Philipp Treu gehörte noch vor wenigen Wochen zu den großen Unbekannten im Kreis der Nationalmannschaft. Eigentlich hatte der Freiburger Verteidiger damit gerechnet, nur eine Woche dabei zu sein. Dann kam beim Abendessen Jürgen Klopp von hinten auf ihn zu: „Du bist nächste Woche auch mit dabei. Hast du dir zufällig Urlaub gebucht?“
Der 25-Jährige blieb, feierte sein Länderspieldebüt und erlebte drei Wochen, die selbst für ihn kaum vorhersehbar waren. Hier berichtet Treu davon.
Frage: Herr Treu, vor diesem Spieltag war Freiburg Erster. Gab es schon Kampfansagen von Ihren DFB-Kollegen aus Dortmund oder München?
Philipp Treu: Nein, um Gottes Willen! (lacht). Man merkt aber schon, dass sie großen Respekt vor dem haben, was wir in Freiburg leisten. Sie haben uns auf dem Schirm.
Frage: Kaum einer hatte Sie vor der ersten Nationalmannschaftsnominierung auf dem Schirm. Dennoch haben Sie sofort überzeugt und durften die komplette Zeit bleiben. Hatten Sie damit gerechnet?
Treu: Nein. Ich dachte vorher, dass ich eine Woche Vollgas geben kann. Dass daraus zwei Wochen und am Ende sogar drei Spiele werden, war nicht vorhersehbar. Ich habe einfach versucht, Gas zu geben. Das ist offenbar gut angekommen – nicht nur beim Bundestrainer, sondern auch bei den anderen.
Bundestrainer Jürgen Klopp nahm mehrere Anläufe, die Frage nach der Diskussion über Joshua Kimmich möglichst unverfänglich zu beantworten - und entschied sich letztlich dafür, sich zu den Fragen der Journalisten zum DFB-Kapitän und dessen Stammplatz gar nicht weiter zu äußern.Frage: Wie haben Sie erfahren, dass Sie noch eine weitere Woche bleiben dürfen?
Treu: Das war ziemlich spontan. Beim Abendessen, zwei Tage vor der Abreise, kam Jürgen Klopp von hinten zu mir und sagte: „Du bist nächste Woche auch mit dabei. Hast du dir zufällig Urlaub gebucht?“ Den hätte ich aber auch ehrlicherweise abgesagt.
Frage: Was war Ihr emotionalster Moment auf der Reise?
Treu: Das Einlaufen und die Nationalhymne in Amsterdam. Das war für mich ein kleiner Flashback. Als kleiner Junge stand ich mit meinem Bruder und anderen Kindern aus der Nachbarschaft vor dem Fernseher. Wir haben die Hand auf die Brust gelegt und lautstark mitgesungen. Plötzlich stehst du selbst da, singst die Hymne und deine Eltern sitzen auf der Tribüne. Das hat mich sehr stolz gemacht.
Frage: Ihr erstes Länderspiel-Trikot wollten Sie im Wohnzimmer aufhängen. Hat Ihnen Ihre Freundin Jana das mittlerweile erlaubt?
Treu: Das haben wir geklärt. (lacht) Es hängt jetzt an einer schönen Kleiderstange, an der auch ein paar andere besondere Trikots von mir hängen. Sie hat dann auch eingesehen, dass das Trikot einen besonderen Platz verdient hat. Ich habe es einmal bei 30 Grad gewaschen, die Grasflecken sind noch drauf. (lacht)
Frage: Wie haben Sie Klopp erlebt?
Treu: Man spricht immer von ihm als Menschenfänger. Das kann ich nur bestätigen. Er weiß, wie er mit Spielern umgehen muss, wie er ihnen Zuspruch gibt und wann jemand vielleicht eine Umarmung braucht. Gleichzeitig ist er taktisch sehr detailversessen und hat eine klare Philosophie. Ich erinnere mich an ein Video von Liverpool, das er uns gezeigt hat. Darin ging es um das Pressingverhalten seiner Mannschaft. Das hat richtig Bock gemacht. Man wollte gefühlt sofort loslegen und dieses Pressing auf dem Platz umsetzen.
Frage: Hat er Ihnen vor Ihrem Debüt die Nervosität genommen?
Treu: Ja, teilweise. Er hat einfach gesagt: „Hey Junge, hab Spaß, genieße es. Für mich ist es auch das erste Mal. Davon haben wir immer geträumt.“ Das hat mir geholfen. Als das Spiel lief, war es für mich dann tatsächlich ein normales Fußballspiel. Die Nervosität war gar nicht so groß.
Frage: Gab es trotzdem einen Moment, in dem Sie dachten: „Was mache ich hier eigentlich?“
Treu: Beim Einlaufen! (lacht) Da standen diese 1,95 Meter großen Holländer. Das waren schon echte Brecher.
Frage: Nach Ihrem Debüt haben Sie von Joshua Kimmich eine Medaille überreicht bekommen.
Treu: Als Kind und Jugendlicher habe ich immer zu ihm aufgeschaut. Dann von ihm die Medaille für mein erstes Länderspiel zu bekommen und dazu noch zwei, drei richtig schöne Sätze über mich zu hören, war etwas Besonderes. Das hat mich sehr gefreut und gepusht. Dafür bin ich sehr dankbar.
Frage: Wie haben Sie Kimmich als Mitspieler und Kapitän erlebt?
Treu: Es war beeindruckend, ihn als Menschen kennenzulernen, aber auch auf dem Platz zu beobachten. Das fängt schon bei der Aktivierung an. Er schwitzt bereits beim Fahrradfahren, gibt immer 100 Prozent. Man hört immer, wie extrem ehrgeizig er ist und dass er unbedingt gewinnen will. Das dann selbst zu erleben, war richtig cool. Diese Mentalität kann ich auch für mein eigenes Leben mitnehmen. Er will jedes Spiel gewinnen und immer das Beste aus sich herausholen. Damit ist er für viele ein Vorbild.
Frage: Mit welchem Spieler würden Sie gerne einmal zusammenspielen?
Treu: Mit Kimmich jetzt zum ersten Mal in der Nationalmannschaft auf dem Platz zu stehen, war schon besonders. Natürlich wären auch Superstars wie Lamine Yamal, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo spannend. Aber ich muss auch sagen: Zum ersten Mal mit Florian Wirtz auf dem Trainingsplatz zu stehen und zu sehen, was er draufhat, war beeindruckend.
Frage: Was macht Wirtz so besonders?
Treu: Wenn er loslegt, sieht das teilweise so aus, als würde er gegen eine U19 spielen. Er findet Lösungen, bei denen man sich fragt: Wie macht er das? Bei einer Ballhalteform dachte ich einmal, dass er überhaupt keinen Ball verliert und jede Entscheidung richtig trifft. Seine Technik auf engem Raum ist außergewöhnlich.
Frage: Sie selbst haben bereits die B-Lizenz als Trainer gemacht. Können Sie sich vorstellen, später einmal selbst an der Seitenlinie zu stehen?
Treu: Das ist auf jeden Fall ein Thema, das mich interessiert. Ich hatte in meiner Karriere schon einige spannende Trainer: Sebastian Hoeneß, Matthias Jaissle, Fabian Hürzeler, Christian Streich und Julian Schuster. Ich finde es interessant, von jedem etwas mitzunehmen und daraus irgendwann eine eigene Idee zu entwickeln. Fußball interessiert mich einfach enorm.
Frage: Sie haben früher auch Eishockey gespielt ...
Treu: Ja, bei den Eisbären Eppelheim in Heidelberg. Irgendwann habe ich mich dann für den Fußball entschieden. Ich kann auch heute auf dem Eis auf Schlittschuhen noch ein bisschen angeben, aber es war die richtige Entscheidung. Den typischen Eishockey-Körper habe ich ohnehin nicht. (lacht)
Frage: Sie haben Ihr erstes Bundesligator Ihrem bei einem Autounfall verstorbenen Berater Tobias Gebert gewidmet. Denken Sie noch oft an ihn?
Treu: Ja, vor jedem Einlaufen. Er war für mich wie ein Familienmitglied. Ich bin ihm sehr dankbar und weiß, dass er jetzt von oben auf mich schaut. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass er all das noch miterleben kann. Umso besonderer ist es für mich, solche Momente zu erleben.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.
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