Manchmal schaffen es Fußballspieler mit Aktionen ohne Ball in die Vereinsgeschichte. Michael Olise gelingt das immer wieder. Der Offensivstar des FC Bayern war vor einem Jahr der erste Profi, der während einer Meisterfeier im Münchner Rathaus auf seinem Smartphone eine Partie Schach spielte. Er war vor einigen Wochen der erste, der zu einem Empfang beim bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder in Badeschlappen erschien. Zudem gab er 2024 die langweiligste Pressekonferenz, die ein Zugang beim deutschen Rekordmeister je gab: rund 100 Wörter in drei Minuten. Und in Interviews hat Olise mit kurzen Antworten auch Rekorde aufgestellt.
Der französische Nationalspieler, der mit den Bayern an diesem Samstag (18.30 Uhr, Liveticker WELT und Sky) im Topspiel der Bundesliga RB Leipzig empfängt, könnte nun als erster Spieler eines deutschen Klubs in diesem Jahrtausend den Ballon d’Or gewinnen. Es ist die wichtigste individuelle Auszeichnung, die ein Fußballer bekommen kann. Sie wird am 26. Oktober vergeben. Olises Name fällt oft, wenn es um die Favoriten geht.
Die französischen Fans haben ihre Wahl getroffen. „Olise Ballon d’Or!“, riefen sie kürzlich beim 4:1 ihrer Nationalelf gegen Belgien. Olise sorgte quasi im Alleingang für den ersten Heimsieg von Nationaltrainer Zinédine Zidane, ein Idol seiner Jugend. Nach seiner Einwechslung bereitete er das 2:1 vor, ehe er selbst zwei Tore erzielte. Da geriet sogar Legende Zidane ins Schwärmen: „Es ist einfach außergewöhnlich, was er macht.“
Michael Olise hat sich zu einem der wenigen Superstars der Bundesliga entwickelt. Zum mit 180 Millionen Marktwert wertvollsten Spieler der Liga. Und ist gleichzeitig vielen ein Rätsel. Er wirft besondere Fragen auf: Wie lange kann der FC Bayern ihn halten? Bis zu welchem Punkt ist ein Profisportler authentisch und besonders? Und ab wann wird es respektlos und unhöflich? Seine zur Schau getragene Gleichgültigkeit ist Teil des Faszinosums Michael Olise.
Die junge Generation verehrt ihn als Sonderling, in sozialen Medien nennen die Fans ihn „Mr. Nonchalant.“ Auf Instagram folgen ihm knapp zwölf Millionen Menschen – rund 15-mal so viele wie Bayerns Nationalverteidiger Jonathan Tah.
„Ein Spieler muss nicht von jedem gemocht werden“
Lukas Knochel ist Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Bettertrust. Der Vermarktungs-Experte beschäftigt sich mit der Positionierung von Persönlichkeiten, spricht darüber in seinem Podcast „Marke Mensch.“ Knochel sagt WELT AM SONNTAG: „Michael Olise ist durch seine öffentliche Art und natürlich auch durch seine sportlichen Leistungen zu einem globalen Phänomen geworden, was ihn derzeit wohl zu einer der wertvollsten ‚Marken‘ im Fußball macht.“
Polarisierung könne für eine Personenmarke sehr wertvoll sein. „Der Titel ‚Mr. Nonchalant‘ gibt Michael Olise ein klares Profil und sorgt für Aufmerksamkeit. Ein Spieler muss nicht von jedem gemocht werden, um als Marke attraktiv zu sein. Cristiano Ronaldo ist dafür das prominenteste Beispiel“, so Knochel.
Wo liegt die Grenze zwischen einer starken persönlichen Marke und einem Auftreten, das der Vereinsmarke auch schaden kann? „Gerade bei einem Klub wie dem FC Bayern wird das öffentliche Auftreten eines Spielers immer auch mit dem Verein verbunden. Entscheidend ist deshalb, wie sich die Wahrnehmung über längere Zeit entwickelt.“
Der FC Bayern profitiert davon, dass Olise sich nicht nur sportlich von der breiten Masse der Fußballspieler abhebt. Das Geheimnisvolle ist zu seinem Image geworden – ob gewollt oder ungewollt. Entscheidender Punkt: Olise zeigt weitestgehend konstant hervorragende Leistungen auf dem Rasen. In diesen Tagen sind die Bayern von seinen Offensivideen besonders abhängig, weil Jamal Musiala verletzt fehlt und Lennart Karl, Serge Gnabry und Luis Diaz nicht in Topform sind.
Der FC Bayern kommt in einem wilden Spiel nicht über ein Remis bei Viking Stavanger hinaus. Die Münchner drehen in der zweiten Halbzeit das Spiel, kassieren aber in der Schussphase aber noch den Ausgleichstreffer zum 3:3.Olise kann sich daher außerhalb des Spielfeldes ein extravagantes Auftreten erlauben. In dieser Woche allerdings zeigte sich, wie einfach er zu provozieren ist: Beim 3:3 auswärts gegen Viking Stavanger in der Champions League warf er einem Gegenspieler den Ball ins Gesicht und erhielt die Gelb-Rote Karte, seine Mannschaft verspielte in Unterzahl den Sieg. „Überblöd“, sagte Trainer Vincent Kompany. „Michael muss sich da besser im Griff haben. Es war kein Finale. Aber diese Momente sind entscheidend in einer Saison.“
Manches an Olise sorgt im Verein auch mal für Stirnrunzeln, das meiste für Begeisterung. „Michael ist einer, der Fußball spielen möchte und den das Daneben relativ kaltlässt“, stellte Sportvorstand Max Eberl fest.
