Bei den Winterspielen 206 gewann sie zweimal Gold, leben aber kann sie nicht von ihrem Sport. Im Interview spricht Julia Taubitz über die riesigen Unterschiede zum Fußball, Auszeiten im Wohnmobil und die Bedeutung ihrer Heimat.
Frage: Frau Taubitz, für Ihre Goldmedaillen bei den Winterspielen 2026 wurden Sie mit dem Olympia-Award von SPORT BILD ausgezeichnet. Bei der Gala in Hamburg saßen Sie in der ersten Reihe neben Uli Hoeneß. Wie lief das Treffen?
Julia Taubitz (30): Ich fand es sehr faszinierend, Uli Hoeneß kennenzulernen, weil er eine Ikone des Sports in Deutschland ist. Er ist so empathisch, ehrlich und mutig. Schön war auch, dass er mir mit extrem viel Respekt begegnete, er begrüßte mich mit Handschlag und stand auf, als ich mit meinem Award von der Bühne kam, um mir als Erster zu gratulieren. Das fand ich stark. Wir haben uns bereits in Reihe eins gut unterhalten, machten dort aus, dass wir danach zu Abend essen, und führten schöne Gespräche, auch mit den anderen Vertretern des FC Bayern.
Frage: Worum ging es?
Taubitz: Wir haben über die Unterschiede der beiden Sportarten Rodeln und Fußball geredet. Vor allem beim Finanziellen ist der Abstand natürlich enorm. Da waren sie fasziniert und enttäuscht zugleich, wie wenig Geld bei uns fließt. Im Fußball geht es um viele Millionen, im Rodeln sind wir froh, wenn es pro Jahr fünfstellig wird. Wir haben unsere Kontaktdaten ausgetauscht. Am Freitag bin ich beim Heimspiel der Bayern gegen Union Berlin, weil dort auch das Team Deutschland geehrt wird. Da besuche ich noch einmal Uli Hoeneß und den FC Bayern. Es ist ein echt schöner Kontakt entstanden.
Frage: Könnte sich aus der Verbindung auch ein Sponsoring ergeben? Wir hörten, dass Hoeneß den Kontakt zu Adidas herstellen wollte.
Taubitz: Das hat geklappt, ich habe auch mit Adidas telefoniert. Allerdings gibt es das Problem, dass Skechers Schuh-Ausrüster des internationalen Rodelverbands ist. Daher kann ich da leider nichts mit einem anderen Hersteller machen.
Frage: Die Preisgelder im Rodeln sind sehr niedrig. Für einen Weltcupsieg gibt es 1400 Euro, für den Olympiasieg 3000 Euro vom Weltverband. Haben Sie als Sportlerin dort versucht, mehr herauszuholen?
Taubitz: Wir haben dort prinzipiell schon jeder eine Stimme, und die Gelder wurden auch bereits einmal minimal angepasst, aber es ist so, dass der internationale Verband einfach zu wenig Geld hat. Dadurch können die gar nicht mehr Preisgelder rausgeben. Wir können eher froh über jedes Jahr sein, das wir unseren Sport betreiben dürfen. Es ist natürlich ein großer Unterschied zu Skispringen, Biathlon und Ski alpin. Da sind andere Summen möglich. Aber ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, liebe es, diese Bahn herunterzufahren. Im Endeffekt ist das Geld zweitrangig. Ich kann davon leben, auch durch die Bundeswehr, wo ich Sportsoldatin bin. Darüber bin ich enorm froh. Aber wir haben als Rodler eben nicht ausgesorgt und müssen uns nach der Karriere beruflich etwas suchen.
Taubitz bei den Winterspielen 2026Frage: Wie sind da Ihre Pläne?
Taubitz: Ich studiere Sportbusiness-Management und möchte in diesem Bereich gern später arbeiten. Daher ist der Kontakt zu Uli Hoeneß so schön. Nächstes Jahr werde ich parallel zum Sport einige Praktika machen. Ich möchte im Sport bleiben, aber eher auf der organisatorischen Ebene.
