Kurz nach 11 Uhr am Freitagmorgen kam die Hiobsbotschaft. Da vermeldete der Deutsche Fußball-Bund (DFB), dass Jamal Musiala und Kai Havertz verletzt von der Nationalmannschaft abreisen müssen. Musiala hat sich einen Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zugezogen, Havertz eine Muskelzerrung. Auskunft darüber, wie lange sie ausfallen, gab es nicht.
Die Nachricht trübte den Einstand von Jürgen Klopp am Abend zuvor. Da erzielte die DFB-Auswahl unter dem neuen Bundestrainer ein 1:1 (1:0) in Amsterdam gegen die Niederlande. Musiala hatte sich bereits beim Aufwärmen verletzt, Havertz musste in der 30. Minute ausgewechselt werden. Für das Duo stoßen Florian Wirtz und Jonathan Burkardt nun früher als geplant zur Mannschaft.
Cody Gakpo, der in der zweiten Minute der Nachspielzeit traf, avancierte zum Spielverderber, nachdem Felix Nmecha Deutschland in Führung gebracht hatte (32.). Dass es am Ende nur ein Remis gab, störte den Bundestrainer nicht. Er war zufrieden. Das habe er der Mannschaft unmittelbar nach der Partie in der Kabine auch gesagt, berichtete er.
Trostlose Auftritte der vergangenen Monate wurden vergessen
„Habe ich den Eindruck, dass wir auch nur Richtung Perfektion unterwegs waren? Das war man nicht“, sagte der 59‑Jährige. Das wäre aber auch gar nicht gut gewesen, ergänzte er. Denn: „Das Schlimmste, was hätte passieren können von allen negativen Signalen, wäre gewesen, wenn wir heute das beste Spiel in unserer gemeinsamen Zeit absolviert hätten. Weil dann wären alle anderen schlechter geworden.“ Klopp, das machte er deutlich, wollte es als Vorteil verstanden wissen, dass noch reichlich Luft nach oben ist.
„Ein unterhaltsames Spiel zwischen zwei Mannschaften, die – seien wir ehrlich – derzeit ziemlich weit von ihrer Bestform entfernt sind“, urteilte die englische Zeitung „Guardian“ nach Klopps Premiere als Bundestrainer. Die „L’Équipe“ aus Frankreich fand es „ein unterhaltsames Spiel, das stark an einen Boxkampf erinnerte: Zwei Gegner schenkten sich nichts und teilten Runde für Runde Schläge aus“. Aber, so hielt sie ebenfalls fest: „Wäre die Partie nach Punkten entschieden worden, hätten die Niederländer gewonnen. Über die gesamte Spielzeit waren sie gefährlicher, hatten mehr Chancen, mehr Ballbesitz, mehr Ecken und gewannen mehr Zweikämpfe.“
Jürgen Klopp wird das nicht entgangen sein. Doch „die Intensität, die Bereitschaft, die Leidenschaft“, sagte er, hätten ihm gefallen. „Viel wichtiger sind natürlich für mich, als jetzt irgendwie ein 1:0 über die Zeit zu bringen, die ganzen anderen Informationen, die wir bekommen haben. Mit denen arbeiten wir jetzt“, kündigte der 59-Jährige eine intensive Analyse des Spiels an, in der beide Mannschaften vorwiegend in der ersten Hälfte mit offenem Visier agiert hatten.
Ein Tor der Niederlande wurde aberkannt, da es zuvor ein Foul am deutschen Torhüter Marc-André ter Stegen gab. Das Tor der Deutschen aber zählte, was für Unmut beim Gegner sorgte. Er reklamierte und forderte, den Ball ins Aus zu spielen. Ein Niederländer hatte verletzt am Boden gelegen. Der Schiedsrichter aber ließ weiterspielen.
Das 1:0-Führungstor des DFB-Teams gegen die Niederlande lässt die Emotionen hochkochen. Virgil van Dijk nannte den Treffer eine „Schande“, weil die deutschen Spieler den Ball zuvor nicht ins Aus gespielt hatten, obwohl Brian Brobbey sich ohne gegnerische Einwirkung verletzt hatte und auf dem Rasen saß.Mag es trivial klingen, doch mit Blick auf das, was es zu sehen gab, trifft folgende Einschätzung ganz gut: Auf dem Platz ging es ab, hin und her, rauf und runter. So wild und durcheinander es oft schien, der Fußball der deutschen Nationalspieler hatte nichts mehr mit den trostlosen Auftritten der vergangenen Monate zu tun. Die Spieler waren willens und sehr einsatzfreudig. Und dann wird über Fehler, von denen es einige gab, auch mal leichter hinweggesehen. Bis zu 10,76 Millionen Fans sahen in der Spitze bei der Übertragung von RTL zu. Das bescherte dem Sender einen Marktanteil von 50,6 Prozent.
„Wir konnten nur an der Oberfläche kratzen“, sagte Klopp, als er nach der Partie gefragt wurde, ob er denn schon den Fußball gesehen habe, den er sich wünscht. „Ich habe vieles gesehen. Gegenpressing-Situationen waren dabei, aber ich würde gern viel mehr sehen“, sagte der Coach, der sich wie beim Fremdsprachenunterricht fühlte. So hörte sich das jedenfalls an: „Es ist erlernt. Und wie jeder feststellt beim Erlernen: Da gibt‘s den Moment, wo du mal kurz weißt, was du alles für Vokabeln morgens gelernt hast, dann weißt du vielleicht mittags noch was. Aber am nächsten Tag wäre es auch nicht schlecht, wenn du noch mal draufguckst.“
Klopp beabsichtigt, sich das Spiel noch einmal anzuschauen, bevor er die Mannschaft auf die nächste Nations-League-Partie am Sonntag in Augsburg gegen Griechenland vorbereitet (20.45 Uhr, im Sport-Tick der WELT).
Klopps Cap musste von der Uefa abgesegnet werden
Bei der Nachbetrachtung wird Klopp erneut registrieren, wie gut beispielsweise die Debütanten gewesen sind. Philipp Treu etwa, der als rechter Außenverteidiger stark aufspielte und die Hoffnung bestätigte, dass Joshua Kimmich jetzt vielleicht im Zentrum bleiben kann. „Außergewöhnlich“ habe Treu gespielt, sagte Klopp. Der Freiburger revanchierte sich: „Das ist mal gut zu hören, dass mal jemand die Augen aufmacht und nach Freiburg geguckt hat.“ Klopp habe ihn „auf dem Schirm“ und „Bock auf mich“, befand Treu.
Auch sein Vereinskollege Yannick Engelhardt, der spät als Joker kam, wurde von Klopp gelobt. Und Younes Ebnoutalib? Ach ja, den Angreifer von Eintracht Frankfurt fand der Bundestrainer als Ersatz für Havertz offenbar so gut, dass er fast vergaß, dass auch der Frankfurter ein Debütant war. Top habe der gespielt, befand Klopp, für den es mit dem Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Freitagvormittag zurück ins Teamquartier nach Herzogenaurach ging.
Vielleicht gelingt es dem Coach, dort etwas innezuhalten. Es war im Vorfeld seines Debüts viel geschrieben und berichtet worden über ihn.
Alles, was mit seiner Premiere zu tun hatte, erschien wichtig. Was wird er wohl im Spiel an der Seitenlinie tragen, war eine von vielen, teils belanglosen Fragen. Klopp hatte eine dunkle Hose an, einen grauen Pullover und weiße Laufschuhe. Dazu trug er das Basecap, das er zur Kaderbekanntgabe vor anderthalb Wochen erstmals aufhatte, versehen mit dem Spruch „Einer von 83 Millionen“.
Dass der Coach jenes Basecap überhaupt tragen durfte, musste vorab noch vom Europa-Verband Uefa abgesegnet werden. Es galt zu prüfen, ob es sich bei dem Aufdruck um eine politische Botschaft handelt. Die sind nicht erlaubt.
Ein Stück Deutschland: Klopp und sein CapAufgrund der hohen Nachfrage kommt die Kappe, die ursprünglich auf 500 Stück limitiert war, demnächst in den Handel. Die Anziehungskraft von Jürgen Klopp, das beweist nicht nur diese Entscheidung, ist ungebrochen. Es ist seine Art, mit der er die Menschen in den Bann zieht. Klopp ist offen, direkt, warmherzig – und er weiß, wie er Menschen mit seiner positiven Energie verbinden und auf ein Ziel einschwören kann.
Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, doch genau die sind es, die ein Gemeinschaftsgefühl stärken. Als sich die Nationalspieler, Trainer und Betreuer am Donnerstagvormittag für eine Übungseinheit auf dem Trainingsplatz versammelt hatten, holten sie Philipp Reinhard in die Mitte und stimmten „Zum Geburtstag viel Glück“ für ihn an. Der 34-Jährige ist der Teamfotograf und agiert eher im Hintergrund. Mit dieser Geste aber zeigten ihm alle, dass er wie jeder andere ein wichtiger Teil der Gruppe ist. Reinhard war sehr gerührt.
Er dürfte am Donnerstag viele Bilder gemacht haben, rund um ein Spiel, in dem es keinen Sieger gab. „Wir sind in einem Ergebnissport. Und wir sollten die nächsten 500 Spiele nicht unentschieden spielen“, resümierte Klopp. Möglicherweise gelingt der erste Sieg ja am Sonntag.
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