Aufschlag Gabriela Sabatini. Steffi Graf returniert mit einer gepeitschten Vorhand die Linie hinunter. Die Argentinierin streckt sich vergeblich. 6:3, 6:3 für Graf nach 1:22 Stunden Spielzeit. Ein Kapitel Sportgeschichte ist geschrieben. Am 1. Oktober 1988 gewinnt die damals 19-jährige Brühlerin in Seoul Olympia-Gold. Und nicht nur das. Sie schafft den Golden Slam. Siege bei Australian Open, French Open, Wimbledon, US Open und Olympia in einem Jahr – das schafft vor oder nach Steffi Graf (heute 57) kein anderer Tennisprofi, ob Mann oder Frau.

Selbst den Grand Slam, also ohne Olympiasieg, schaffen in der Tennishistorie nur vier Spieler und Spielerinnen: Don Budge (USA) 1938, Maureen Connolly (USA) 1953, Rod Laver (Australien) 1962 und 1969 und Margaret Court (Australien) 1970.

„Steffi ist die Beste aller Zeiten, weil sie als Einzige den Golden Slam gewonnen hat“, sagt ihr Wegbegleiter, der ehemalige Bundestrainer Klaus Hofsäss (77). „Der Druck, der bei Olympia auf ihr lastete, war riesengroß. Alle haben nur von diesem historischen Golden Slam gesprochen. Im Deutschen Haus war von der sichersten deutschen Goldmedaille die Rede. Serena Williams zum Beispiel hat nicht mal einen Grand Slam geschafft. Außerdem hat Serena länger gespielt als Steffi.“

22 Grand-Slam-Titel, ­107 Turniersiege, 377 Wochen Nummer 1 der Weltrangliste – Steffi Grafs Karrierebilanz ist atemberaubend. Mehr Grand-Slam-Titel haben Margaret Court (24) und Serena Williams (23). Doch keine andere Spielerin thronte so lange auf Platz 1 – Martina Navratilova (USA) folgt mit 332 Wochen vor Serena Williams mit 319 Wochen. Tennis-Wunderkinder gab es einige, doch niemand verdient dieses Prädikat so sehr wie Steffi Graf.

Im Alter von drei Jahren bekommt sie ihren ersten Schläger – ein Holzmodell, bei dem Vater Peter den Griff absägt. Erst spielen sich beide im Wohnzimmer die Bälle zu, dann im Hobbykeller. Zunächst fungiert eine Couch als Netz, dann eine Reihe Apfelsinenkisten, dann spannen sie ein Seil zwischen zwei Eichenstühlen. Als Belohnung für 20 Ballwechsel ohne Fehler gibt es eine Salzstange, für 50 Ballwechsel ohne Pause gibt es beim ersten Mal eine Barbie-Puppe und fortan ein Vanilleeis mit heißen Himbeeren.

Vater Peter Graf entdeckt früh das Talent seiner Tochter

Vater Peter Graf († 75), ein gelernter Versicherungskaufmann und Gebrauchtwagenhändler, hat zunächst mit Tennis nichts am Hut. Er boxt, macht Leichtathletik, spielt Fußball. Erst mit 28 fängt er an, Tennis zu spielen. Schon drei Jahre später tritt er für BASF Ludwigsburg in der Regionalliga an. Er macht seinen Trainerschein und kauft später eine Tennishalle in Brühl bei Mannheim.

Er entdeckt früh das Talent seiner Tochter und steht mit ihr jeden Tag stundenlang auf dem Platz in seiner Halle. Den väterlichen Drill beäugen einige kritisch, sie fürchten ein frühes Ausbrennen des Talents. Auch dass sie mit 14 die Realschule verlässt, irritiert einige. Doch Steffi Graf trainiert aus Eigenantrieb. „Ich will es so“, sagt sie nur. Auf die Frage, was sie werden möchte, wenn sie groß ist, antwortet sie: „Die Nummer eins.“

Ihre Karriere verläuft im Rekordtempo. Mit fünf Jahren spielt sie ihre ersten Turniere. Mit sieben kommt sie ins badische Tennis-Leistungszentrum nach Leimen. Fortan trainiert sie sowohl dort bei Trainer Boris Breskvar († 70) als auch bei ihrem Vater, der seinen Job als Versicherungsvertreter aufgibt und sich ganz auf die Förderung seiner Tochter konzentriert. Das Programm hat es in sich: Morgens vor der Schule 45 Minuten Training mit dem Vater, nachmittags zwei Stunden in Leimen, abends noch mal ein bis zwei Stunden mit dem Vater. Ab und zu spielt sie in Leimen im Training auch gegen einen Jungen. Sein Name: Boris Becker. Einige Jahre später lösen beide einen nie für möglich gehaltenen Tennis-Boom in Deutschland aus.

Familienfoto: Graf mit ihren Eltern Heidi (l.) und Peter (r.) nach dem Wimbledon-Sieg 1991

Klaus Hofsäss sieht Steffi Graf das erste Mal im Alter von zehn Jahren und ist sofort beeindruckt. „Sie war ein dünnes Mädchen mit Zöpfen und Zahnspange. Aber sie hat jeden Ball aus der Ecke gekratzt“, erzählt er.

Stützpunkttrainer Breskvar sagt einmal zu Peter Graf: „Deine Tochter ist hochtalentiert. Sie wird bestimmt mal so gut wie Sylvia Hanika. Sie kann unter die besten 20 Spielerinnen der Welt kommen.“ Darauf entgegnet Peter Graf erzürnt: „Wer ist schon Hanika? Steffi wird einmal die Nummer eins!“

Die Vorhand ist Grafs Paradeschlag

Mit elf Jahren tritt Graf gegen Erwachsene an, mit 13 – noch mit Zahnspange – ist sie auf der WTA-Profi-Tour unterwegs. Bei ihrem ersten Spiel tritt sie in Filderstadt gegen Tracy Austin an und verliert 4:6, 0:6. „In den USA gibt es Hunderte wie Steffi“, sagt Austin wenig beeindruckt. Das spornt Graf zusätzlich an, sie trainiert noch härter. Regelmäßig arbeitet sie zusätzlich im Tennis-Camp von Bundestrainer Klaus Hofsäss in Marbella speziell an Aufschlag, Rückhand und Volley. Die Vorhand ist schon jetzt ihr Paradeschlag.

Ende 1985, mit 16, steht Graf auf Platz sechs der Weltrangliste. Noch fehlt ihr ein Turniersieg. Den holt sie 1986 nach, gewinnt in dem Jahr gleich acht Turniere, ihr erstes in Hilton Head mit einem Finalsieg gegen die Weltranglisten-Zweite Chris Evert (6:4, 7:5). Bei den German Open in Berlin schlägt Graf auch die andere dominierende Spielerin der vergangenen Jahre: Martina Navratilova (6:2, 6:3). Ende 1986 steht Graf auf Platz drei der Weltrangliste.

1987 kommt die Wachablösung. Graf verliert nur zwei von 75 Matches, gewinnt elf Turniere, darunter mit den French Open ihr erstes Grand-Slam-Turnier. Im Finale von Paris schlägt sie Navratilova 6:4, 4:6, 8:6. Im August wird sie nach ihrem Turniersieg in Los Angeles im Alter von 18 Jahren Weltranglisten-Erste – als erste Nicht-Amerikanerin seit Einführung des Rankings 1975. Ihr Spitzname: Fräulein Vorhand.

Erster großer Titel: der French-Open-Sieg 1987

Graf automatisiert und perfektioniert ihr Spiel: Dank ihrer guten Beinarbeit stellt sie sich perfekt zum Ball, peitscht diesen dann mit einer kurzen, schnellen Ausholbewegung gerade und präzise in die Ecken. Ihre Rückhand, die sie sonst oft umläuft, nutzt sie als Vorbereitungsschlag und spielt sie fast durchgängig per Slice, bei dem der Ball kaum hochspringt. „Damit hat sie ihre Gegnerinnen so richtig genervt“, sagt Hofsäss. „Sie mussten tiefer runtergehen, konnten dem Ball kein Tempo mitgeben, und Steffi konnte den nächsten Ball mit ihrer starken Beinarbeit wunderbar umlaufen und ihre Vorhand einsetzen.“

Trainer-Guru Nick Bollettieri († 91) sah Steffi Graf in jungen Jahren und riet ihr, ihre Rückhand auf beidhändig umzustellen. „Er wollte sie gern unter seine Fittiche nehmen“, sagt Hofsäss. „Zum Glück haben Steffi und ihr Vater auf uns gehört und sind bei unserem Weg geblieben.“

6:0, 6:0 in nur 32 Minuten

1988 wird das Jahr der absoluten Dominanz: Bei den Australian Open schlägt Graf im Finale Chris Evert 6:1, 7:6. Bei den French Open deklassiert sie im Finale Natalia Swerewa (UdSSR) in nur 32 Minuten 6:0, 6:0. Das kürzeste Grand-Slam-Finale aller Zeiten. Hinterher entschuldigt sich Graf: „Was soll ich machen? Ich bin Sportlerin und versuche immer, das beste Tennis aus mir herauszukitzeln.“

Es folgen Siege in Wimbledon (5:7, 6:2, 6:1 gegen Navratilova) und bei den US Open (6:3, 3:6, 6:1 gegen Gabriela Sabatini). Die Krönung ist der Olympiasieg in Seoul. Zunächst wohnt Graf im Olympischen Athletendorf, genießt es, mit Hürdenläufer Harald Schmid laufen zu gehen und mit 100-Meter-Olympiasieger Carl Lewis in der Cafeteria zu plaudern. Doch der Rummel und der Lärm im Athletendorf werden ihr zu groß, so dass sie in ein Hotel zieht. Der Erfolg gibt ihr recht.

