Was wird von Cristiano Ronaldo in Erinnerung bleiben? Wie er sich in der zweiten Halbzeit gegen Norwegen vergeblich warm läuft, mit fortschreitender Spieldauer auf ein Zeichen seines Trainers wartet und dann unverrichteter Dinge den Schlusspfiff zu hören bekommt? Wie er mit bitterer Miene in den Mannschaftsbus steigt und noch einmal zaghaft den Fans zuwinkt? Oder wie er frustriert die Treppe zum Privatflieger betritt, der portugiesischen Nationalmannschaft wütend den Rücken kehrt und wie ein Deserteur daherkommt?

Alles, wirklich alles in dieser Causa ist unwürdig. Da ist ein Trainer, er heißt Jorge Jesus. 72 Jahre alt. Vor dem Knall hatte er sich bei nahezu jedem Auftritt selbst widersprochen. Mal gab er Ronaldo „einen Sonderstatus“, mal nannte er ihn einen „Spieler wie jeder andere“. Ungeschickter und unschärfer als er hat das Dauerthema Ronaldo noch kein Nationalcoach vor ihm moderiert.

Da ist ein Superstar, Volksheld noch dazu, den die ganze Welt kennt: Cristiano Ronaldo. 41 Jahre alt. Nach dem Knall hat er sich nun dafür entschuldigt, dass er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion seine Nationalmannschaft im Stich gelassen hat. Ungeschickter und schärfer als er kann man einen Konflikt nicht eskalieren lassen.

Die Hybris von Ronaldo ist einzigartig

Ronaldo ist ein eitler Pfau, zweifelsohne. Ein exaltierter und egozentrischer Spieler, der sich als Mittelpunkt des Fußballkosmos – vor allem des portugiesischen – begreift und alle anderen als Satelliten sieht, die um ihn herum zu kreisen haben. Der es gewohnt war, dass er den Ton angibt, die Geschicke selbst bestimmt. Der nahezu grenzenlos verehrt wird und daraus bedingungslose Gefolgschaft abgeleitet hat. Seine Hybris ist legendär und einzigartig.

Und dennoch ist das, was ihm gerade widerfährt, eine Katastrophe. Ja, sogar eine unappetitliche Tragödie. Eine Weltkarriere im portugiesischen Nationaltrikot rutscht einfach so durch den Spalt der Hintertür hindurch. Auf Nimmerwiedersehen.

Wird ihm das gerecht? Nein. Ist er der Hauptschuldige? Nein, nein, nein!

Ronaldo hat für sein Heimatland eine besondere Bedeutung. Er ist zu einer Symbolfigur des portugiesischen Fußballs geworden. Aus gutem Grund. Seine Brillanz, seine Eleganz, seine Strahlkraft verliehen der Nationalmannschaft seines Landes ein Gesicht. Es gab eine goldene Generation um Figo oder Rui Costa. Mit Ronaldo aber begann eine andere Zeitrechnung. 243 Länderspiele, 146 Tore. Für eine kleine, fußballvernarrte Nation wie Portugal ist das Spiel ihres Landes die Essenz ihrer Hingabe – und Ronaldo die Krone des Ganzen.

Ist er in die Jahre gekommen? Ja. Gibt es mittlerweile bessere portugiesische Stürmer als ihn? Ja, ja, ja!

Keiner weiß besser als Jesus, auf was er sich einlässt

Es sind für einen Nationaltrainer leichtere Aufgaben denkbar, als die Weltkarriere eines Superstars im Nationalteam ausklingen zu lassen oder sie gar zu beenden. Jorge Jesus ist darum nicht zu beneiden. Auch ihm wird nicht entgangen sein, dass jüngere Spieler wie etwa João Neves oder Vitinha von Paris St. Germain, die mit ihrem Verein die Champions League gewannen, erkennbar keine Lust mehr darauf hatten, alles den Launen und Zielen eines 41-Jährigen unterzuordnen.

Trotzdem weiß nicht zuletzt ein Portugiese wie Jorge Jesus, worauf er sich einlässt, wenn er einen Nationalhelden im Range eines Cristiano Ronaldo zur Nationalmannschaft beordert. Lässt er ihn nicht wie gewünscht spielen, ist Ärger programmiert. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wie also konnte er glauben, das eventuell in geordnete Bahnen lenken zu können? Wie konnte er annehmen, das moderieren zu können? Und nicht zuletzt: Wie naiv muss man sein, anzunehmen, dass Ronaldo eine Demontage einfach so klaglos hinnimmt? Jesus stürzt Gott, so in etwa, und kein Donnergrollen ist zu hören?

Ronaldo hat gesagt, er habe nach der WM über sein Karriereende in der Nationalmannschaft nachgedacht. Sportlich wäre es an der Zeit gewesen, das war augenscheinlich. Er hat es nicht gemacht. Alternde ehemalige Ausnahmekönner wie Messi, der ja gerade noch den Absprung schaffte, Modric oder eben Ronaldo lieben ihr Land, deswegen können sie nur schwerlich von der Nationalmannschaft lassen. Die Nationalhymne ist stets aufs Neue die Ouvertüre ihres (Fußballer)-Lebens. „Helden der See, edles Volk, tapfere und unsterbliche Nation. Erhebet heute aufs Neue die Pracht Portugals!“

Jesus hatte zwischen WM und Nations League monatelang Zeit, sich mit Ronaldo auf dessen Rolle in der Nationalmannschaft zu verständigen. Ihm eventuell sogar eine Brücke für einen würdigen Abschied zu bauen. Doch das hat er offenbar nicht gemacht. Dabei weiß Jesus wie aktuell kein anderer, zu was Ronaldo auf dem Platz noch in der Lage ist – und zu was eben nicht: Bevor er im Juli dieses Jahres Portugals Nationalteam übernahm, war er Trainer bei Ronaldos Klub Al-Nassr. Vielleicht fehlte ihm der Mut, in jedem Fall aber die Konsequenz.

Er steht nun als Wortbrüchiger da, als solchen klagt ihn Ronaldo an. Er spricht von „absolutem Vertrauensbruch“. Vorrangig aber ist Jorge Jesus derjenige, der es nicht vermochte, einen Helden ohne Kratzer an seinem Denkmal in die Geschichte eingehen zu lassen. Das tut weh, primär der portugiesischen Seele.

Patrick Krull ist Sportredakteur der WELT. In der Glaubensfrage „Messi oder Ronaldo?“ zählt er zum Team Messi.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke