Einen schöneren Ort hätte sich Michael Mronz für das Interview mit WELT am Sonntag kaum aussuchen können. Auf der Terrasse des Olympischen Museums in Lausanne mit weitem Blick über den Genfer See stellte sich der Sportmanager den Fragen zu seiner im Dezember geplanten Kandidatur als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

WELT AM SONNTAG: Herr Mronz, hinter Ihnen liegen turbulente Tage. Erst wollte eine Findungskommission Sie als alleinigen Kandidaten für das Amt des DOSB-Präsidenten vorschlagen, der am 5. Dezember gewählt wird. Doch dann gab es Widerstand von etwa einem Dutzend Spitzenverbänden. Schließlich wurden Sie doch von der Findungskommission empfohlen – aber bis zum Ablauf der Bewerbungsfrist am 30. Oktober können nun weitere Kandidaten von den Spitzenverbänden und Landessportbünden nominiert werden. Sieht so der nationale Zusammenhalt aus, der Ende September nach der Entscheidung für München als Olympia-Bewerber propagiert wurde?

Michael Mronz: Das ist Demokratie, es kann sich jeder bis zum 30. Oktober melden, der kandidieren möchte für das Präsidentenamt oder das Präsidium. Die Diskussion erinnert mich an die Situation vor drei Jahren, als ich durch die Wahl ins IOC gleichzeitig ins DOSB-Präsidium gekommen bin und beim Thema Olympiabewerbung gefragt habe: „Wollen wir wieder nur mitspielen oder wollen wir gewinnen?“ Sportdeutschland verfolgte damals einen nationalen Ansatz und wollte die Spiele auf zwei, drei Städte im ganzen Land verteilen. Ich habe erklärt, dass das IOC nach kompakten Spielen strebt und Deutschland mit diesem Konzept international keine Chance haben wird. Es haben sich dann alle Kandidaten auf ein „One Village“-Konzept verständigt. Das Ergebnis, das wir vor zwei Wochen in Baden-Baden präsentieren konnten, wurde mit Geschlossenheit und einem sehr überzeugenden Kandidaten erzielt. Im Zuge dieses Prozesses gibt es eine feste Zusage für Investitionen in den deutschen Sport von mehr als vier Milliarden Euro. Diese Vorgehensweise spricht für mein Verständnis von einer erfolgreichen Arbeit mit und für den deutschen Sport.

WAMS: Ist es nicht widersinnig, dass die Findungskommission auf Initiative der Spitzenverbände eingesetzt wurde, deren Entscheidung pro Mronz dann aber speziell im Wintersport-Lager und von Funktionären aus Bayern nicht akzeptiert wird?

Mronz: Wie gesagt: Ich biete dem organisierten Sport meine Kandidatur mit einem klaren Konzept an. Ich persönlich glaube, dass wir zu viel über Personalien sprechen, und würde es sehr begrüßen, wenn wir uns stattdessen den Inhalten widmen. Gerade junge Menschen in den Vereinen denken nicht in Säulen und Strukturen, sie denken in Angeboten. Das ist, was mich motiviert und begeistert: den Menschen und deren Erwartungshaltung an den Sport wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Das Ziel ist es, dass sich noch mehr Menschen für den Sport begeistern und ihn betreiben.

WAMS: Ihnen soll der Malus anhaften, dass Ihnen als Sportmanager der nötige Stallgeruch für den Präsidentenposten fehlt.

Mronz: Ich bin seit über 50 Jahren Mitglied in einem Tennis- und Hockeyverein, und die Werte, die mir der Sport vermittelt hat, treiben mich bis heute an. Mein Bruder Alexander war Tennisprofi, ich kenne daher sowohl den Breitensport im Verein als auch den Spitzensport in den Spitzenverbänden. Ich bin seit 30 Jahren im organisierten Sport tätig. Auch wenn ich nicht in einer der drei Säulen des deutschen Sports eine Position innehatte, kenne ich den Sport und seine Strukturen. Aber vielleicht ist gerade diese andere Richtung das, was jetzt auch für diese Säulen gewinnbringend ist. Und wenn es jemandem, der seit vielen Jahren im Reitsport tätig ist, an irgendetwas nicht mangelt, dann Stallgeruch. (schmunzelt)

Alexander Mronz 1995 in Wimbledon

WAMS: Ein anderer Grund für die Skepsis Ihnen gegenüber ist, dass Sie als IOC-Mitglied in erster Linie international ausgerichtet seien, weshalb Sie die nationale Verbandspolitik als DOSB-Präsident nicht ausreichend im Fokus hätten.

Mronz: Schaut man sich die IOC-Satzung an, gibt es bis zu 15 Mitglieder, die aufgrund ihres Amtes als NOK-Präsidenten IOC-Mitglieder sind. Es gibt bis zu 15 Mitglieder, die von internationalen Verbänden kommen. Es gibt bis zu 15 Mitglieder, die Athletenvertreter sind. Das zeigt sehr klar die Ausrichtung des IOC, dem die Nähe zu den Athleten, den Spitzenverbänden und den NOKs sehr wichtig ist. Knapp die Hälfte der Mitglieder im IOC haben eine enge Verbindung zu ihrem jeweiligen NOK. Und gerade die Diskussion, die wir im Moment innerhalb des IOC haben bei der Fragestellung, welche Sportarten in Zukunft im olympischen Programm enthalten sein sollen, ist eine Frage, die zwar international entschieden wird, aber national sehr große Auswirkungen hat. Deshalb ist es wichtig, mit einer starken Stimme in diesem Prozess eingebunden zu sein, um auch die nationalen Interessen entsprechend kraftvoll im IOC vertreten zu können.

WAMS: Haben die Vorbehalte möglicherweise weniger mit Ihnen persönlich zu tun, sondern mit Postenschacherei? Die Findungskommission schlägt drei neue Kandidaten als Ihre Vizepräsidenten vor, die auch nicht überall auf Zustimmung stoßen: Silke Renk-Lange (Landessportbund Sachsen-Anhalt, die Redaktion), Florian Sperl (Gewichtheben) und Fritz Joussen (Wirtschaftsexperte). Ansprüche werden aber auch Jörg Flechtner, dem Präsidenten des Ski-Verbandes, nachgesagt.

Mronz: Ich konzentriere mich darauf, ein inhaltlich überzeugendes Angebot zu machen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich gerne Dinge gestalten, nach vorne bringen möchte. Wenn man ein bloßes Weiter-so will, dann bin ich der Falsche. Wenn man Entwicklung will, also die Notwendigkeit sieht, dass wir uns als DOSB stärker als Dienstleister für die Säulen des Sports aufstellen müssen, und wenn wir die Interessen des Sports wieder stärker in den Mittelpunkt stellen wollen, um eine höhere Akzeptanz zu erreichen, dann ist dies mein Angebot. In Deutschland sagt man bisher, Sport sei die schönste Nebensache der Welt. Ich finde, Sport sollte eine der schönsten Hauptsachen sein. Es muss die Aufgabe des DOSB sein, die Stimme des Sports dort einzubringen, wo sie notwendig ist – aber in einer Sprache, die alle verstehen.

WAMS: Was meinen Sie konkret?

Mronz: Beispielsweise das Thema Gesundheitspolitik, das Thema Prävention. Wenn im Bericht der Finanzkommission Gesundheit das Thema Prävention nur im Zusammenhang mit der Einführung von Konsumsteuern genannt wird, dann müssen wir selbstkritisch feststellen, dass wir unsere Hausaufgaben nicht richtig und ausreichend gemacht haben. Denn es geht um Tabak, Alkohol und Zucker statt um den Sport. Das Gleiche gilt für die Themen Bildungspolitik und Public Affairs. Das können wir entweder akzeptieren. Oder wir sind bereit, etwas zu verändern. Ich bin ein großer Freund davon, zu erkennen, wo Defizite vorliegen, und diese anzugehen.

WAMS: Als Ihr möglicher Gegenkandidat für die Nachfolge von DOSB-Präsident Thomas Weikert wird Martin Engelhardt gehandelt, Präsident der Triathlon-Union und aktuell DOSB-Vize. Würden Sie im Dezember in eine Kampfabstimmung gehen?

Mronz: Wenn Martin Engelhardt für sich entscheidet, zu kandidieren, würde ich das Gespräch mit ihm suchen.

WAMS: Sie haben sich und Ihr Programm vorige Woche in der Sportschule Oberhaching den Spitzenverbänden und Landessportbünden vorgestellt. Im Bericht der Findungskommission heißt es, man traue Ihnen zu, „den DOSB zu einem europaweit beziehungsweise weltweit führenden Nationalen Olympischen Komitee weiterzuentwickeln“. Wie wollen Sie das anstellen?

Mronz: Zum einen mit einem starken Team im Präsidium, im Vorstand und aus den Mitarbeitenden im DOSB. Dazu gehört ein klares Rollenverständnis, was Ehrenamt und was Hauptamt ist. Zum anderen glaube ich, dass es wichtig ist, dass wir im Präsidium gewisse Zuständigkeiten haben. Bestimmte Personen stehen für bestimmte Inhalte und kümmern sich federführend.

WAMS: Was steht noch auf Ihrer Agenda?

Mronz: Ein moderner DOSB stützt eine erfolgreiche Olympiabewerbung. Wir können das nicht mehr getrennt voneinander sehen. Das IOC hat diese Woche erklärt, dass es sieben Bewerber für 2036 gibt: Katar, Indien, Südkorea, Südafrika, Ungarn mit Budapest, die Türkei mit Istanbul und Deutschland mit München. Wir sind jetzt in einer neuen Phase der Bewerbung, in der wir uns international professioneller aufstellen müssen. Deswegen darf man nicht den Fehler machen, nur den Olympia-Prozess zu sehen und nicht den notwendigen Veränderungsprozess im DOSB. Es müssen parallele Stränge sein. Bezogen auf den DOSB gibt es aus meiner Sicht vier Kernpunkte.

WAMS: Nummer eins?

Mronz: Der Sport vermittelt Werte, die gerade heute für uns als Gesellschaft wichtig sind: Respekt, Fairplay, Teamgeist, Integration. Und gerade in einer Gesellschaft, die auseinanderdriftet, müssen wir gucken: Wo ist das verbindende Element? Da kann der Sport genau dieser Brückenbauer sein, bei dem die Menschen eine Orientierung suchen und finden. Dafür müssen wir besser die Sprache der Menschen sprechen. Dafür müssen wir aber auch eine Infrastruktur haben, die die Menschen als attraktiv ansehen. Deshalb sage ich immer: Investitionen in den Sport sind keine Kann-, sondern Muss-Investitionen.

WAMS: Der zweite Punkt?

Mronz: Wir als DOSB müssen uns noch stärker als Dienstleister für die Landessportbünde, Spitzensportverbände und Verbände mit besonderen Aufgaben verstehen. Welche Erwartungen haben sie und wo können wir zielgerichtet unterstützen, damit sie ihr Angebot besser ausrichten können an die Mitglieder, an den einzelnen Sportler im Verein? Wir müssen die Serviceorientiertheit stärker zum Ausdruck bringen.

WAMS: Punkt drei?

Das Thema Autonomie des Sports ist wichtig. Wir werden den Menschen nur Orientierung geben und Brückenbauer sein können, wenn die Politik nicht zu stark in den Sport hineinregiert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir zu viel Politik im Sport haben. Wir sollten mehr Sport in die Politik bringen.

WAMS: Welche Rolle spielt der frühere Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe als neuer Staatsminister für Sport?

Mronz: Es ist toll, dass wir einen Sportstaatsminister haben, der zweimaliger Olympiasieger ist. Allein dadurch hat seine Meinung schon ein höheres Gewicht. Welche Länder, die sich wie wir in einem Olympia-Bewerbungsprozess befinden, können sonst noch sagen, dass ihr Sportstaatsminister ein zweifacher Olympiasieger ist?

WAMS: Der letzte Punkt Ihres Konzepts?

Mronz: Eine starke Olympiabewerbung, die eine Wechselwirkung auf den Aufbau eines modernen DOSB hat, der etwa das Thema Digitalisierung nicht als Bedrohung sieht, sondern als Chance, das Angebot zu erweitern.

WAMS: Das IOC erwartet von den Bewerbern, dass sie ihrem Land ein nachhaltiges sportliches und gesellschaftliches Erbe hinterlassen. In Paris 2024 waren es die tägliche Stunde Sport an den Schulen und die Rekultivierung der Seine. Sie selbst haben als Beispiel genannt, dass Deutschland Olympia in München nutzen könnte, um sich zum digitalsten Land in Europa zu entwickeln. Verfolgen Sie diese Idee weiter?

Mronz: Jeder spürt, dass dieses Defizit in unserem Land weiterhin vorhanden ist. Ich hatte in dem Kontext bereits einen Austausch mit Digitalminister Karsten Wildberger.

WAMS: Es gibt den Beschluss, dass der DOSB-Präsident in Zukunft 2000 Euro im Monat statt 250 Euro Aufwandsentschädigung bekommt und seine Vizepräsidenten je 1000 Euro erhalten. Im Vergleich zu den Summen, die die Spitzen anderer großer Verbände wie dem DFB kassieren, trotzdem Peanuts …

Mronz: Das Amt des DOSB-Präsidenten ist ein Ehrenamt. Wenn man die Bereitschaft hat, sich für das Präsidium zur Verfügung zu stellen, weiß man vorher, wie die Rahmenbedingungen sind. Ich will nicht gewählt werden, um einen neuen Titel auf dem Briefkopf zu haben. Sondern weil ich eine Idee habe, hinter der sich auch der deutsche Sport versammelt.

Mronz im Hoodie von Team Deutschland

WAMS: Wäre Ihre Doppelfunktion als DOSB-Präsident und IOC-Mitglied ein Vorteil für die Bewerbung von München um Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044, weil Sie genau wissen, worauf es bis zur IOC-Vergabe ankommt?

Mronz: Man darf und kann die Dinge nicht getrennt sehen. Auch für andere internationale Veranstaltungen in Deutschland, wie zum Beispiel die World Games, die 2029 in Karlsruhe stattfinden. Als IOC-Mitglied und Präsident eines nationalen Dachverbandes hat man einen viel kraftvolleren Auftritt in der internationalen Sportwelt. Wie gesagt: Wir sind jetzt mit München in eine neue Phase der Olympiabewerbung eingetreten und müssen international einen deutlich stärkeren und präsenteren Auftritt zeigen. Meine Idee hat eine nationale und eine internationale Dimension. Dafür werbe ich. Will man diesen Modernisierungs- und Reformprozess im DOSB und will man gleichzeitig die Olympiabewerbung international stärken? Das ist die Entscheidung, die der organisierte deutsche Sport jetzt treffen muss.

WAMS: Anfang 2027 will das IOC mit einer kleineren Auswahl unter den sieben Kandidaten von einem „continuous dialogue“, von losen Bewerbungsgesprächen auch mit dem DOSB, in einen „strategic dialogue“ übergehen, einen vertieften Dialog. Wie groß sehen Sie die Chancen, dass München weiter dabei ist?

Mronz: Von einer zweistelligen Bewerberzahl haben wir den ersten kleinen Zwischenschritt geschafft in die reduzierte Auswahl für 2036. Um es in der Sportsprache auszudrücken: Wir sind nicht mehr im Trainingslager, sondern gehen in den Wettkampf. In den nächsten Monaten geht es darum, in den Vorläufen hart an allen Themen zu arbeiten, damit wir vorbereitet sind, um im März mit dem ersten Zwischenlauf oder Halbfinale die nächste Runde zu erreichen.

WAMS: Das wäre 2028 der „targeted dialogue“ mit konkreten Verhandlungen, bevor das IOC Mitte 2029 die Spiele 2036 vergibt.

Mronz: Wir haben durch den Prozess, den wir in den vergangenen drei Jahren aufgesetzt haben, wieder viel Vertrauen im internationalen Sport und speziell beim IOC aufgebaut. Wir sind heute bei der Bewerbung für Sommerspiele so weit, wie wir es seit den Spielen 1972 noch nie waren. Das ist das Ergebnis von gemeinsamen Anstrengungen des deutschen Sports. Trotzdem warne ich davor, leichtsinnig zu sein und das als Selbstläufer zu sehen.

Die Entscheidung ist gefallen: München setzt sich gegen Köln-Rhein-Ruhr durch und geht als deutscher Bewerber für die Ausrichtung der Olympischen Spiele ins Rennen. „Hier wird Sekt ausgeschenkt, hier wird sich umarmt“, berichtet Reporterin Mariam Sauer.

WAMS: Sie waren diese Woche bei einer IOC-Veranstaltung in Lausanne. Wie reagieren Ihre Kollegen auf die Münchner Bewerbung?

Mronz: International hat der Prozess in Deutschland eine sehr hohe Aufmerksamkeit erzeugt. Zwei Bürgerbefragungen mit jeweils mehr als 66 Prozent Zustimmung für Olympische und Paralympische Spiele in München und Köln/Rhein-Ruhr hat es in der Geschichte des IOC für Sommerspiele noch nie gegeben. Das stärkt auch das Image des IOC. Das hat gleichzeitig dazu geführt, dass viele im IOC ein hohes Interesse an der deutschen Bewerbung haben und auch sehr gut informiert sind über die verschiedenen Konzepte und den Prozess. Ich habe in Lausanne die Gelegenheit nutzen können, um für München, für die Kompaktheit des Konzepts zu werben: Über 90 Prozent der Athletinnen und Athleten wohnen im Olympischen Dorf, das ist eine Zahl, die es seit vielen Bewerbungen nicht mehr gegeben hat. Dazu kommt als Erbe der Spiele von 1972 der Olympiapark im Herzen von München. Nicht zu vergessen, die hohen Erfahrungswerte, die München hat, nicht nur mit Sport-Großveranstaltungen, auch mit der Sicherheitskonferenz oder dem Oktoberfest, das innerhalb von 16 Tagen sieben Millionen Gäste besucht haben. Das macht schon Eindruck und schafft eine wunderbare Plattform, um die Gespräche an den verschiedenen Stellen zu intensivieren.

WAMS: Und wenn es mit 2036 nicht klappt?

Mronz: Ist Deutschland mit München für 2040 bereit.

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