männlicher Tennisprofi geoutet hatte. Hat er Sie damit beeinflusst?

Brunold: Ich sah bei ihm, dass es schon jemanden gibt, der das getan hat. Und dass die Reaktionen mehrheitlich positiv ausfielen. Das war für mich schön zu wissen und hat mich bestärkt.

Frage: Haben Sie in Tulln mit ihm darüber gesprochen?

Brunold: Nein, darüber haben wir nicht geredet. Wir sprachen ganz normal über Tennis. Wie es weitergeht, die nächsten Turniere. Auch sonst war mein Coming-out auf der Tour kein Thema. So sollte es auch sein.

Frage: Sie beide sind immer noch die einzigen männlichen Tennisprofis, die ein Coming-out gewagt haben. Ist die Tennistour rückständig?

Brunold: Die Gesellschaft ist in puncto Homosexualität noch nicht dort, wo sie sein sollte. Das spiegelt sich auch im Tennis. Aber ich möchte nicht taxieren, wie fortschrittlich dieser Sport ist.

Frage: Nervt es Sie, wenn Ihr Coming-out in einem Interview wie diesem das größere Thema ist als Ihre sportlichen Erfolge?

Brunold: Für mich soll das Sportliche im Vordergrund stehen. Ich bin Tennisspieler, nicht der schwule Tennisspieler. Aber ich habe kein Problem, darüber zu reden, weil mich auch das ausmacht.

Frage: Dank des Sprunges in die Top 200 können Sie im Januar erstmals die Qualifikation für das Australian Open bestreiten. Verändert das Ihre Perspektiven und Träume?

Brunold: Das Ranking gibt mir mehr Möglichkeiten. Jetzt komme ich ab und zu auch in ein größeres Turnier rein. Ich bin einen Schritt weiter, aber der Traum bleibt der gleiche.

Dieser Text erschien zuerst in der Schweizer Zeitung „Der Tagesanzeiger“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance (LENA). Redaktionell bearbeitet von Luca Wiecek.

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