In Las Rozas de Madrid herrscht schönstes Spätsommerwetter: 31 Grad, wolkenloser Himmel. Der Vorort liegt 24 Kilometer nordwestlich vom Zentrum der Hauptstadt entfernt. Dort befindet sich das Basecamp des amtierenden Weltmeisters Spanien. Für diese Redaktion öffnete der Verband die Pforten. Drei Tage vor dem Nations-League-Erfolg in England (3:2) lud Erfolgstrainer Luis de la Fuente (65) zum Interview, nachdem er 48 Stunden zuvor seinen Vertrag vorzeitig verlängert hatte.

Der Ex-Profi ist in prächtiger Gesprächslaune, 45 Minuten nimmt er sich Zeit. Später zeigt de la Fuente sein Großraum-Büro, das sonst nur seine engsten Mitarbeiter betreten dürfen. Sein Platz in dem knapp 100 Quadratmeter großen Arbeitszimmer ist hinten links. Auf dem Schreibtisch stehen unter anderem ein Laptop, ein Computer-Bildschirm und zahlreiche Biografien. Sein Lederstuhl hat die Farben Rot, Gelb, Blau. Das Logo des Verbandes ist darauf eingestickt.

Dort tüftelte de la Fuente gemeinsam mit seinem Stab die Erfolgsstrategie aus. Seit dem 1. Januar 2023 ist er als Coach für die A-Nationalmannschaft verantwortlich. Das Ergebnis: Nations-League-Sieg 2023, EM- sowie WM-Titelgewinn 2024 und 2026. Zuvor war er bereits als Nachwuchscoach erfolgreich gewesen. Er führte die U19- und U21-Nationalmannschaft 2015 und 2019 jeweils zum Gewinn der Europameisterschaft, die Olympiaauswahl 2021 zur Silbermedaille.

Frage: Señor de la Fuente, fünf Tage vor dem Nations-League-Start gegen England verlängerten Sie Ihren Vertrag bis 2032. Wieso so lange?

Luis de la Fuente: Bei der Europameisterschaft in Deutschland vor zwei Jahren haben wir einen Begriff geprägt, der uns mittlerweile sehr am Herzen liegt: Familie. Zusammen zu sein, das erfüllt uns mit großem Stolz. Außerdem geben wir uns nicht mit dem zufrieden, was wir gewonnen haben. Das Beste kommt erst noch, glaubt mir.

Frage: Wenn Sie sich so lange binden: Käme eine Tätigkeit als Klub-Trainer in Spanien oder im Ausland wie in Deutschland für Sie überhaupt noch infrage?

De la Fuente: Ich arbeite jetzt seit über 13 Jahren für den Verband als Trainer und betreute bisher unterschiedliche Mannschaften. Ich fühle mich in der Föderation wie zu Hause. Ich identifiziere mich mit ihr und damit, wie wir den Fußball weiterentwickeln wollen. Ich habe früher als Klub-Trainer gearbeitet. Aber seitdem ich beim Verband bin, merkte ich: Ich bin für das Amt als Trainer einer Nationalmannschaft geboren. Ich bin sehr stolz darauf und fühle mich glücklich.

Frage: Sie sprechen von Weiterentwicklung, was heißt das?

De la Fuente: Wir haben seit vielen Jahren nach jeder Trainingseinheit ein festes Ritual. Wir kommen zusammen und ziehen Bilanz. Wir sprechen darüber, ob die Einheit gut oder nicht so gut gelaufen ist, was auch manchmal vorkommt. Auf jeden Fall bedanke ich mich immer bei den Spielern und gebe ihnen einen Satz mit auf den Weg.

Frage: Welchen?

De la Fuente: Den sie schon verinnerlicht haben und manchmal wiederholen: „Morgen müssen wir es besser machen. Besser werden.“ Das ist das Ziel. Und das geht immer. Das, was wir jetzt bei der WM gezeigt haben, wird in Zukunft nicht reichen. Zum Beispiel wird das vertikale Spiel immer schneller. Wir müssen deshalb besser werden. Das ist die große Herausforderung. Und die gute Nachricht ist, dass meine Spieler noch Luft nach oben haben.

Frage: Die Welt schaut ehrfurchtsvoll auf die Erfolge der spanischen Nationalmannschaft und ihre Spielweise in den vergangenen Jahren zurück. Was ist das Geheimnis?

De la Fuente: Wir haben großen Respekt vor anderen Nationen, etwa wie Deutschland, in dem es tolle Spieler gibt. Aber meiner Meinung nach ist der spanische Fußball der kompletteste auf der Welt: technisch, taktisch und mit dem Verständnis für das Spiel. Daran arbeiten wir seit 20, 25 Jahren nach einer besonderen Philosophie. Und ganz wichtig ist, dass wir daran glauben. Die Spieler werden dazu in Spanien bei ihren Vereinen hervorragend ausgebildet. Das ist eine essenzielle Voraussetzung für die Erfolge in der Vergangenheit.

Frage: Nach dem ersten WM-Titelgewinn 2010 triumphierte Spanien vergangenen Sommer beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada. Was ist Ihnen in den Wochen danach als Weltmeistertrainer durch den Kopf gegangen?

De la Fuente: Natürlich bin ich stolz auf diesen Titel, bei dem ich als Erstes an meine gestorbenen Eltern und an meinen vor nicht allzu langer Zeit gestorbenen Bruder gedacht habe (Óscar de la Fuente starb am 21. November 2023; d. Red.). Ich hätte so gerne gesehen, dass sie diesen Moment erlebt hätten. Grundsätzlich stellt man fest: Es ist schwierig, alles zu verarbeiten, was wir durchgemacht haben. Man versucht, es einzuordnen. Aber ich glaube, erst die Zeit wird uns ein wirkliches Gefühl dafür geben, wie groß das ist, was wir erreicht haben: etwas Historisches. Generell sage ich aber: Es geht nicht um mich. Es geht um die Jungs, die diesen Titel für Spanien geholt haben – und die ein Vorbild für die Jugendlichen in unserem Land sein sollen.

Die spanische Nationalmannschaft gewinnt die Weltmeisterschaft hochverdient. Kurz vor der Verlängerung fliegt Argentiniens Enzo Fernandez vom Platz, dann erzielt Ferran Torres den goldenen Treffer. Sehen Sie die Highlights des Finals hier im Video.

Frage: Sie waren in der Saison 1992/93 Spieler bei Athletic Bilbao, Ihr Trainer hieß Jupp Heynckes. Was haben Sie von ihm mitgenommen?

De la Fuente: Jupp Heynckes war ein großer Trainer und ist ein herausragender Mensch. Was ich mitgenommen habe? Respektvoll zu sein. Wir haben den Kontakt gehalten, ein gutes Verhältnis, und er gratuliert mir zu Erfolgen. Während meiner Spielerzeit hatte ich eine Vielzahl an Trainern. Von allen habe ich etwas mitgenommen. Am meisten geprägt aber hat mich Vicente del Bosque (Er führte Spanien 2010 zum ersten Weltmeister-Titel, d. Red.) bei unserer gemeinsamen Zeit beim Verband.

Frage: Von Heynckes zu Jürgen Klopp: Er soll Deutschland als Bundestrainer wieder in die Weltspitze führen.

De la Fuente: Er ist ein Weltklasse-Trainer, den ich persönlich leider noch nicht kennengelernt habe. Man muss natürlich differenzieren zwischen der Arbeit eines Vereins- und eines Nationaltrainers. Es gibt schon einige Unterschiede, an die er sich gewöhnen muss. Allerdings glaube ich, dass Jürgen Klopp in der Lage sein wird, eine Weltklasse-Mannschaft mit Top-Spielern aufzubauen. Dafür benötigt man aber Zeit. Natürlich wünschen sich alle im Fußball schnellen Erfolg …

Frage: Aber?

De la Fuente: Doch es ist nicht damit getan, ständig den Trainer zu wechseln. Man benötigt für den Erfolg eine klare Philosophie, an der muss festgehalten werden – auch bei Rückschlägen.

Frage: Gibt es aktuell einen deutschen Spieler, den Sie gerne auch für Spanien spielen sehen würden?

