Vor einer Woche läutete die Professional Darts Corporation (PDC) schon mal das neue Jahr ein. Der Tourkalender für die Saison 2027 wurde vorgestellt und damit auch die Frage beantwortet, wo und wie zukünftig expandiert werden soll. „Der Kalender für 2027 spiegelt erneut das anhaltende Wachstum der PDC-Tour wider“, stellte CEO Matt Porter fest und lenkte das Augenmerk auf eine Premiere: „Die European Tour erstmals nach Frankreich zu bringen ist für uns eine aufregende Entwicklung. Wir haben bereits in den vergangenen Jahren erlebt, wie die Serie in neue Gebiete vorgedrungen ist.“
Zuletzt war sie vor allem in Osteuropa gewachsen. Nun geht es im März nach Liévin in den Norden Frankreichs. Mit der L’Equipe hat die PDC in Frankreich zudem einen starken Medienpartner gewinnen können. Und auch bei den Majorturnieren wird eifrig aufgestockt. Salzburg erlebt 2027 die Premiere der European Open, und nach der Aufstockung des Grand Slam of Darts in diesem Jahr von 32 auf 48 Teilnehmer wird 2027 die European Championship in Dortmund von vier auf sechs Tage ausgeweitet.
Mehr Spieler, mehr Spieltage und sogar mehr Geld – das galt vor einem Jahr auch für die Darts-WM, deren Teilnehmerfeld von 96 auf 128 erweitert und das Preisgeld auf fünf Millionen Pfund verdoppelt wurde. Der Weltmeistertitel wird seitdem mit einer Million Pfund belohnt. In diesem Winter folgt nun der nächste und für die PDC durchaus risikobehaftete Schritt: die Erhöhung der Zuschauerkapazität.
Matt Porter (rechts) mit Bahnrad-Legende Chris Hoy (links) und Darts-Weltmeister Luke LittlerWenn die Organisation am 11. Dezember ihre mittlerweile 34. Weltmeisterschaft eröffnet, wird die Aufregung noch größer als sonst sein. Nein, sportlich verspricht der Jahreshöhepunkt keine Spannung. Niemand zweifelt daran, dass sich das 19 Jahre alte Wunderkind Luke Littler am 3. Januar zum dritten Mal zum Weltmeister krönt. Grund für die Unruhe ist ein Umzug, den die PDC nach langem Zögern vollzieht.
Seit Dezember 2007 wird der beste Dartspieler der Welt im Londoner Alexandra Palace ermittelt. Daran wird sich auch in naher Zukunft nichts ändern, doch innerhalb des traditionsreichen Veranstaltungskomplexes wird erstmals der Ort gewechselt. Statt in der kleineren West Hall fliegen die Pfeile nun in der Main Hall. Die PDC schickt ihren Goldesel auf eine grünere Wiese.
WM entscheidet über das Wachstum im Darts
Die WM ist Initial und Triebfeder für eigentlich alles, was im Darts passiert. Wenn Porter von Blüte und Wachstum spricht, liegen die Wurzeln immer im Alexandra Palace. Hier schüttet die PDC den Spielern nicht nur das mit Abstand meiste Geld aus, sie macht dort auch selbst groß Kasse. Dass das Geld über der Tour und den Turnieren zwischen Januar und November mit dem Füllhorn ausgeschüttet werden kann, wird alljährlich im Dezember möglich gemacht. Allein das Premiumprodukt entscheidet darüber, wie schnell der Sport wächst.
Mit ihrem dreiwöchigen Turnier gewinnt die PDC neue Zuschauer, Sponsoren und rechtfertigt aufgrund der hohen Einschaltquoten ihre millionenschweren Fernsehverträge. Die WM war und ist für viele der Erstkontakt mit dem Sport. Ob Spieler, Funktionär, Sponsor, Fan – wen man auch fragt, wie er oder sie einst zum Darts kam, erhält als Antwort ziemlich sicher, dass dieses bunte Event mit seinen kostümierten Fans irgendwann um Weihnachten im TV entdeckt wurde.
Der ganz normale Wahnsinn: die Fans im Alexandra PalaceDie ganz besondere Party-Stimmung im Alexandra Palace ist das entscheidende Gewürz im PDC-Erfolgsrezept. Würden die Pfeile in einer Sporthalle vor ein paar Hundert Fachkundigen fliegen – der Sport wäre niemals aus der Nische entwachsen und Littler kein globaler Star, sondern eher Aushilfe im Kerzengeschäft, in dem seine Mutter arbeitet.
Porter weiß daher nur zu genau, dass der Umzug Risiken birgt. Jahrelang hatte die PDC die Entscheidung über einen Wechsel diskutiert, den Vollzug aber trotz eines alljährlich ausverkauften Turniers stets vor sich hergeschoben. Kurzfristig ist der wirtschaftliche Benefit zwar garantiert: Pro Session können nun mehr als 5.000 statt zuvor 3100 Zuschauer dabei sein. Über die gesamte WM bedeutet das 70.000 weitere Plätze und eine Mehreinnahme von etwa 1,5 Millionen Pfund – allein im Ticketing. Die Umsätze im Hospitality-Bereich sowie den Verkaufsständen im Fan Village steigen ebenfalls.
Die zwei Sorgen der PDC
Dennoch treiben die PDC zwei große Sorgen um: Entspricht die erhöhte Kapazität der Nachfrage? Und wie viel der einzigartigen Stimmung verpufft in der größeren Halle?
Punkt eins bezieht sich nicht auf die Kartenverkäufe an sich. Es ist davon auszugehen, dass sämtliche der ab 55 Pfund erhältlichen und im Rahmen einer Verlosung vergebenen 180.000 Tickets abgesetzt werden. Nur wie viele der 5000 Karteninhaber kommen an einem verregneten Dienstagmittag auch tatsächlich den Hügel im Alexandra Park hinauf, um einen Außenseiter von den Philippinen gegen einen unbekannten Polen beim Pfeilewerfen zuzuschauen? Die Matches werden erst Ende November, rund drei Monate nach dem Start des Kartenverkaufs, ausgelost und terminiert. Bei der Darts-WM kauft der Besucher die Katze im Sack.
Sky UK, das die TV-Bilder für alle Rechteinhaber weltweit produziert, wird daher ganz besonders darauf achten, etwaige Lücken auf den Rängen nicht zu zeigen. Wie groß sie sein werden, ist die Frage, die Porter und Co. umtreibt.
Womit wir beim zweiten Punkt wären. Wie wirken sich die veränderten Rahmenbedingungen auf die Atmosphäre aus? Denn selbst wenn alle Ticketinhaber auch am Ende im Alexandra Palace dabei sind – dass mehr Zuschauer nicht gleichbedeutend mit mehr Stimmung sein müssen, gilt nicht nur für Musikkonzerte und Comedyshows. In größeren Räumen wird auch das Schweigen lauter.
Im Darts wird das jedes Jahr in der Premier League deutlich, wo an den Spieltagen bis zu 14.000 Zuschauer live dabei sind. Die Kulissen sind tatsächlich imposant. Dass dort an mehreren Orten zeitgleich unterschiedliche Gesänge angestimmt werden, macht den für die Darts-WM typischen Roar aber nahezu unmöglich.
Gilt das auch für die Darts-WM mit 5000 Zuschauern in der Main Hall? Die PDC hatte schon in den vergangenen Jahren mehrfach versucht, den Kipppunkt zu berechnen: Wie groß können wir die Veranstaltung machen, ohne das in der Außenwirkung so wichtige Flair zu verlieren? Nun glauben sie, ihn gefunden zu haben.
Bei dieser WM wird es daher zwei Finals geben. Für die PDC bedeutet bereits der erste Abend ein Endspiel. Und das birgt deutlich mehr Spannung als das Duell zwischen Littler und seinem noch zu ermittelnden Gegner am 3. Januar.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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