Frage: Bei Olympia haben Sie gesagt, dass Sie eher nicht mehr bis zu den Winterspielen 2030 weitermachen. Wie sieht inzwischen der Zeitplan für Ihre weitere Karriere aus?
Taubitz: Man sollte niemals nie sagen. Je mehr ich über mein Karriereende nachdenke, umso mehr merke ich, wie sehr ich an dem Sport und den Menschen hänge. Aber ich freue mich auch enorm auf die Zeit danach. Ich plane aktuell auf jeden Fall mit zwei Jahren bis zur Heim-WM 2028 am Königssee. Die ist für mich das große Ziel. Das Problem ist, dass der Rennkalender 2028/29 mit Lake Placid und Whistler extrem geil aussieht. Dann wäre es nur ein Jahr bis Olympia 2030. Daher halte ich es mir offen.
Frage: Ihr ursprünglicher Plan war ja, mit 30 Mutter zu sein.
Taubitz: Das verschiebt sich ein wenig, wird aber dann auch irgendwann der Grund sein, warum ich aufhöre. Ich möchte Mutti werden, am liebsten von zwei Kindern. Der Kinderwunsch wird irgendwann überwiegen. Ich ziehe den Hut vor allen Müttern, die Familie und Leistungssport verbinden. Aber für mich wäre das nichts. Ich möchte da einfach komplett jede Sekunde beim Kind sein.
Frage: Sie haben jetzt wirklich alles gewonnen: Olympia, WM und Gesamtweltcup. Wie motivieren Sie sich da noch?
Taubitz: Das ist schon ein bisschen schwierig. Sonst waren da immer genau diese Ziele. Prinzipiell sind die erst einmal alle abgehakt. Aber dann habe ich schnell gemerkt, dass mich neue Ziele motivieren. Ich habe fünfmal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen. Das möchte ich nicht hergeben und das jetzt auch ein sechstes Mal schaffen. Insgesamt möchte ich bis zum Ende der Karriere immer noch die Nummer eins sein. Aber ich will die Zeit auch genießen. Denn ich habe ja alles erreicht, was ich wollte.
Frage: Beim Award liefen die Bilder von Ihrem Olympiasieg 2026 auf der Videowand. Was lösen diese bei Ihnen aus?
Taubitz: Privat schaue ich mir diese nicht wirklich an, daher ist es jedes Mal wieder Gänsehaut pur bei mir. Selbst wenn ich jetzt darüber rede. Die Gefühle kommen hoch, besonders, weil es nach Olympia 2022 mit dem Sturz so ein langer Weg war. Da gab es bei mir viel Traurigkeit und Enttäuschung. Dadurch hatte ich dann 2026 so viel Druck und trug über die Jahre diesen riesigen Rucksack, dass es dort klappen muss. Nach dem Einsitzer-Gold ist so viel von mir abgefallen. Dann folgte sogar das i-Tüpfelchen mit dem Sieg im Team, an den niemand geglaubt hatte, weil wir es vorher im Weltcup immer verbockt hatten.
Sie hat für die dritte Goldmedaille für das Team Deutschland bei diesen Olympischen Spielen gesorgt: Rodlerin Julia Taubitz. Im Einsitzer ist sie zum Olympiasieg gerast. Im Interview bei WELT TV schildert sie, wie sie diesen Coup erlebt hat.Frage: Sie machen viel Mentaltraining. Wie sieht dies aus?
Taubitz: Es ist eine Routine, die ich mir über die vergangenen Jahre mit meinem Mentaltrainer aufgebaut habe. Da geht es um Atemübungen, Meditieren und Visualisierungen. Ich mache das auf jeden Fall am Abend vor Rennen, je nachdem, wie nervös ich mich fühle. Manchmal mache ich es auch rund um die Erwärmung vor den Rennen. Da bin ich immer gern allein, nehme mir ein paar Minuten für mich und kapsle mich ab.
Frage: Im Sommer waren Sie zwei Wochen in Panama. Wie viel Kraft ziehen Sie aus solchen Reisen?
Taubitz: Ich reise unheimlich gern, wollte eigentlich noch mehr machen, aber da hat der Olympiasieg mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Solche Reisen geben mir viel Kraft. Abenteuer sind mein Ausgleich. Panama war wie ein Roadtrip. Wir buchten nur Flug, Mietwagen und die erste Übernachtung. Danach ließen wir uns treiben.
Frage: Sie haben auch ein Wohnmobil.
Taubitz: Wenn es mir mal schlecht geht, muss ich mich dort nur reinsetzen und bin sofort super tiefenentspannt.
Frage: Wo werden Sie sich eigentlich nach dem Rodeln Ihren Adrenalinkick herholen?
Taubitz: Das ist echt schwierig, und ich weiß es noch gar nicht so recht. Im Sommer wird es wohl das Surfen sein. Da hast du auch diesen Kick, wenn du reinfällst. Aber es ist was anderes. Da bin ich noch auf der Suche.
Frage: Gab es nach Olympia eine neue Tätowierung?
Taubitz: Im Mai sind wir mit dem Camper nach Venedig gefahren. Dort habe ich mir die 26 vom Olympia-Logo am linken Handgelenk stechen lassen. Das ist recht klein und nur für mich selbst. Meistens trage ich die Uhr drüber. Als ich das Logo zum ersten Mal an der Rodelbahn gesehen habe, dachte ich sofort: Was für ein geiles Motiv! Das ist meine kleine olympische Erinnerung.
Frage: Welche Rolle spielten ihre Eltern in Ihrer Karriere?
Taubitz: Sie unterstützen mich von klein auf an. Ich fing mit sieben Jahren an. Ohne sie wäre es nicht gegangen. Wir haben eine sehr enge Bindung, sehen uns leider sehr selten. Sie leben in Annaberg, ich inzwischen in Oberhof. Das sind zweieinhalb Stunden Autofahrt.
Julia Taubitz (M.) mit ihren Eltern Simone und ThomasFrage: Wo sind Ihre ganzen Trophäen und Medaillen?
Taubitz: Ganz viele lagern bei meinen Eltern, weil wir dort den Platz haben. Es sind ja einige zusammengekommen. Die wichtigsten wie die Medaillen von Olympia und Weltmeisterschaften sowie die Weltcup-Kristallkugeln habe ich bei mir. Früher hatte ich noch eine Wohnung in Annaberg und schlief unter der Woche in Oberhof in der Bundeswehrkaserne, aber 2023 habe ich mir eine eigene Wohnung in Oberhof genommen. Da bin ich witzigerweise die Nachmieterin von Bob-Olympiasiegerin Mariama Jamanka.
Frage: In Annaberg-Buchholz sind Sie nach dem Olympiasieg zur Ehrenbürgerin ernannt worden. Wie oft standen Sie bereits im Goldenen Buch?
Taubitz: Dreimal, glaube ich. Ehrenbürgerin zu werden ist eine absolute Ehre. Ich komme aus dem Erzgebirge und bin extrem heimatverbunden. Daher freue ich mich sehr über den Titel.
Frage: Letzte Frage: Welcher Fußballklub ist Ihre Nummer eins: Erzgebirge Aue oder RB Leipzig, wo Sie gelegentlich im Stadion sind?
Taubitz: Ich bin natürlich als Aue-Fan aufgewachsen, daher wird das immer meine Nummer eins sein, egal, ob sie in der Regionalliga sind. Ich bin kein Erfolgsfan, sondern aus dem Herzen heraus. Die vergangenen Jahre waren natürlich schwer. In der Bundesliga halte ich zu RB.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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