Der folgende Text-Einstieg stammt aus einem WELT-Artikel vom 18. November 2018: „Robert Marijanovic gewinnt die Super League und qualifiziert sich für die Darts-WM in London. Er komplettiert das deutsche Rekordaufgebot. Das Quartett weckt Hoffnungen.“
Die Namen veränderten sich in den folgenden Jahren, Spieler kamen und gingen. Grundsätzlich jedoch hatte die Nachricht Bestand: Das deutsche Darts wuchs in der Breite und in der Spitze, sodass 2023, 2024 und 2025 jeweils neue Rekordaufgebote für die folgende Weltmeisterschaft vermeldet werden konnten, stets verbunden mit großen Hoffnungen.
Auch für die am 11. Dezember beginnende Weltmeisterschaft des Professional Darts Corporation (PDC) zeichnet sich wieder einmal ein neuer Spitzenwert ab. Mit Martin Schindler, Ricardo Pietreczko, Niko Springer, Gabriel Clemens, Max Hopp, Lukas Wenig und Daniel Klose sind bereits sieben Deutsche sicher beim Jahreshöhepunkt in London dabei. Zwei weitere, Leon Weber und der Sieger der von Deutschen dominierten Super League, dürften noch hinzukommen – womit die Bestmarke von acht aus dem Vorjahr geknackt wäre. Nur mit den Hoffnungen ist das in diesem Jahr so eine Sache.
Gabriel Clemens und der Höhepunkt 2026
Hinter den Deutschen liegt das angesichts von – ebenfalls ein Topwert – 15 Tourcardhaltern insgesamt vielleicht schwächste Jahr überhaupt. Auch in den vergangenen Wochen zeigte sich kein Hoffnungsschimmer. Für den vom 28. September bis zum 4. Oktober im englischen Leicester ausgespielten World Grand Prix hatte sich mit Niko Springer nur ein Deutscher für das Feld der 32 Teilnehmer qualifizieren können und war in Runde eins gegen den Niederländer Danny Noppert ausgeschieden.
Ausgerechnet der von einigen bereits abgeschriebene Gabriel Clemens sorgte 2026 für das einzige Highlight. Der 43-Jährige hatte vor vier Jahren mit seinem Halbfinaleinzug für den größten Erfolg eines Deutschen in London gesorgt, war seitdem im Ranking aber immer weiter nach hinten gerutscht. Am 7. Juli gewann er jedoch überraschend die Players Championship 24 in Leicester. Aktuell wird er auf Rang 47 der Welt geführt, doch er ist auch aufgrund seiner Erfahrung vielleicht der einzige, dem eine Überraschung zugetraut werden muss.
Auf dem Weg: Gabriel Clemens nach seinem Drittrundensieg bei der WM 2023Die beiden bestplatzierten Deutschen machten in dieser Saison einen Schritt zurück. Schindler, der im September 2025 nach einem Turniersieg in Basel der erste deutsche Top-16-Spieler der PDC-Geschichte wurde, konnte seinen Platz nicht verteidigen. Der 30-Jährige fiel mittlerweile sogar aus den Top 20, und Pietreczko hat seit der vergangenen WM einmal ein Achtelfinale auf der European Tour erreicht, steht nur dank der Erfolge aus 2024 und 2025 noch auf Platz 35 und droht im kommenden Jahr abzustürzen.
Springer, in der Order of Merit zwei Plätze hinter Pietreczko, konnte sich nach einem furiosen ersten Jahr auf der Tour etablieren, gewann im vergangenen Herbst sogar sein erstes Event auf der European Tour. Bei den Majorturnieren ging es für den 26-Jährigen bislang jedoch vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln. Bei den vier für die Rangliste relevanten Majorturnieren in diesem Jahr verlor er jeweils sein Auftaktmatch. Alle weiteren Deutschen liegen außerhalb der Top 60 und haben mit der Qualifikation bereits ihr Hauptziel erreicht.
Druck durch Darts-Boom?
15 Tourcardhalter, neun WM-Fahrer, doch keine Aussicht auf ein Viertelfinale oder mehr. Trotz stetig gewachsener Breite blieben und bleiben die Spitzen stumpfer als gedacht – oder frei nach Seeed: Zu viel Kraft in der Lunge für zu wenige Trompeten.
Über die Gründe, dass es bislang keinen echten deutschen Topspieler gibt und auf großer Bühne – mit Ausnahme von Clemens‘ Coup vor vier Jahren – nichts zu holen war, wurde viel diskutiert. Womöglich ist der Druck zu groß.
Während der WM im vergangenen Jahr wurden Stimmen laut, wonach die Erwartungen aus der Heimat schlichtweg zu groß seien. Allen voran Schindler kritisierte Medien und Teile der Fans.
Auch wenn sich die deutsche Nummer eins bei ihrer Schelte vergaloppierte und die breite Öffentlichkeit ganz offensichtlich mit einigen Trollen in den sozialen Netzwerken verwechselte, zeigte die Diskussion doch, dass die Situation für manchen Deutschen leistungshemmend sein könnte.
Der Sport hat in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend Relevanz erhalten, Millionen Deutsche schalten ein, wenn Schindler, Pietreczko, Springer und Clemens im Alexandra Palace ans Oche treten. Eine völlig neue Situation. Noch dazu, wenn die Spieler Kontakt und Umgang mit der Öffentlichkeit auch aus ihrem Arbeits- oder Privatleben nicht gewohnt waren.
Womöglich ist die geringere Erwartungshaltung in diesem Jahr daher auch eine Chance. Für hoffnungsvolle Prognosen besteht schlichtweg kein Anlass.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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