Die Bedingungen für ein lockeres Spiel sind perfekt. Für Donnerstagabend sind in München über 20 Grad angesagt, das letzte Oktoberfest-Wochenende steht bevor, die Stadt ist voller guter Laune und Touristen. Das Problem für Jürgen Klopp und seine Mannschaft ist nur: Die Partie gegen Serbien in der Arena des FC Bayern (20.45 Uhr, Liveticker WELT und ZDF) kann wohl kein lockeres Spiel werden. Nicht mehr.
Dafür geht es um zu viel. Um viel mehr als gehofft und bis vor Kurzem erwartet. Nach dem 0:1 gegen Griechenland am vergangenen Sonntag in Augsburg besteht die Gefahr, dass bei einer weiteren Niederlage und/oder enttäuschenden Leistung die unter dem neuen Fußball-Bundestrainer gerade erst entstandene Aufbruchsstimmung enorm gebremst wird. Der Druck hat sich deutlich erhöht. Der Fehlstart unter Klopp sorgt für Unruhe und Diskussionen, unter Experten und Fans.
Der frühere Nationalspieler Stefan Effenberg schreibt in einer Kolumne bei „t-online.de“: „Allen, die etwas anderes erhofft hatten, muss ich nun leider sagen: Willkommen in der Realität. Und diese Realität kann jetzt endgültig niemand mehr verleugnen oder schönreden: Deutschland ist keine Spitzennation mehr, sondern nur noch Mitläufer im Weltfußball.“ So wie das deutsche Team gegen Griechenland gespielt habe, habe es auch nicht mehr verdient, als „nur noch als Mittelmaß wahrgenommen zu werden“.
Auch Klopp nahm Effenberg in seiner Kritik nicht aus. Dass die Griechen tief stehen würden, sei keine Überraschung gewesen. „Sowohl die deutsche Mannschaft als auch Klopp und sein Trainerteam müssen sich vorwerfen lassen, dass sie nun gegen diese altbekannte Spielweise kein Rezept hatten, keine Lösung gefunden haben.“ Gerade das zweite Spiel erinnere „an viele Auftritte unter Klopps Vorgängern in den vergangenen Jahren. Es war kein Fortschritt erkennbar, keine neue Spielidee. Und das muss – bei aller Perspektive – Sorgen machen“, schrieb Effenberg.
Es geht für Klopp und die Mannschaft jetzt vor allem darum, die Unterstützung der Zuschauer und ihr Vertrauen zu behalten. Das Interesse an ihm und seiner Arbeit ist enorm. Das Spiel gegen die Griechen sahen in der ARD im Schnitt 10,97 Millionen Menschen.
Klopp: Verlieren sollte nicht zur Gewohnheit werden
Doch wie lange halten das Interesse und die Euphorie im Falle von enttäuschenden Leistungen der Mannschaft? Wie stark und nachhaltig ist der Faktor Klopp? Mit wie viel Wohlwollen und Geduld wird der Umbruch unter ihm mit vielen neuen Ideen von außen weiterhin begleitet?
Der Bundestrainer und die Nationalelf brauchen dringend einen Sieg, damit diese Fragen nicht größer werden. Und am besten eine überzeugende Leistung dazu. „Wir haben verloren, das sollten wir nicht zur Gewohnheit werden lassen“, sagte Klopp.
Zwei Spiele, lediglich ein Punkt – Klopp ist neben Sepp Herberger (1937) und Helmut Schön (1967) erst der dritte Bundestrainer, der keines seiner ersten beiden Spiele gewinnen konnte. „Dass Jürgen Klopp nicht mit Handauflegen alle Probleme löst – ich wusste das vorher. Falls jemand es nicht wusste, weiß er es jetzt“, betonte Klopp nach dem 0:1 gegen die Griechen.
Natürlich gehört das zum Prozess, natürlich braucht Klopp Zeit. Er hat viele junge Spieler berufen, die Mannschaft aus dem Spiel gegen Griechenland wird in dieser Konstellation wohl nie wieder so auflaufen. Doch mit Geduld ist es im Profifußball so eine Sache.
„Jürgen Klopps Fußball kann auch sehr langweilig sein“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ nach der ernüchternden Niederlage gegen Griechenland. Und Effenberg betont in Bezug auf Klopp: „Deshalb muss er jetzt aufpassen: Sollte in den nächsten Spielen weiter keine Besserung eintreten, wird sich der Ton auch ihm gegenüber schnell verschärfen.“
Jetzt geht es darum, den Absturz in der Nations League zu verhindern. Die Nationalmannschaft ist von ihrem Ziel, als Gruppensieger wie beim letzten Mal ins Viertelfinale einzuziehen, weit entfernt. Für Klopp ist es die erste Partie in einem der größten deutschen Stadien als Bundestrainer, das Spiel in Augsburg war seine Heim-Premiere.
Serbien ist noch ohne Punkt
Mit einem Punkt liegt die Auswahl in Gruppe zwei der Liga A nach einem Drittel der Vorrunde auf dem dritten Platz. Tabellenführer Griechenland ist nach zwei Siegen schon fünf Zähler voraus. Die Niederlande haben als erster Verfolger auch schon vier Punkte und damit drei mehr als Deutschland. Der nächste Gegner Serbien ist ohne Zähler Tabellenletzter – machte es den Niederländern beim 1:2 am vergangenen Sonntag aber schwer. Das 1:1 erzielte Stürmer Luka Jović, ehemals bei Eintracht Frankfurt und nun bei AEK Athen.
Sollte Deutschland die ersten beiden Plätze der Tabelle in der Nations League verpassen, ist die Teilnahme am Viertelfinale des Wettbewerbs nicht möglich. Damit wäre auch die Qualifikation für das Final Four im Juni 2027, bei dem der nächste Nations-League-Sieger gekürt wird, passé.
Klopp hat vor dem Spiel gegen Serbien seinen Kader getauscht. Unter anderem sind die WM-Teilnehmer Waldemar Anton, David Raum, Malick Thiaw, Aleksandar Pavlović und Nick Woltemade sowie Lennart Karl zur Mannschaft gestoßen. Gleich neun Spieler in „Kader zwei“ haben noch kein Länderspiel bestritten: die Torhüter Noah Atubolu, Finn Dahmen und Jonas Urbig sowie Finn Jeltsch, Mika Baur, Said El Mala, Vitaly Janelt, Felix Keidel und Derry Scherhant.
Sechs Spieler aus dem ersten Kader bleiben dabei: Dahmen, Nico Schlotterbeck, Philipp Treu, Yannik Engelhardt, Bambasé Conté und Serge Gnabry. Klopp hat 25 Spieler zur Verfügung.
Florian Wirtz vom FC Liverpool ist ein Hoffnungsträger der NationalmannschaftFlorian Wirtz und Jonathan Burkardt gehörten ursprünglich ebenfalls dem zweiten Kader an, wurden von Klopp aber aufgrund der Verletzungen der Offensivstars Jamal Musiala und Kai Havertz nach dem 1:1 in Amsterdam gegen die Niederlande bereits für das Spiel in Augsburg dazugeholt.
„Wir sind nicht das Bayern München des europäischen Fußballs, wir sind eine Fußballmannschaft, die sich finden muss. Wir müssen die letzte Linie stressen. Es ist nicht so kompliziert, wir werden das hinkriegen. Es gibt für mich keinen Grund, jetzt in Depression zu verfallen und zu sagen, wir sind ja doch so schlecht. Sind wir nicht“, sagte Klopp nach der Niederlage gegen Griechenland. „Aber wir sind auch nicht jetzt schon wieder so gut, wie wir gern wären.“
Wer gegen Serbien und beim Rückspiel in Griechenland am kommenden Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker auf WELT.de und RTL) die Kapitänsbinde von Joshua Kimmich übernehmen wird, hatte Klopp bis Dienstag öffentlich noch nicht mitgeteilt. Kandidaten wären die wenigen erfahrenen Spieler im zweiten Aufgebot wie Gnabry (61 Länderspiele), Wirtz (43), David Raum (39) oder Schlotterbeck (30).
Kimmich gehörte zu Kader Nummer eins und hat nun einige Tage frei. Er wird möglicherweise als Zuschauer im Münchner Stadion sein. Bei einem Spiel in der letzten Oktoberfest-Woche, in dem es um viel geht.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Zuletzt war er bei der Fußball-WM in den USA. Klopp ist der vierte Bundestrainer, den er als Nationalelf-Reporter erlebt.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke