Humor haben sie. „Dreht die Klimaanlage auf, Hummels und Müller zahlen“, ruft ein Ende 20-Jähriger durch den Bus der „Magia Tricolor“. Die treuesten Fans des portugiesischen Erstligisten CF Estrela Amadora sind auf dem Weg zum Liga-Spiel gegen Académico de Viseu.
Eigentlich sollte die Partie im vereinseigenen Stadion der 190.000-Einwohner-Vorstadt von Lissabon ausgetragen werden. Doch der Rasen im Estádio José Gomes (9288 Plätze) ist seit fünf Jahren nicht mehr ordentlich gepflegt worden. Deshalb muss der Klub an diesem Spieltag ins 88 Kilometer entfernte Rio Maior ausweichen.
Was Mats Hummels und Thomas Müller damit zu tun haben? Die deutschen Weltmeister von 2014 sind seit Ende August Eigentümer von Estrela (Portugiesisch für Stern). Ein internationales Konsortium hat 90 Prozent der Anteile am Klub gekauft. Müller und Hummels sind wie ihre ehemaligen Bayern-Mitspieler Yann Sommer und Lucas Hernández sogenannte strategische Mitbesitzer.
Gemeinsam Weltmeister, gemeinsam Investoren – Thomas Müller (l) und Mats HummelsWas sie dafür gezahlt haben, ist nicht bekannt. In Portugal ist von rund 50 Millionen Euro für die Übernahme die Rede. Bekannt ist, dass „ADvantage“ involviert ist. Das Investment-Unternehmen wird von Alex Bente, einem Urgroßenkel des Adidas-Gründers Adi Dassler, mitgeführt.
Auf Hummels und Müller wartet viel Arbeit
Ein Besuch beim neuen Müller-Hummels-Klub. Schnell wird deutlich, dass auf die neuen Eigentümer viel Arbeit wartet. Eine der Tribünen des Stadions ist aus Sicherheitsgründen gesperrt. Weil derzeit auch kein klubeigenes Trainingsgelände zur Verfügung steht, müssen fremde Plätze angemietet werden – mit fast einstündiger Busfahrt. Aber: Niemand meckert über die Bedingungen. Im Gegenteil! Es herrscht Aufbruchstimmung.
1500 bis 3000 Fans kommen zu Estrela-HeimspielenTrainer Pepa: „Ich vertraue darauf, dass die neuen Eigentümer all das umsetzen, was sie vorhaben. Bis es so weit ist, arbeiten wir alle mit dem, was wir aktuell haben – und geben dabei alles, was wir haben. Wir alle haben riesige Lust, ein Teil dieser Entwicklung zu sein.“
Was er meint: Die Investoren wollen die Infrastruktur und die Qualität des Kaders so verbessern, dass Estrela dauerhaft zu einem der besten acht Klubs in Portugal wird. Für die meisten Fans wirkt das noch wie ein ferner Traum. 2011 war ihr Verein insolvent und wurde aufgelöst. Wenige Monate später gründeten 13 treue Anhänger einen Nachfolgeklub – ebenfalls mit dem Namen Estrela, der zunächst nur im Jugend- und Amateurfußball aktiv sein konnte.
Pizarros Patensohn ist der Präsident des Klubs
2020 stieg Amadora wieder in die 3. Liga auf und kehrte drei Jahre später in die 1. Liga zurück. Zu Heimspielen kommen 1500 bis 3000 Fans. Der Kopf hinter dem Klub: Präsident Johannes Mösmang.
Der 35-Jährige ist der Patensohn von Ex-Bayern-Star Claudio Pizarro. Seine Mutter stammt aus Peru, sein Vater aus Bayern. Wie Müller und Hummels hat Mösmang, der einst Jura studierte, beim FC Bayern Karriere gemacht. Nach einem Praktikum in der Rechtsabteilung 2016 arbeitete er sich in den sportlichen Bereich hinein. Zunächst als Scout, später als Spielerbetreuer.
Mösmang spricht Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch, sodass er auch in Transfergesprächen eingebunden wurde. So baute er sich nach und nach ein Netzwerk auf, das ihm heute das Selbstvertrauen gibt, selbst einen Klub zu führen.
Mit nur 35 Jahren Klubpräsident: Mösmang auf der Tribüne des Stadions, das 1957 eröffnet wurdeUnd wie gelang es Mösmang, Müller und Hummels vom Einstieg bei Amadora zu überzeugen?
Der Präsident: „Portugiesische Klubs gehören zu den spannendsten Investment-Möglichkeiten in der gesamten Fußballwelt. Der Fußball hier wird moderner und interessanter. Zum einen durch die Vergabe der WM 2030 nach Spanien, Marokko und eben Portugal, zum anderen durch eine neue Verteilung der Fernsehgelder von 2028 an, die insbesondere kleinere Klubs wie Estrela finanziell stärken wird.“
Für Investoren sei der Standort Portugal so attraktiv, weil es kaum vereinsrechtliche Hürden wie etwa die 50+1-Regel in Deutschland gibt – und einen ganz besonderen Vorteil. Es gibt keine Kaderlimits für Spieler aus Nicht-EU-Ländern – in Spanien etwa sind jedem Erstligisten nur drei erlaubt.
Attraktive Voraussetzungen, doch Mösmang stellt auch klar: „Wir können und wollen nicht unendlich Geld ausgeben, sondern unsere finanziellen Mittel strategisch einsetzen, um Estrela wachsen zu lassen.“
Müller und Hummels sollen Talente erkennen
Sein Plan: begabte Nachwuchsspieler verpflichten und ausbilden, mit ihnen sportlichen Erfolg haben und die besten Talente gewinnbringend an größere Vereine in Europa abgeben. Erst im Juli wechselte Innenverteidiger Otávio für 4,5 Mio. Euro von Amadora nach Frankfurt.
Interessant, welche Rolle Müller, Hummels und Sommer bei diesem Vorhaben spielen. Mösmang: „Sie können mir vor allem bei der Suche und Beurteilung von möglichen Neuzugängen helfen. Thomas kümmert sich um Offensivspieler, Mats um Verteidiger und Yann um die Torhüter. Es hat eine brutale Anziehungskraft, wenn Thomas einem jungen Angreifer erklärt, warum Estrela der richtige Verein für ihn ist. Alle drei haben ein enormes Netzwerk, das wir einsetzen können.“
Seit diesem Sommer trainiert Pepa den Müller-Hummels-KlubDer Weg an die Spitze ist aber noch weit. Das Stadion muss renoviert, ein modernes Trainingsgelände finanziert und qualifiziertes Personal verpflichtet werden.
Mösmang: „Das geht nicht alles von heute auf morgen. Aber wir haben angefangen.“
In der Länderspielpause wurde ein neuer Rasen im Stadion ausgerollt. Und Mösmang berichtet: „Es gibt neue Leiter der medizinischen Abteilung sowie des Athletikbereichs. Und wir haben einen Ernährungsberater geholt.“
Was Mösmang sich abseits des sportlichen Erfolgs wünscht: „Wer in Portugal zur Welt kommt, wird fast automatisch Fan von Porto, Benfica oder Sporting. In Amadora haben aber viele Menschen ein Herz für Estrela und es gibt in unserer Stadt viele Jungs und Mädchen, die noch keinen Lieblingsverein haben. Ich sehe da eine Chance für uns, sie alle für unser Team zu begeistern, wenn wir ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Fußball ist am Ende, egal wie viel Geld im Spiel ist, eine Herzensangelegenheit. Das werden wir vorleben.“
Und auch, wenn das Spiel gegen Viseu 0:2 verloren geht, kann sich der Start in die Saison sehen lassen. Nach sieben Spieltagen belegte der Müller-Hummels-Klub mit zehn Punkten den 8. Platz. Heute (21.30 Uhr) gastiert Amadora beim Tabellennachbarn in Arouca.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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