Fußball-Deutschland führt die große Mittelmaß-Diskussion. Ist unsere Nationalmannschaft – in ihrer glorreichen Geschichte viermal Weltmeister und dreimal Europameister – heute kein Topteam mehr?
ARD-Experte Bastian Schweinsteiger sagt Ja. Der Weltmeister von 2014 hat die Diskussion angestoßen („Es fehlen Unterschiedsspieler. Wir sind keine Top-Mannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen.“). Jetzt hält 1990er-Weltmeister-Kapitän Lothar Matthäus (RTL-Experte am Sonntag in Griechenland) dagegen.
Matthäus sagt zu „Bild“: „Unsere Nationalmannschaft ist kein Mittelmaß! Wir haben genügend Unterschiedsspieler, die bei Topklubs wie dem FC Bayern, Barcelona oder Arsenal Woche für Woche unter Beweis stellen, dass sie hohe Qualität haben.“ Der Rekordspieler sieht eine andere Ursache dafür, dass die DFB-Stars seit über einem Jahrzehnt an ihren Ansprüchen scheitern. „Unsere Nationalspieler haben kein Qualitäts-, sondern ein Mentalitätsproblem“, sagt Matthäus.
Der Experte hat volles Verständnis für die Berufung von 44 Spielern in die beiden Kader von Bundestrainer Jürgen Klopp. Für Matthäus haben sowohl Kader eins als auch Kader zwei das Potenzial, um eine Mannschaft wie Griechenland nicht nur zu schlagen, sondern auch zu dominieren.
Matthäus sieht einziges Problem auf Rechtsverteidiger-Position
„Deutschland mag vielleicht nicht in der Breite die Qualität im Kader wie aktuell Frankreich haben“, sagt Matthäus zwar. Er findet jedoch: Wenn man Position für Position durchgehe, sähe man schnell, dass wir genügend Topspieler für eine starke erste Elf haben. „Ein Kai Havertz spielt nicht umsonst im Sturm beim englischen Meister und Champions-League-Finalisten Arsenal. Karim Adeyemi zeigt sich beim FC Barcelona in der Form seines Lebens. Das Duo Musiala/Wirtz hat einen gemeinsamen Marktwert von über 200 Millionen Euro. Und mit Joshua Kimmich haben wir in der Zentrale einen echten Leader. Auf der Rechtsverteidiger-Position mögen wir vielleicht ein Problem haben, aber das war es dann auch schon“, so Matthäus.
Karim Adeyemi ist in Barcelona in Top-Form – in der deutschen Nationalmannschaft bislang aber abschlussschwachMit Schlotterbeck und Tah habe Deutschland zudem ein starkes Innenverteidiger-Duo mit internationaler Klasse. Auch dahinter müsse sich Deutschland, so Matthäus, keine Sorgen machen.
„Bei Inter erzählen sie mir seit zwei Jahren, dass die Verteidigung ohne Yann Aurel Bisseck nicht annähernd so stark sei. Mein alter Kollege Giuseppe Bergomi (beide spielten bei Inter Mailand zusammen, d. Red.) schwärmte über ihn, er sei schon jetzt Weltklasse. Wenn mir das so ein Experte sagt, dann glaube ich ihm das.“
Matthäus fordert „mehr Mentalität“
Matthäus sieht darum die große Herausforderung für Jürgen Klopp, die deutschen Ausnahmespieler wieder zu einer Mannschaft zu formen, in der die Abläufe stimmen, und ihnen nach den vielen Enttäuschungen der letzten Jahre wieder Selbstvertrauen einzuimpfen. „Wir müssen uns die Frage stellen, warum diese Spieler ihre Qualität nicht in der Nationalmannschaft zeigen. Ich bin ein Nmecha-Fan, aber so ein schlechtes Zweikampfverhalten wie beim 0:1 gegen Griechenland sehe ich von ihm bei Borussia Dortmund nicht“, sagt Matthäus.
Er fordert: „Unsere Nationalspieler müssen mehr Mentalität zeigen. Deutschland kann und muss wieder schwer zu schlagen sein, wie es in der Vergangenheit der Fall war und wofür wir gefürchtet wurden. Klopp bringt diese Mentalität mit und lebt sie vor. Wenn es einer kann, sie auf diese Mannschaft zu übertragen, dann er.“
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