Diese Szene vermittelte Paraguay-Vibes. Ein aberkanntes Tor nach einer Ecke, weil ein Spieler den Torwart vermeintlich behinderte. Das kannten die deutschen Fußball-Fans doch noch von der tristen Fußball-WM im Sommer. Damals hatte Waldemar Anton Paraguays Torwart Orlando Gill bei einer Ecke nach Ansicht des Videoassistenten derart gestört, dass dieser Schiedsrichter Jalal Jayed (Marokko) an den Bildschirm schickte.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Das vermeintliche Führungstor in der Verlängerung durch Jonathan Tah wurde aberkannt, Deutschland verlor im Elfmeterschießen und blamierte sich mit dem Aus im Sechzehntelfinale bis auf die Knochen. Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann wütete danach, sprach wegen des aberkannten Tores von einem „Vollskandal“.

Am Donnerstagabend nun war es das DFB-Team, das von einer ähnlichen Szene profitierte: Der niederländische Stürmer Brian Brobbey hatte sich Keeper Marc-André ter Stegen bei einer Ecke in den Weg gestellt und Kapitän Virgil van Dijk zur vermeintlichen Führung eingeköpft. Doch das Schiedsrichtergespann um die Spanier Alejandro José Hernandez Hernandez und Videoassistent Carlos del Cerro Grande erkannte das Tor nach Ansicht der Bilder ab. Sehr zum Ärger der Niederländer.

Wurde Marc-André ter Stegen hier behindert? Nach Ansicht der Bilder erkannte der Schiedsrichter das Tor ab

„Das ist eine Schande. Es ist unglaublich. Brobbey macht doch kaum etwas. Man darf ihn doch wohl berühren. Es ist nicht so, dass der Torhüter machen kann, was er will“, schimpfte der Ex-Bundesligastar Rafael van der Vaart im niederländischen Fernsehen. Tatsächlich sah man in den Zeitlupen kaum eine Bewegung von Brobbey in Richtung ter Stegen – die strenge Regelauslegung verhinderte das Tor dennoch.

Ex-Profi Ronald de Boer schloss sich van der Vaart an: „Das war kein grobes Foul; das ist völlig unfair.“ Auch laut Oranje-Kapitän van Dijk sei der Treffer „sehr leichtfertig“ aberkannt worden.

Klopp erkennt „tolle Ecke, aber es ist ein Foul“

Anders sah es der deutsche Bundestrainer Jürgen Klopp nach der Partie bei RTL. Brobbey sei „fast viereckig, Marc kommt nicht dran vorbei“, erkannte Klopp: „Es ist eine tolle Ecke, aber es ist ein Foul.“

Für Ärger sorgte auch das deutsche Führungstor beim 1:1 in Amsterdam. Die deutschen Spieler hatten den Ball in der Entstehung nicht ins Aus gespielt, obwohl sich Brobbey ohne gegnerische Einwirkung verletzt hatte und im Mittelfeld auf dem Rasen saß. Joshua Kimmich hatte den Ball in der Szene nach rechts zu Philipp Treu gespielt und damit – trotz Reklamationen der Niederländer – den Angriff eingeleitet, der schließlich in Nmechas Treffer mündete. Beim Torjubel kam es zu Rangeleien auf dem Rasen.

Van der Vaart nannte das deutsche Verhalten „unsportlich“, beklagte aber auch, dass die niederländische Mannschaft in der Situation aufhörte zu spielen. Joshua Kimmich habe so getan, „als wolle er den Ball wegschießen, und alle hören auf“.

Manuel Gräfe: „Regeltechnisch ist alles korrekt“

Für den neuen niederländischen Trainer Xavi sei das Problem gewesen, dass der Schiedsrichter die Pfeife zum Mund geführt habe, so als wolle er das Spiel unterbrechen. Das schilderte Xavi bei RTL. Ein Pfiff erfolgte aber nicht. Falsch gemacht hat Schiedsrichter Hernandez Hernandez nichts. Die Unparteiischen sind nur angehalten, bei schweren Verletzungen, vor allem am Kopf, zu unterbrechen. Das war in diesem Fall augenscheinlich nicht der Fall. „Regeltechnisch ist alles korrekt“, sagte auch Schiri-Experte Manuel Gräfe bei „Bild“. „In einem Freundschaftsspiel hätte man den Ball sicher herausgespielt, aber es ist ein Pflichtspiel.“

Auch die deutschen Verantwortlichen konnten mit den Vorwürfen van der Vaarts nichts anfangen. „Das Tor ist vollkommen legitim. Ich habe kein schlechtes Gewissen. Und ich hätte eines, wenn es nicht legitim wäre. Ich hätte es trotzdem genommen, aber hätte ein schlechtes Gewissen. Das habe ich nicht“, sagte Klopp später in der Pressekonferenz. Wäre es seiner Mannschaft so passiert, „hätte ich meinen Spielern gesagt, ihr müsst weiterspielen“.

Rangelei auf dem Rasen: Vor allem Virgil van Dijk war nach dem deutschen Führungstreffer sauer

„Ich habe einen Pass zum Philipp gespielt, er hat geflankt – und wir haben ein Tor gemacht“, beschrieb Kimmich seine Sicht auf die Aufreger-Szene. „Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel, vor allem wenn ein Spieler eine Kopfverletzung hat. Es ist die Aufgabe des Schiedsrichters zu erkennen, ob der Spieler schwer verletzt ist.“

Er habe „keinen Pfiff gehört, deswegen ging es völlig korrekt weiter“, sagte Kimmich in den Katakomben. Vor allem, wenn man in der Verteidigung sei, müsse man eben weiterspielen, sagte Klopp. „Haben sie nicht getan. Und wir haben das ganz, ganz toll genutzt mit einer ganz tollen Aktion. Gute Flanke, guter Laufweg. Felix war da, wo er sein muss – und haut den Ball rein.“

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