In der Kabine geht es vor dem Anpfiff nicht anders zu als bei den Jungen. Die Wärmesalbe wandert von Spieler zu Spieler, der Trainer gibt taktische Anweisungen, und aus den Boxen dröhnt Musik, die den Extrakick an Motivation geben soll. Doch spätestens beim Liedgut wird klar, dass hier keine gewöhnliche Mannschaft die Fußballschuhe schnürt. „So spät im Leben, wir spielen es noch. Silbernes Haar in Grün und Gold, 70 Jahre und mehr – ein Traum, der sich entfaltet“, heißt es im Song von Siggy Nowak.

Für 54 deutsche Nationalspieler wird ein Traum wahr – sie spielen vom 12. bis 16. Oktober in Australien um die Weltmeisterschaft in den Altersklassen Ü70, Ü75 und Ü80.

„Wir haben drei starke Teams und wollen mit der Ü75 den Titel verteidigen. Die Ü70 hat starke Gegner, kann aber auch um den Titel mitspielen, und die Ü80 ist für uns Neuland. Aber ich habe so viele gute Spieler noch aktivieren können, sodass die Ü80 auch um den Titel mitspielen kann. Unser ältester Spieler ist 86“, sagt Günter Christmann.

Christmann ist Gründer, Organisator, Manager und Spieler – das Herz der Nationalmannschaften. Ohne seine Leidenschaft und seinen Enthusiasmus gäbe es die Teams nicht. 2022 rief der Lehrer für Elektrotechnik die Ü70-Nationalelf ins Leben, die nach Roskilde (Dänemark) zur EM reiste. Anfangs belächelt, wurde die Mannschaft Dritter. Der Sieg im kleinen Finale löste einen Boom rund um die fußballspielenden Rentner aus. Schnell konnte Christmann ein Ü75- und auch ein Ü80-Team gründen. Mittlerweile muss er Spieler abweisen und ihre Namen auf Wartelisten setzen.

„Im hohen Alter Freundschaften über Grenzen hinweg“

Es ist nicht nur der Fußball, der die Spieler einmal im Monat zum zweitägigen Trainingslager zusammenkommen lässt. „Wir erfahren so viel Freude und schließen im hohen Alter noch Freundschaften über Grenzen hinweg. Ich habe weltweit so viele großartige Kontakte geschlossen, das ist eine unglaubliche Bereicherung“, sagt Christmann. Das Team ist sinnstiftend. In einem Alter, in dem viele Menschen unter Mangel an sozialen Kontakten leiden und nach einem erfüllenden Lebensinhalt suchen, reist der Tross aus 75 Spielern, Betreuern, Trainern und Ehefrauen um die Welt.

Da ist zum Beispiel der Ü80-Torwart, der bis vor Kurzem sein Grundstück nicht mehr verlassen hat. Jetzt steht er in Australien zwischen den Pfosten. „Er ist Feuer und Flamme. Er hat wieder eine tolle Aufgabe. Es ist mehr als nur Fußball. Wir wollen den Leuten zeigen, dass Bewegung dich im Alter körperlich und geistig fit hält. Die Kameradschaft, die Gemeinschaft, das Miteinander – Fußball hält uns jung. Wir haben viele verschiedene Charaktere mit verschiedenen Hintergründen im Team – Ärzte, Lehrer, Arbeiter. Für uns ist es natürlich ein Glücksgriff, dass wir auch einen Orthopäden im Team haben.“

Die Ü80 soll in Brisbane um den Titel mitspielen

Die Spieler nehmen für ihre Leidenschaft weite Reisen und hohe Kosten auf sich. In der aktuellen Saison, in der das Team schon das Wembley-Jubiläumsspiel gegen England in Manchester absolvierte und 2:3 nach Elfmeterschießen verlor, belaufen sich die Kosten pro Kicker auf 10.000 Euro. Geld, das die Akteure aus eigener Tasche bezahlen müssen. Denn die Ü-Nationalmannschaften sind keine offiziellen Teams des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und sie erfahren auch keine Unterstützung vom Verband.

„Ich habe schon zigmal beim DFB angefragt, aber irgendwann bist du es leid, immer vertröstet zu werden. Wir spielen unter dem Regelwerk des DFB, da hatten wir gehofft, mal einen Trikotsatz oder Bälle zu bekommen – aber da kam nichts“, sagt Christmann. Daher habe er einen Verein gegründet, der beim niedersächsischen Fußballverband angesiedelt ist, und die Organisation rund um die Teams selbst in die Hand genommen: „Wir müssen alles selbst finanzieren. Aber ich habe ja auch meine Quellen. Mit Horst Hrubesch, Wolfgang Overath, Sepp Maier und Rudi Völler haben wir tolle Schirmherren.“

Christmann gewinnt einen Partner für das Team, mit dem er ein Stickeralbum aufsetzt – das Sticker-Stars-Album. Die großen Altstars sind darin nicht zu finden. Christmann hat bei vielen von ihnen angefragt, doch immer freundliche Absagen erhalten. „Sie haben alle gesagt, dass sie nicht mehr spielen wollen, weil die Leute sie fußballerisch so in Erinnerung halten sollen, wie sie einst waren. Dafür habe ich auch volles Verständnis. Sepp Maier hat gesagt: ‚Du kannst alles von mir bekommen – außer Fußball‘“, erzählt Christmann.

Gründer Günter Christmann ist das Herz der Ü-Nationalmannschaften

So bleibt Klaus Wolf der bekannteste Mann im Team. Der Stürmer (Göttingen 05, Preußen Münster, Westfalia Herne, RW Lüdenscheid, RW Oberhausen, Union Solingen) erzielte in den 1970er-Jahren in 265 Zweitligaspielen 101 Tore. Ein Schlaganfall vor der WM im vergangenen Jahr machte eine Teilnahme unwahrscheinlich. Doch die Aussicht auf die Gemeinschaft und die Leidenschaft für den Fußball gaben Wolf so viel Kraft, dass er mit nach England reiste und die Ü75 zum WM-Titel schoss. Dieses Jahr will der 78-Jährige ihn mit seinen Kameraden in Australien verteidigen.

Anders als bei den Profis findet die WM jährlich statt. Aus einem einfachen Grund, erklärt Christmann: „In unserem Alter können wir nicht vier Jahre auf das nächste Turnier warten. Jedes Jahr ist eine WM, niemand weiß, ob wir im nächsten Jahr noch am Leben sind.“

Auch zwei Frauen dürfen eingesetzt werden

Die WM in Brisbane wird von keinem Verband ausgetragen. Die 31 Mannschaften organisieren sich selbst, die Regeln sind aber leicht abgeändert. Gespielt wird acht gegen acht auf einem verkleinerten Feld über zweimal 30 Minuten. Grätschen ist nur ohne Gegnerkontakt erlaubt, gewechselt wird fliegend. Pro Team dürfen maximal zwei Spieler im Kader sein, die ein oder zwei Jahre unter der Altersgrenze liegen. Dazu dürfen zwei Frauen, die bis zu zehn Jahre unter dieser Grenze liegen, eingesetzt werden. So wie Christmanns Ehefrau Inge.

„Bei der WM haben sie am Tag zwei Spiele. Deshalb lege ich auch Wert auf eine Belastungssteuerung. Jeder muss natürlich für sich zu Hause etwas machen, um fit zu bleiben oder zu werden. Wir haben alle im abschließenden Trainingslager noch einmal auf Vordermann gebracht. Das ist nicht nur einfach Zusammensitzen und Bierchen trinken“, sagt Christmann.

Das Bierchen gehört natürlich auch dazu, aber der Ehrgeiz auf dem Platz überwiegt. Die Teams machen sich auf den Weg um die halbe Welt, um Titel zu gewinnen. Auch in Brisbane werden Christmann und Co. sich vor den Spielen den letzten Motivationsschub über die Musik holen: „Silbernes Haar in Grün und Gold, 70 Jahre und mehr – lasst uns das Alter und das Spiel, das wir lieben, feiern.“

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