Es gehört zur guten Etikette des Darts, sich nicht über Fehler des Gegners zu freuen. Das weiß jeder Aktive, ob Weltmeisterschaftsteilnehmer oder Freizeitligaspieler; ob Engländer, Niederländer, Deutscher oder Österreicher. In den vergangenen Jahren entstand aufgrund zunehmender Einflussnahme durch störende Zuschauer dann sogar eine Diskussion, ob Spieler nicht aktiv auf das Publikum einwirken müssen, wenn Fans den Gegner durch Pfiffe und Rufe aus der Konzentration zu bringen versuchen.
Mensur Suljovic scheint davon nicht viel zu halten. Der Österreicher wählte am Sonntag bei der Swiss Darts Trophy den entgegengesetzten Weg.
Sein Achtelfinale gegen Ross Smith, den Führenden der European-Tour-Rangliste, hatte den erwarteten Verlauf genommen. Suljovic lag gegen den Engländer 2:4 zurück, als er damit begann, das Publikum zu animieren, während sein Gegner damit beschäftigt war, seine Pfeile in die kleinen Triple-Felder zu werfen. Der 54-Jährige ließ sich nicht einmal oder zweimal zu diesen Gesten hinreißen – er forderte die Zuschauer in Basel bei nahezu jeder einzelnen Aufnahme dazu auf, die Wurfphasen des Gegners zu stören.
Unlautere Mittel, die letztlich zum Erfolg führten. Seinem sichtlich enervierten Gegner genügte eine 5:3-Führung nicht zum Sieg. Selbst bei Matchdarts von Smith konnte Suljovic nicht an sich halten. Nachdem der „Smudger“ den ersten auf der Doppel-18 ausgelassen hatte, stachelte Suljovic im Hintergrund noch einmal die Fans an. Als auch der zweite Dart daneben landete, jubelte er übertrieben gestenreich, ballte die Hand zur Faust – und machte anschließend seinen ersten Viertelfinaleinzug seit mehr als drei Jahren perfekt.
„Natürlich kann ich nicht wissen, was er hinter meinem Rücken macht, wenn ich werfe – abgesehen von den Reaktionen des Publikums. Wenn er ein absoluter Idiot sein will, ist das seine Sache. Karma wird ihn einholen“, schrieb Smith anschließend bei X.
Suljovic mimt den Ahnungslosen
Suljovic polarisiert während seiner gesamten Karriere. Technisch limitiert, bringt er die Gegner mit seinem aufreizend langsamen Spiel aus dem Rhythmus und zur Verzweiflung. Jeder Schritt, jeder Jubel, jedes Herausziehen eines Pfeils oder das Trinken eines Schlucks Wassers werden genutzt. Moralisch fragwürdig, aber eben auch erfolgreich.
Bei der vergangenen WM hatte Joe Cullen nach einer überraschenden Niederlage gegen Suljovic seine Sichtweise dargelegt: „Wenn das Darts ist, möchte ich keinen Teil davon. (...) Der alte Recke wird sagen, dass so etwas dazugehört, aber wie auch immer ihr es nennt: Es ist Schummeln“, schrieb Cullen nach seinem Ausscheiden Ende Dezember.
Was die Suljovic-Gegner noch mehr aufregt als die Mätzchen und Psychospiele auf der Bühne, ist seine fehlende Einsicht. „Ich würde nie so etwas tun“, insistierte er damals in London: „Ich weiß nicht, was sein Problem ist. Ich habe noch nie etwas Unerlaubtes getan.“
Auch in Basel gab er nach seinem unwürdigen Auftritt den Ahnungslosen und würzte seine wirren Ausführungen noch mit Sexismus: „Was beschwert sich der Kerl?! Der muss sein Spiel machen, ansonsten kann er direkt nach Hause gehen. Frauen! Frauen beschweren sich. Sorry, das tut man nicht, wenn man verliert“, sagte Suljovic am Hallenmikrofon und wurde ausgepfiffen.
Geht als Nummer eins der Rangliste in die European Darts Championship: Ross SmithDoch Suljovic legte nach: „Was beschwert er sich? Wenn ich in England bin, alle sind gegen mich. Überall sind sie gegen mich. Jetzt auf einmal beschwert er sich. Soll er gleich daheim bleiben.“ Beobachtungen, die sein Verhalten nicht rechtfertigen könnten – würden sie denn überhaupt der Realität entsprechen.
Selbst Moderator Philip Brzezinski sah sich genötigt, das so nicht stehenzulassen. Der Master of Ceremonies traf einmal mehr den richtigen Ton: „Mensur, wir kennen uns lange und mögen uns gern. Da sage ich dir aber ganz, ganz ehrlich: Das war nicht okay. Das war too much.“
Suljovic, der zuvor mit 6:3 gegen den Ungarn György Jehirszki und 6:4 gegen Michael van Gerwen (Niederlande) gewonnen hatte, erreichte nach einem 6:1 gegen den Niederländer Dirk van Duijvenbode sogar das Halbfinale, schied da aber 4:7 gegen Luke Humphries (England) aus. Den Turniersieg holte sich Jonny Clayton aus Wales.
Swiss Darts Trophy, Ergebnisse
Viertelfinale
- Karel Sedlacek (CZE) – Jonny Clayton (WAL) 2:6
- Bradley Brooks (ENG) – Gian van Veen (NED) 5:6
- Mensur Suljovic (AUT) – Dirk van Duijvenbode (NED) 6:1
- Cristo Reyes (ESP) – Luke Humphries (ENG) 3:6
Halbfinale
- Jonny Clayton (WAL) – Gian van Veen (NED) 7:4
- Mensur Suljovic (AUT) – Luke Humphries (ENG) 4:7
Finale
- Jonny Clayton (WAL) – Luke Humphries (ENG) 8:4
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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