Stand da wirklich Jürgen Klopp an der Seitenlinie gegen Griechenland? Ein ideenloser Auftritt gegen einen tief stehenden Außenseiter, der am Ende mal wieder für eine bittere Pleite Deutschlands sorgt – dieses Muster kannte ich von Klopps Vorgänger. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich unter Klopp fußballerisch noch einmal Julian-Nagelsmann-Vibes vermittelt bekomme. Paraguay lässt grüßen.
Klopps Bilanz nach zwei Spielen als Bundestrainer: Ein 1:1 in den Niederlanden, das zwar als Schritt in die richtige Richtung gewertet wurde, aber angesichts von 3,18 expected goals des Gegners normalerweise nicht hätte zustande kommen dürfen. Und nun ein herber Schlag ins Kontor gegen den neuen Weltranglisten-41. Die Euphorie um die neue Nationalmannschaft ist erstmal wieder verflogen – zumindest bei mir.
Der Hype trug sich allein durch den Namen Klopp. Seit dem WM-Titel 2014 geht es quasi permanent bergab mit der Nationalmannschaft. Drei peinliche Weltmeisterschaften in Serie haben tiefe Spuren hinterlassen. Normalerweise erwarte ich von Länderspielpausen nichts mehr. Nun aber habe ich das erste Mal seit Jahren Vorfreude verspürt. Denn es ist endlich jemand da, der in dieser verunsicherten Nationalmannschaft ehrlich für Aufbruch steht.
Der Menschenfänger Klopp hat auch mich gefangen
Ich habe ihm geglaubt, als er mit seinem typischen Grinsen davon berichtete, dass er für seine Spieler durchs Feuer geht. Ich habe ihm geglaubt, dass er mögliche Rückschläge im Zweifel auf seine Kappe nimmt. Ich habe ihm geglaubt, dass er „uns die Fahne zurückholen will“. Positiver Patriotismus – ein Wert, der diesem Land abhandengekommen ist. Der Menschenfänger Klopp – er hat auch mich gefangen. Ich bin in die Klopp-Falle getappt.
Als ich von den Kollegen nach meinem Tipp für das Spiel in den Niederlanden gefragt wurde, habe ich selbstbewusst mit „4:0 für Deutschland“ geantwortet. Ein Sieg gegen Griechenland? Stand gar nicht zur Debatte. Klopps Zauberhand, seine positive Ausstrahlung, die Form der Kommunikation, so der Gedanke, werden die sportlichen Defizite der Vergangenheit schon vergessen machen. Selbst wenn er die erste Zusammenkunft mit seinem Team für eine Sichtung von halb Fußball-Deutschland nutzt und er nur wenige Tage Zeit hatte, um seine Idee in die Köpfe der Spieler zu bekommen, habe ich an einen fußballerischen Sofort-Effekt geglaubt. Ja, ich habe ihn sogar erwartet. Ein Irrtum.
„Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen“, analysierte Bastian Schweinsteiger in der ARD. Was nach einer harten Abrechnung klingt, ist spätestens seit der WM im Sommer keine neue Erkenntnis. Sorgen bereitet aber, was Schweinsteiger hinterhergeschoben hat. „Wir haben diese Spieler nicht mehr, die den Unterschied ausmachen.“ Jamal Musiala? Kämpft mit seinem Körper. Florian Wirtz? Weit von seiner Topform weg. Ein echter Mittelstürmer in Weltklasse-Format? Zeichnet sich aktuell nicht ab.
Ein Trainer kann über Nacht keine Stars gebären
Es ist die vielleicht wichtigste wenngleich bittere Erkenntnis für Beobachter wie mich, die sich auf Klopps Hurra-Fußball gefreut haben: Auch Klopp kann mit einer Mischung aus WM-Verlierern und Nationalmannschafts-Neulingen nichts Übermenschliches leisten. Ein Trainer allein kann Deutschland über Nacht keine Stars gebären, aus einer Mittelmaß-Mannschaft nicht auf Knopfdruck ein Weltklasse-Ensemble machen. Es gilt, die Erwartungen zurückzuschrauben.
Klopp wirbt um Geduld, nur ist die im Fußball ein rar gesätes Gut. Gerade dann, wenn man die Aufgabe hat, einer deprimierten Fußball-Nation neues Leben einzuhauchen. Ich glaube weiter, dass Klopp die Bestbesetzung ist, um eine Lösung für dieses Problem zu finden. Gegen Serbien sollte aber zumindest das Ergebnis stimmen. Anders als vor einer Woche würde ich mich nicht mehr festlegen, dass Deutschland dieses Spiel gewinnt.
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Im Keller seiner Großeltern hängt ein Bild von ihm als Kind beim BVB-Training mit Klopp.
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