Vollendung des Golden Slams: Graf mit ihrer Goldmedaille in Seoul

Auch 1989 gewinnt sie drei Grand-Slam-Turniere, nur das Finale der French Open verliert sie gegen die 17-jährige Spanierin Arantxa Sánchez-Vicario 6:7, 6:3, 5:7. Zwischen 1987 und 1999 gewinnt Graf 22 Grand-Slam-Turniere. Ihre Siege teilt sie fast gleichmäßig auf: viermal Australian Open, sechsmal French Open, siebenmal Wimbledon, fünfmal US Open.

Ihren Siegeszug können auch die Skandale um ihren Vater nur kurzfristig aufhalten. 1990 wird die Affäre mit einem Nacktmodell öffentlich, es folgt die Erpressung durch einen Boxpromoter. Steffi leidet sichtlich unter dem zerstörten Familienglück, verliert 1991 zwischenzeitlich Platz eins der Weltrangliste an Monica Seles.

1993 kehrt Graf auf den Thron zurück. Dabei spielt allerdings auch das Attentat des fanatischen Graf-Fans Günter Parche († 68) auf Seles am Hamburger Rothenbaum eine Rolle. Zwei Jahre lang spielt Seles kein Turnier mehr.

1995 wird Peter Graf wegen Verdachts der Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft genommen. 1997 ergeht das Urteil des Mannheimer Gerichts: drei Jahre und neun Monate Haft wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 12,3 Millionen Mark. Wieder verliert Graf, die sich zudem einer Knie-Operation unterziehen muss, Platz eins der Weltrangliste, diesmal an die Schweizerin Martina Hingis. „Das war eine bittere Zeit. Manchmal saß Steffi heulend auf dem Hotelzimmer“, sagt Hofsäss. „Aber sie ist ein starker Charakter und hat auch das verarbeitet.“

Besonders emotional wird Grafs letzter Major-Sieg 1999 in Paris im Alter von 29 Jahren. Das Finale der French Open gegen die 18-jährige Martina Hingis wird zum Duell der Generationen. Hingis sieht wie die sichere Siegerin aus, ist nur drei Punkte vom Titel entfernt. Doch Graf dreht das Match und gewinnt 4:6, 7:5, 6:2. Hinterher schwärmt sie vom „schönsten Sieg meiner Karriere“. Auch in Wimbledon erreicht sie 1999 noch einmal das Finale, verliert aber gegen Lindsay Davenport (USA) 4:6, 5:7. Im August 1999 beendet Graf nach neuerlichen Knieproblemen ihre große Karriere. Insgesamt verdiente sie 21,9 Millionen Dollar an Preisgeld. Hinzu kommt ein Vielfaches an Werbeeinnahmen.

Steffi Graf ist der Gegenentwurf zu Boris Becker

Bei den Männern siegt 1999 bei den French Open Andre Agassi – mit ihm kommt Graf Ende 1999 zusammen. Das Paar heiratet im Oktober 2001 und lebt seitdem glücklich und zurückgezogen in Las Vegas. Sohn Jaden (24) ist Baseballer und spielt für die deutsche Nationalmannschaft, Tochter Jaz Elle (22) arbeitet als Fitnesstrainerin.

Graf gründet die Stiftung „Children for Tomorrow“, die sich weltweit um traumatisierte Kinder kümmert. Außerdem ist sie Gesellschafterin der Mrs. Sporty GmbH, die Sportclubs für Frauen betreibt. Noch immer telefoniert Hofsäss regelmäßig mit Graf. „Sie ist eine tolle Persönlichkeit – bodenständig, menschlich, hilfsbereit“, schwärmt er.

Was die Zeit nach der Karriere angeht, ist Steffi Graf der Gegenentwurf zu Boris Becker: keine Skandale, keine Schlagzeilen. „Wir haben schon als Kinder zusammen trainiert“, sagt Becker zu „Sport Bild“, „dass wir beide mal die besten Tennisspieler der Welt werden, ist eigentlich ein Stück für Hollywood. Wir waren immer gut befreundet und haben großen Respekt voreinander. Sie ist für mich ein Vorbild, wie sie ihr Leben gemeistert hat mit allen Höhen und Tiefen.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, BILD und SPORT BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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