Dieser Text ist Weltklasse. Gut möglich, dass es einer der besten aller Zeiten ist. Kein Wunder, er stammt ja auch aus meiner Feder. Im Sport-Journalismus gab es mindestens in diesem Jahr keinen Besseren als mich, Sie werden das mitbekommen haben. Millionen von Lesern sind dieser Meinung. Was ich bei der WM und in der abgelaufenen Saison geleistet habe – Junge, Junge! Der eine Kollege von der „Süddeutschen“, der war auch ganz gut, keine Frage, großer Respekt. Aber besser als ich? Ich bitte Sie!
Sie haben beim Lesen dieser Zeilen eine Gefühlsmischung aus Fremdscham und Wut über eine derart dreiste Selbstverliebtheit? Verstehe ich, mir war beim Schreiben auch recht übel. Glückwunsch, wenn Sie bis hierhin durchgehalten haben. Selbstbeweihräucherung und Eigenlob-Hudelei sind mir im Grunde eher fremd. Und so schaue ich dieser Tage mit einer gewissen Irritation zu den großen Fußballklubs dieser Welt, wo sich die Megastars für die bevorstehende Vergabe des Ballon d’Or ins rechte Licht rücken.
Titelverteidiger Ousmane Dembélé mit dem Ballon d'OrSo dreht Lamine Yamal, 18 Jahre jung, kräftig an der eigenen Werbetrommel, haut gegenüber allen, die es hören wollen (und auch gegenüber einigen, die es nicht hören wollen), Parolen raus wie die folgende: „Um ehrlich zu sein: Ich glaube, dieses Jahr verdiene ich diesen Preis – aufgrund dessen, was ich gewonnen habe.“
Der Star ist die Mannschaft? Also wirklich ...
Und während der Jungstar des FC Barcelona tönt, ist rund 500 Kilometer entfernt das Mbappé-Marketing ebenfalls in vollem Gange. Oder auch die Kylian-Kampagne. Der französische Superstar von Real Madrid kennt da einen geeigneten Kandidaten für die Weltfußballer-Trophäe: sich selbst, den „Auserwählten“. Das hat er tatsächlich gesagt, kein Scherz. „Kein Spieler war letzte Saison besser als ich. Ich habe Argumente dafür, den Ballon d’Or zu gewinnen – etwa, dass ich der beste Torschütze der WM-Geschichte bin. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn dieses Jahr gewinnen kann. Es heißt, ich hätte keinen kollektiven Titel gewonnen, aber es ist eine individuelle Auszeichnung.“
Genau. Das Gerede von der Mannschaft, die der Star sei, das hat jetzt bitte mal Pause. Finden übrigens auch die Klubs. Real und Barça wollen ihre Spieler zum Titel pushen. Jeder Barcelona-Spieler lobt dieser Tage Yamal über den grünen Klee, jeder aus dem Star-Ensemble der Königlichen feiert die furiosen Fertigkeiten von Mbappé.
Das ist natürlich legitim, die Strategie dahinter dürfte nicht jedem schmecken. Schließlich gibt es auch weitere große Egos hinter Yamal und Mbappé, bei Real etwa Jude Bellingham oder Vinicius Junior.
Harry Kane ist mein zweiter Favorit
Einer, der als klarer Kopf und intelligenter Spieler gilt und der Selbstüberschätzung unverdächtig ist, ist Rodri. Der spanische Weltmeister-Kapitän gewann 2024 den Ballon d’Or, steht auch dieses Jahr auf der Shortlist, ist für viele ein ernsthafter Anwärter, auch wegen seines ruhigen und reflektierten Verhaltens auf und neben dem Platz. In einem Interview mit „Mundo Deportivo“ verriet er allerdings, dass sein Klub andere Pläne hat: „Der Verein hat sich entschieden, Lamine zu unterstützen, sagt, dass er der Spieler ist, der diesen Preis am meisten verdient hat. Und das ist auch vollkommen legitim.“ Rodri hoffe einfach, dass „ein spanischer Spieler gewinnt“.
Bayern-Profi Harry Kane ist zum Fußballer des Jahres in Deutschland gewählt worden.Ich hoffe, dass es weder Yamal noch Mbappé werden. Überhaupt keine Frage: Sie sind beide herausragende Fußballer, absolute Weltklasse. Aber: Es gab bessere, die sowohl auf dem Platz als auch neben dem Platz ihrer Vorbildfunktion gerecht werden. Die in einer Welt der zunehmenden Selbstdarstellung und Großmäuligkeit einfach ihren Job machen, und zwar überragend.
Rodri, der das Kollektiv Spanien nach dem EM-Titel auch zum WM-Titel geführt hat, hätte den Ballon d’Or weitaus mehr verdient als Yamal (ein WM-Tor beim 4:0 gegen Saudi-Arabien), der vergangene Saison wettbewerbsübergreifend für Barça 24 Tore erzielt hat – und damit 37 (!) weniger als Bayern-Stürmer Harry Kane (33). Der so angenehm normale und bescheidene Engländer, der mit 33 auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit ist. Mein zweiter Favorit.
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