Kürzlich trafen sich die Klubverantwortlichen mit Olises Berater. Das Gespräch soll sehr harmonisch verlaufen sein. Die Bayern betonten darin, den Charakter des Spielers nicht ändern zu wollen. Man wünsche sich lediglich, dass Olise bei Sponsorenterminen und auf Mannschaftsfotos mehr Enthusiasmus zeige.
„Durch sein öffentliches Auftreten hat er sich unverwechselbar gemacht“, sagt PR-Experte Knochel. „Die Jugend eifert ihm nach, orientiert sich an ihm und imitiert Outfits und Jubel. Genau das macht ihn als Personenmarke extrem wertvoll. Man weiß genau, was man von ihm erwarten kann und was nicht.“ Gerade im Sport-Marketing „sind Partnerschaften besonders wertvoll, wenn Fans eine starke Bindung zu einem Spieler haben.“
Knochel betont zudem: „Von Topspielern sehen wir häufig ähnliche Bilder, ähnliche Interviews und eine stark kontrollierte Außendarstellung. Wer aus diesem Muster herausfällt, fällt eben auch stärker auf und wird dadurch allein interessanter. Olise zeigt, dass man nicht laut, extrovertiert oder ständig präsent sein muss, um eine starke Personenmarke aufzubauen. Gerade darin können sich Menschen wiederfinden, die mit permanenter Selbstinszenierung weniger anfangen können.“
Sonnenbrille im Herbst: Michael Olise auf dem Oktoberfest 2026 in MünchenAus Olises Privatleben ist wenig bekannt. Seine Mutter ist Französin algerischer Herkunft, sein Vater stammt aus Nigeria. Aufgewachsen in England konnte er zwischen vier Nationalteams wählen. „Bild“ berichtet, er habe eine Tochter mit einer Deutsch-Marokkanerin. Olise erkennt das knapp zwei Jahre alte Kind dem Bericht zufolge nach einem Vaterschaftstest an.
In der Mannschaft ist Olise beliebt, schreibt sich mit vielen Kollegen WhatsApp-Nachrichten. „Michael ist großartig“, sagt Harry Kane. „Er wirkt von außen manchmal etwas anders. Er ist eine tolle Person in der Kabine und arbeitet sehr hart an sich.“
FC Bayern zahlte 53 Millionen Euro
Bei der WM im vergangenen Sommer war Olise mit sieben Vorlagen der beste Vorbereiter des Turniers. Beim 7:0 gegen den 1. FC Union Berlin gelang ihm neulich sein erster „Bundesliga-Dreierpack“, nach dem fünften Spieltag liegt er mit vier Toren auf Platz zwei der Torjägerliste. Wettbewerbsübergreifend kommt er in neun Partien auf acht Tore und drei Vorlagen. Er entscheidet Spiele. Zidane sieht Olise aufgrund der Spielweise als geborenen Anführer.
Die Bayern verpflichteten Olise 2024 für rund 53 Millionen Euro von Crystal Palace. Max Eberl gelang damit einer der besten Einkäufe der jüngeren Liga-Historie. Olises Vertrag gilt bis 30. Juni 2029. Real Madrid soll an ihm interessiert sein. Die Führung des FC Bayern wünscht sich bis zum kommenden Sommer eine klare Tendenz von Olise, wie er sich entscheiden will. Denn an seiner Zukunft hängt auch die Frage: Welche Chancen hat Supertalent Karl mittelfristig?
Zwei Superstars der Bundesliga: Michael Olise (l.) und Jamal Musiala (r.)Olise soll bei den Bayern geschätzt bis zu 14 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Die Münchner sind dem Vernehmen nach bereit, ihn zu einem ihrer Topverdiener zu machen. Das sind Kane und Musiala; sie sollen jeweils rund 25 Millionen Euro pro Jahr erhalten. Die Olise-Seite soll bislang keine Eile sehen. Im Gespräch ist offenbar ein Vertrag bis 2032 – das könnte ein Gesamtvolumen von mehr als 120 Millionen Euro bedeuten.
Olise will unbedingt die Champions League gewinnen. Zu Trainer Kompany hat er eine sehr gute Beziehung, aber es geht ihm vor allem um die sportliche Perspektive. Superstar Kylian Mbappé würde Olise angeblich gern bei Real sehen. Karl-Heinz Rummenigge, ehemaliger Klubchef und Aufsichtsrat des FC Bayern, sagte zuletzt: „Für einen Spieler wie Olise gibt es kein Preisschild, das uns zucken lassen würde.“ Seine Enkel tragen Olise-Trikots.
„Mr. Nonchalant“ könnte den FC Bayern noch viel kosten. Aber auch viele Fans, Titel und Euros bringen.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Er erlebt Michael Olise in München seit zwei Jahren.
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