Für Hans-Joachim Watzke ist Jürgen Klopp mehr als nur ein neuer Bundestrainer. Weil der etwas erzeugen kann, das nicht nur die Nationalmannschaft braucht: eine Aufbruchstimmung und ein neues Selbstwertgefühl. Daran fehlt es auch uns Deutschen derzeit, erklärt der erste Vizepräsident des DFB und Aufsichtsratschef der DFL im Gespräch.
WELT AM SONNTAG: Herr Watzke, Jürgen Klopp will „den Nationalstolz nicht den Falschen überlassen“. Wie politisch darf ein Bundestrainer sein?
Hans-Joachim Watzke: Ein Bundestrainer ist eine Person des öffentlichen Lebens. Er sollte eine politische Meinung haben und darf sie natürlich äußern. Er sollte sich nicht parteipolitisch äußern. Aber ich finde auch nicht, dass Jürgen das getan hat. Ich bin wie er der Meinung, dass uns ein gesunder Patriotismus guttut. Es gibt nach wie vor gute Gründe, froh zu sein, in Deutschland geboren worden zu sein oder hier zu leben. Jürgen ist da völlig unverdächtig, auf der falschen Klaviatur zu spielen.
WAMS: Einige haben seine Aussage durchaus parteipolitisch verstanden: als Spitze gegen die AfD. Deshalb gab es ja so viel Zuspruch – wie auch Ablehnung.
Watzke: Also, ich glaube nicht, dass Jürgen irgendwelche Sympathien für die AfD hat. Ich denke, was er sagen wollte, war: Du kannst Patriot sein, musst deswegen aber trotzdem nicht rechtsextrem sein. Wir wollen den Nationalstolz eben nicht den Rechtsradikalen überlassen. Und das ist eine gute und richtige Botschaft. Ich unterschreibe sie zu hundert Prozent.
WAMS: In manchen Leitartikeln wurde Ihrem CDU‑Parteifreund Friedrich Merz empfohlen, einiges von Ihrem Freund Klopp zu lernen. Wird es da nicht irgendwann absurd?
Watzke: Diese holzschnittartige Sichtweise ist typisch deutsch. Jürgen weiß natürlich genau, wie komplex das Amt eines Bundeskanzlers ist. Die beiden haben anlässlich des Supercups auch miteinander gesprochen und sich, so mein Eindruck, auch ganz gut verstanden. Doch ihre Aufgaben lassen sich nicht vergleichen – abgesehen vielleicht von der großen öffentlichen Wirkung, die von beiden ausgeht.
WAMS: Andererseits braucht ja nicht nur der deutsche Fußball, sondern auch das Land eine Aufbruchstimmung. Und wer könnte die besser erzeugen als Klopp?
Watzke: Ich kenne Jürgen viele Jahre, wir haben auch schon oft über Politik diskutiert. Er ist ein in der Wolle gefärbter Demokrat, ohne sich parteipolitisch komplett festzulegen. Deshalb hat er ja so eine hohe Glaubwürdigkeit. Und wenn er die für unser demokratisches Gemeinwesen einsetzt, finde ich das sehr gut. Du musst nur darauf achten, bei öffentlichen Aussagen Maß und Mitte einzuhalten. Und das hat er getan.
WAMS: Wie wichtig ist die Stimmungswende rund um die Nationalmannschaft?
Watzke: Sehr wichtig. Denn nach der WM liefen wir schon Gefahr, in eine tiefe Depression abzugleiten. Auch deshalb war es richtig, diesen Trainer zu holen. Er ist schlicht die Idealbesetzung – weil er es fachlich kann und diese Suggestivkraft hat. Wir brauchen beides. Denn es wird sicher nicht einfacher werden, nur weil Jürgen da ist. Er wird Zeit brauchen, um die Dinge, die er fußballerisch vorhat, bei den Spielern zu implementieren. Dazu werden auch Experimente nötig sein, auch in der Nations League. Wir benötigen etwas, was nicht gerade unsere größte Stärke ist: Geduld.
Einer von elf Neulingen im Kader: Jürgen Klopp mit Freiburgs Yannik Engelhardt (r.)WAMS: Klopp hat so viele Spieler nominiert wie noch kein Bundestrainer vor ihm. Kennen Sie alle schon richtig gut?
Watzke: Nein, aber genau das mag ich an Jürgen. Er kniet sich, wenn er eine Aufgabe übernimmt, voll rein. Es stimmt: So viele Spieler hat noch kein Bundestrainer auf einen Schlag nominiert – aber es musste auch noch keiner außerhalb eines großen Turniers innerhalb von wenigen Tagen vier Länderspiele absolvieren. Und das ist eben Jürgen: Er trifft sofort Ableitungen und setzt sie um. Und dann quasi zwei Kader zu nominieren – das ist eine sehr spannende Idee.
WAMS: Er hat gleich elf Neulinge berufen. Braucht es diese frischen Gesichter, um den Blues nach dem WM-Desaster zu vertreiben?
Watzke: Frische Gesichter sind das eine – doch die Spieler müssen auch dem Anforderungsprofil, das Jürgen hat, entsprechen. Denn das ist schon speziell. Es ist davon auszugehen, dass die Nationalmannschaft Klopp-Fußball spielen wird.
WAMS: Also mit viel Pressing, hoher Laufintensität und schnellem Umschalten. Wie viel davon war am Donnerstag beim 1:1 in den Niederlanden schon zu sehen?
Watzke: Es war klar zu erkennen, was Jürgen von der Mannschaft erwartet und dass die Spieler wissen, in welche Richtung es gehen soll. Wir waren on fire. Sowohl mit dem Ergebnis als auch mit dem Auftreten können wir sehr gut leben. Wir haben so gespielt, wie wir wollten und konnten. In den vergangenen Jahren haben wir zu viel nach anderen Nationen geschaut. Das hing vielleicht auch damit zusammen, dass wir ein bisschen unser Selbstwertgefühl verloren haben. Wir sollten aber wieder einen Stil entwickeln, der zu unserer Mannschaft passt. Da müssen wir wieder hinkommen.
Jürgen Klopp hatte ein energiegeladenes und chaotisches Debüt als Bundestrainer angekündigt und hielt dieses Versprechen. Die deutsche Nationalmannschaft legte in Amsterdam beim Nations-League-Spiel einen wilden Ritt hin.WAMS: Was war aus Ihrer Sicht das größte Problem der Mannschaft bei der WM in den USA?
Watzke: Wir hatten mehrere Probleme. Wir haben es schon seit Jahren nicht mehr geschafft, vernünftig zu verteidigen. Und vor allen Dingen haben wir es nicht geschafft, alles in die Waagschale zu werfen. Interessant ist doch, dass es die Argentinier bis ins Finale geschafft haben – nicht, weil sie alles in Grund und Boden gespielt haben, sondern weil sie bereit waren. Sie waren bereit, alles zu geben. Was bei uns noch dazu kam: Wir haben uns nach den Siegen über Curaçao und die Elfenbeinküste bereits als souveräner Gruppensieger gefühlt und feiern lassen. Wir hätten einfach deutlich kritischer mit uns ins Gericht gehen müssen.
WAMS: Das sind Dinge, die ein Trainer unmittelbar beeinflussen kann. Doch kann er auch an strukturellen Defiziten in der Talentförderung, die wir gegenüber anderen Nationen haben, etwas ändern?
Watzke: Ich sehe das nicht so dramatisch. Es stimmt, die Franzosen, die Spanier und auch die Engländer haben ihre Nachwuchsarbeit früher als wir modernisiert, aber wir haben da auch schon einiges getan. Wir sind ja in den USA nicht gescheitert, weil die Mannschaft in ihren individuellen Möglichkeiten begrenzt war. Natürlich waren wir nicht der WM-Favorit, aber du musst auch nicht gegen Ecuador verlieren und gegen Paraguay ausscheiden. Wir haben die PS nicht auf die Straße gebracht – auch, weil es versäumt wurde, Spieler, die nicht in Form waren, durch andere zu ersetzen, die auf dem Papier vielleicht nicht das höchste Potenzial haben, aber besser in Form waren.
Watzke (r.) bei der Vorstellung von Klopp als Bundestrainer. Links: DFB-Präsident Bernd NeuendorfWAMS: Klopp hat in den vergangenen Wochen eine Roadshow durch die Bundesliga-Standorte gemacht. Warum?
Watzke: Weil er weiß, dass die Bundesligavereine sein Fundament sind. Er hat sofort die Brücke zu den Klubs und auch zu den U-Nationalmannschaften geschlagen. Das ist wichtig. Ein Beispiel: Jürgen hat, kaum dass er 2008 zu uns nach Dortmund gekommen ist, einen Draht zu den Verantwortlichen im Nachwuchsbereich entwickelt und mit Hannes Wolf einen hervorragenden Fachmann dazu geholt. Jetzt hat er das Glück, dass er beim DFB wieder auf ihn trifft. Und Sven Bender, sein neuer Co-Trainer, ist ebenfalls ein exzellenter Kenner der Nachwuchsszene.
WAMS: Er hat auch seinen Berater Marc Kosicke ins Boot geholt. Für manche ist das zu viel Klopp. Uli Hoeneß hat von einer „freundlichen Übernahme“ gesprochen. Zu Recht?
Watzke: Uli Hoeneß hat das Thema aufgemacht und alle sind draufgesprungen. Ich weiß nicht, ob Uli das so gewollt hat. Fakt ist: Marc Kosicke berät keinen einzigen Spieler mehr. Und er ist auch nicht der Mann, der Klopp sagt, ob mit einer Dreier- oder einer Viererkette gespielt werden soll. Er ist aber der Mann, der Jürgen organisiert und perfekt mit ihm Doppelpass spielt. Es gehört zu einem modernen Management, dass du Menschen um dich hast, die dir den Freiraum geben, dich voll auf dein Kerngeschäft konzentrieren zu können. Jürgen vertraut Marc seit mehr als 20 Jahren, deshalb war der DFB gut beraten, es ihm zu ermöglichen, ihn in seiner Nähe zu haben.
WAMS: Soll Kosicke den DFB auch in anderen Bereichen beraten? Zum Beispiel, um PR-Desaster wie die Debatte um die Regenbogenbinde in Katar zukünftig zu vermeiden?
Watzke: Der DFB hat seine eigene Kommunikationsabteilung und politische Vorgänge werden vom Präsidenten, von Bernd Neuendorf, bearbeitet. Das macht er sehr gut. Wenn es aber um die Nationalmannschaft geht und Jürgen involviert ist, wird es sicher auch mal eine Abstimmung mit Kosicke geben. Denn der weiß, was Jürgen zu irgendeinem Problem auf der Welt denkt. Grundsätzlich aber gilt sowieso: Die Spieler müssen einfach nur Fußball spielen.
WAMS: Die letzte WM hatte erneut eine politische Dimension – vor allem wegen der Nähe von Fifa-Präsident Gianni Infantino zu US-Präsident Donald Trump. Hat Sie das auch irritiert?
Watzke: Bei mir haben drei Vorgänge eine Menge Unverständnis ausgelöst. Da war zuerst dieser sogenannte Fifa-Friedenspreis ...
WAMS: ... den Infantino in einer peinlichen Zeremonie an Trump verliehen hat ...
Watzke: ... da habe ich gedacht: Was ist denn hier los? Und dann gab es den Fall Balogun ...
WAMS: ... der US-Stürmer, dessen Sperre nach einem Anruf von Trump von Infantino zur Bewährung ausgesetzt wurde.
Watzke: Das widerspricht jeder sportlichen Ethik. Man muss sich das einmal vergegenwärtigen: Der US-Präsident ruft den Fifa-Präsidenten an und auf einmal wird rein zufällig die Sperre für einen US-Spieler aufgehoben – und nur ein einziges Mitglied der Disziplinarkommission war damit befasst. So kann man einen so großen Verband nicht führen. Und dann kam mit der Ankündigung des Investorenprozesses der Gipfel ...
WAMS: ... als Infantino im Alleingang einen Plan präsentierte, Anteile an der WM an Investoren verkaufen zu wollen. Das rief selbst innerhalb der Fifa Kritik hervor.
Watzke: Das ergab überhaupt keinen Sinn. Eine WM ist auch ohne Investoren eine erfolgreiche Veranstaltung. Die Fifa sitzt zudem auf mindestens sechs Milliarden Euro an Reserven, die eigentlich uns, den nationalen Verbänden, gehören. Die Uefa und die Concacaf, der nord- und mittelamerikanische Kontinentalverband, haben sich mittlerweile in einem Brief an die Fifa gewandt, um mal nachzufragen, wann es denn endlich Ausschüttungen geben wird. Als ich dann auch noch mitbekommen habe, dass selbst Infantinos Stellvertreter über diesen Investoren-Vorstoß nicht informiert waren, war für mich das Maß voll: Dieser Präsident gehört einfach weg.
WAMS: Gibt es denn eine Chance, Infantino abzulösen?
Watzke: Das ist eine andere Frage. Bei der Uefa herrscht Einigkeit. Aber wir europäischen Landesverbände haben halt nur 55 von insgesamt 211 Stimmen. Und ich bezweifle, ob es gelingt, in anderen Kontinentalverbänden Geschlossenheit herzustellen. Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere Nationalverband für die in Aussicht gestellte Ausschüttung, falls der Investorendeal doch kommen sollte, empfänglich sein könnte.
WAMS: Mittlerweile hat Infantino den Deal allerdings wieder abgeblasen.
Watzke: Ja, aber nicht aus Selbsterkenntnis heraus, sondern weil wir uns bei der Uefa verständigt haben, dass wir, solange das nicht passiert, alle Fifa-Wettbewerbe boykottieren werden. Nur deshalb. Aber unabhängig davon: Es gibt immer noch eine große Anzahl von Verbänden, die Infantino unterstützen. Wir brauchen einen guten und überzeugenden Kandidaten. Leider steht Uefa-Chef Aleksander Ceferin nicht zur Verfügung. Er wäre die Ideallösung.
WAMS: Die Position der Uefa zu Infantino, so eindeutig sie jetzt auch ist, schien jedoch nicht immer so klar. So waren die Europäer erst klar gegen die von ihm vorangetriebene Ausweitung der WM, dann nicht mehr. Warum dieses Einknicken?
Watzke: Das war kein Einknicken, das war eine Abwägungsentscheidung. Ich war kein großer Befürworter einer größeren WM, weil ich befürchtete, dass das für unsere Spieler noch mehr Belastung bedeuten würde. Doch gerade wir Europäer haben vielleicht auch den Fehler gemacht, anderen Verbänden zu lange das Gefühl zu geben, dass sich alles nur um uns dreht. Und das erweiterte Teilnehmerfeld hat ja auch seinen Reiz. Eine WM lebt auch ein wenig von Folklore. Es waren sehr schöne Bilder, wie die Mannschaften der Kapverden oder aus Curaçao gefeiert worden sind. Und wenn es heißt, dass der Fußball allen gehört, muss es fairerweise auch heißen: allen Menschen in allen Erdteilen.
Sorgten für Begeisterung: Curaçaos Fans bei der WM in den USAWAMS: Heißt das auch, dass Sie selbst einer erneuten Aufstockung von 48 auf 64 Teams, wie sie Infantino ins Gespräch gebracht hat, einverstanden wären?
Watzke: Ich bin da noch in der Abwägungsphase. Einerseits würde es die Möglichkeit geben, auch mit 64 Teilnehmern einen Modus zu finden, in dem keine einzige Mannschaft auch nur ein Spiel mehr zu spielen hätte. Andererseits würde das Niveau dadurch sicherlich absinken. Ich bin da, wie gesagt, noch indifferent.
WAMS: Können Sie sich ernsthaft vorstellen, dass dies den Fußballfans, die heute bereits über die Kommerzialisierung des Fußballs klagen, noch zu verkaufen wäre?
Watzke: Ich glaube nicht, dass eine Erweiterung wirtschaftlich einen großen Sprung bedeuten würde. Grundsätzlich gilt: Man muss Argumente auch gelten lassen können. Entscheidend ist, zu erklären, was man tut. Zum Beispiel die Trinkpausen. Wenn die, wie bei der WM geschehen, auch bei Spielen durchgeführt werden, bei denen es nicht mehr als zwanzig Grad warm ist, merkt jeder: Das ist vorgeschoben, um mehr Werbeinseln zu bekommen. So etwas darf man nicht tun. Da fühlen sich die Menschen an der Nase herumgeführt. Man muss Debatten offen und ehrlich führen – und muss vor allem den Widerspruch, den es geben wird, aushalten können.
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