Im April machten Eren Dinkci und seine Lebensgefährtin einen schweren Schicksalsschlag öffentlich. Cinja ist an akuter lymphatischer Leukämie erkrankt. Im Interview spricht der Stürmer von Werder Bremen über ihren Zustand, die Sorge vor Infektionen und ihr großes gemeinsames Ziel.
Frage: In den vergangenen Tagen setzten Sie mit dem Training aus und fehlten auch beim Testspiel, um sich um Ihre Lebensgefährtin zu kümmern. Wie geht es ihr?
Eren Dinkci: Recht gut. Der zweite Behandlungszyklus hat angefangen, die Immuntherapie. Sie ist nach einem Krankenhausaufenthalt aktuell zu Hause. Sie bekommt noch dreieinhalb Wochen ein Medikament, das rund um die Uhr durchläuft wie eine Infusion und Nebenwirkungen verursacht. Es schlägt aber gut an. Wir hoffen, dass alles gut weitergeht. Danach gibt es weitere Termine, einen dritten Zyklus bis Ende März und Kontrollen. Dann hoffen und beten wir, dass sie gesund ist und die Erkrankung nicht mehr zurückkommt.
Frage: Sie hatten im Frühjahr zu einer Registrierungsaktion aufgerufen, um mögliche Stammzellenspender zu finden. War die Aktion erfolgreich?
Dinkci: Es gibt tatsächlich zwei Personen, die zu 90 Prozent als Spender passen. Da Cinja ein Studienmedikament erhält, benötigt sie aktuell keine Spende. Verlaufen die nächsten Monate nicht wie erhofft, hätte sie aber die Möglichkeit, darauf zurückzugreifen.
Frage: Wie gehen Sie beide mit dieser schwierigen Situation um?
Dinkci: Dieser Schicksalsschlag hat uns beide noch enger zusammenwachsen lassen. Es gibt sehr, sehr schlimme Tage. Aber eben auch schöne. In der Länderspielpause sind wir, bevor es ins Krankenhaus ging, ein paar Tage weggeflogen.
Frage: Gibt es da auch mal leichte Momente?
Dinkci: Ja. Es tut gut, mal in einer anderen Stadt spazieren zu gehen und alles zu vergessen. Das gelingt uns auch. Auch wenn wir immer vorsichtig sind. Wir meiden keimhaltige Orte. Öffentliche Toiletten sind tabu, Desinfektionsmittel immer dabei. Wir müssen einfach gut aufpassen und ich bin da sehr streng mit ihr.
Frage: Wie meinen Sie das?
Dinkci: Ich bin grad noch ein bisschen kränklich. Und natürlich schlafen wir deshalb getrennt in anderen Betten. Das muss sein. Es wäre viel zu gefährlich, dass sie sich etwas einfängt. Wir haben beide ein großes Ziel. Und darauf arbeiten wir hin.
Frage: Wie lautet es?
Dinkci: Wir wollen die nächste Sommerpause nutzen, um einen großen Urlaub zu machen. Cinja sucht sich den Ort aus. Die Kontrollen im Krankenhaus gehen allerdings weiter. Vielleicht müssen wir dann hin und her fliegen, aber wir machen es auf jeden Fall.
Frage: Sie beide sind von Beginn an sehr offen mit der Erkrankung umgegangen. War der Schritt richtig?
Dinkci: Auf jeden Fall. Es ging darum, Stammzellenspender zu finden. Und es haben sich dadurch viele Menschen registrieren lassen und gespendet. Es war sehr schön, das zu hören.
Frage: Was kann die Familie für Sie tun?
Dinkci: Sie ist immer für uns da, nimmt praktische Dinge wie Krankenhausfahrten ab. Cinja darf jetzt dreieinhalb Wochen nicht Auto fahren. Es ist Gold wert, Familie und Freunde zu haben, die uns so unterstützen.
Frage: Sie haben sich in der vergangenen Woche eine Auszeit erbeten, fehlten beim Test in Enschede. Tragen Trainer und Teamkollegen das mit?
Dinkci: Es fühlt sich blöd an, die Mannschaft im Stich zu lassen. Aber es gibt Wichtigeres als Fußball. Mir ist das erst spät bewusst geworden. Ich hatte und habe das Glück, mit Frank Schmidt, Julian Schuster und jetzt Daniel Thioune drei Trainer um mich zu wissen, die viel Verständnis aufbringen. Ich weiß aber, dass ich das zurückzahlen muss.
Frage: Wie gehen die Teamkollegen mit Ihnen um?
Dinkci: Ich merke, dass es die Jungs interessiert und sie Fragen haben. Ich habe ihnen gesagt, dass sie mich ansprechen können und ich kein Problem damit habe, darüber zu reden.
Frage: Können Sie alle Sorgen wegdrücken, wenn Sie auf dem Platz stehen?
Dinkci: Ja, das kriege ich gut hin. Wenn der Ball rollt, bin ich im Tunnel. Ich nehme mir dann das Recht, alles zu vergessen. Es wäre auch unfair gegenüber meinen Kollegen, wenn ich es nicht könnte. Cinja sagt auch, ich solle mir Zeit für mich nehmen, etwas mit Freunden unternehmen, um nicht 24/7 mit diesem Thema beschäftigt zu sein. Mir macht viel Mut und Hoffnung, wenn man sieht, wie viel Kraft sie hat. Und das nach allem, was sie schon überstanden hat.
Dieses Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) geführt und erschien zuerst in BILD.
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