De la Fuente: Florian Wirtz, er ist fantastisch. Bedauerlicherweise hat er keinen spanischen Pass (lacht). Ich mag seine Spielweise. Deutschland hat eine große Geschichte im Weltfußball, diesen vor allem in den 70er-Jahren auf Klub- und Nationalmannschaftsebene geprägt. Dazu brachte man immer wieder große Spieler hervor – nicht nur Franz Beckenbauer. Früher als Kind bewunderte ich Günter Netzer, einen unglaublichen Spieler, als er bei Real Madrid war. Was er für Traumpässe spielte, das war einzigartig. Auch Paul Breitner ist mir in Erinnerung geblieben als toller Spieler.

Frage: Ein großartiger Spieler in Ihrer Mannschaft ist Lamine Yamal. Wird er eines Tages Weltfußballer?

De la Fuente: Lamine Yamal hat viele Vorteile: Er ist erst 19 Jahre alt. Mit 16 hat er bei uns in der Nationalmannschaft debütiert. Er hat in dem Alter auf dem Platz Dinge gemacht, die ich noch nie gesehen hatte. Obwohl es einen Lionel Messi gibt, einen Cristiano Ronaldo, die in jungen Jahren außergewöhnlich waren, hat Lamine Yamal in seinem Alter Dinge auf dem Platz gemacht, die ich noch nie gesehen hatte.

Frage: Und beide mehrmals Weltfußballer wurden.

De la Fuente: Ja, Lamine bringt ebenfalls alles mit, auf dieses Niveau zu kommen. Aber natürlich ist es unsere Aufgabe, ihn so gut zu trainieren, damit er das schafft. Das geht über das reine Fußballspielen hinaus. Er muss auch mental so stark gemacht werden, damit er mit Rückschlägen umgehen kann.

Heißer Kandidat für den Ballon d’Or: Lamine Yamal

Frage: Wie wichtig ist dabei Yamals Vereinstrainer Hansi Flick?

De la Fuente: Natürlich sehr wichtig, weil die Spieler in ihren Vereinen die meiste Zeit verbringen. Und Yamal hat sich in den vergangenen Jahren hervorragend weiterentwickelt. Gleichzeitig profitieren die Vereine aber auch von der Nationalmannschaft, wenn ihre Spieler dort sind und gegen andere große Nationen spielen können. Denn das ist ein Qualitätssprung.

Frage: Wer sollte den Ballon d’Or 2026 gewinnen? Die Verantwortlichen des FC Bayern hoffen, dass es ihr Spieler Harry Kane wird.

De la Fuente: Natürlich gibt es in England oder Deutschland tolle Spieler. Ich denke aber, ein Spanier muss ihn gewinnen, denn unsere Spieler sind in vielerlei Hinsicht die besten der Welt, und man kommt an ihnen nicht vorbei (mit Lamine Yamal, Rodri, Cubarsí/alle ­Barça, Cucurella/Real, Fabián sowie Torres/beide PSG sind sechs nominiert worden, d. Red.). Es ist schwer zu glauben, dass kein Spanier den Titel gewinnen kann.

Frage: Spanien hat auch eine Vielzahl an Top-Trainern, die im europäischen Fußball den Ton angeben: Luis Enrique gewann mit Paris 2025 und 2026 die Champions League, Mikel Arteta mit Arsenal in diesem Jahr die englische Meisterschaft, Xabi Alonso 2024 die deutsche Meisterschaft. Nicht zu vergessen Pep Guardiola. Woran liegt das?

De la Fuente: Es liegt wie bei den Spielern an der hervorragenden, aber intensiven Trainerausbildung. Drei Jahre musste ich die Schulbank drücken, um den höchsten Trainerschein zu erwerben – das ist an einer Universität beim Erlernen eines anderen Berufes ein halbes Studentenleben.

Frage: Hat sich eigentlich Ihr Leben als Weltmeistermacher verändert?

De la Fuente: Ich fühle mich genauso wie früher, ich lebe ein ganz normales Leben. Aber die Menschen nehmen mich in Spanien nun anders wahr. Zuletzt ging ich in ein Restaurant, und alle Gäste standen auf und applaudierten. Dass mir so viel Liebe geschenkt wird, ist unglaublich – und zusätzlicher Ehrgeiz für mich.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, BILD und SPORT BILD) geführt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke