Vincent Keymer lernte mit fünf Jahren das Schachspielen von seinen Eltern. 2022 wurde er Zweiter bei der Schnellschach-WM. Aktuell wird er vom Weltverband FIDE auf Platz sechs der Weltrangliste geführt. Der gebürtige Mainzer lebt seit 2025 in Wien.

Frage: Herr Keymer, Sie sind jetzt 21, wurden mit 14 Jahren der jüngste deutsche Großmeister aller Zeiten. Nervt es Sie eigentlich, dass Sie immer noch als die große deutsche Schach-Hoffnung betitelt werden?

Vincent Keymer: Nein, eher im Gegenteil. Den größten Druck mache ich mir selbst. Und natürlich freut es mich, das deutsche Schach mit voranzubringen.

Frage: Am Dienstag startet die Schacholympiade in Usbekistan. Mit welchem Ziel reist das Team an?

Keymer: Wir wollen um eine Medaille spielen. Die Konkurrenz ist extrem eng, deshalb wäre auch ein Platz unter den Top Ten ein starkes Ergebnis.

Frage: Ist ein Mannschaftsturnier etwas anderes als ein Einzelturnier?

Keymer: Ja, aber nur bedingt. Das Team profitiert davon, wenn jeder Einzelne gut spielt. Gleichzeitig muss man den Teamgedanken etwas stärker berücksichtigen.

Frage: Sie spielen inzwischen um sechsstellige Preisgelder. Wie geht man damit um?

Keymer: Man muss lernen, das auszublenden. Wenn ich während einer Partie ständig an das Preisgeld denken würde, wäre das nicht hilfreich. Mein Motto lautet: „You win some, you lose some.“

Frage: Wenn Sie mal 24 Stunden nicht an Schach denken wollen, was machen Sie, um abzuschalten?

Keymer: Das ist selten. Seit ich denken kann, war Schach mein Lebensmittelpunkt. Richtigen Urlaub habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht, weil mein Kalender sehr voll ist. Ich bin ungefähr zwei Drittel des Jahres unterwegs. Wenn ich von einem Turnier nach Hause komme, will ich nicht direkt wieder verreisen. Rennradfahren hilft mir, den Kopf freizubekommen. Und manchmal hilft es auch einfach, den Laptop wegzulegen.

Frage: Das heißt, die meiste Zeit trainieren Sie am Laptop?

Keymer: Ja. Online-Partien, Eröffnungsvorbereitung und vieles andere laufen am Laptop. Manchmal kombiniere ich das aber mit dem Brett.

Frage: Muss man als Weltklasse-Schachspieler besonders intelligent sein?

Keymer: Das weiß ich nicht. Man muss auf seine eigene Art speziell sein. Entscheidend sind Talent, Disziplin und viel Arbeit. Ich vermute schon, dass die Top-Großmeister überdurchschnittlich intelligent sind. Wie stark der Zusammenhang ist, müsste man untersuchen.

Frage: Kennen Sie Ihren IQ?

Keymer: Nein. Das interessiert mich auch nicht.

Frage: Können Sie sich erinnern, wann Sie gemerkt haben, dass Sie besser sind als andere?

Keymer: Als Kind habe ich darauf kaum geachtet. Ich habe früh erste Meisterschaften gewonnen, aber meine Entwicklung verlief nicht geradlinig. Im Vergleich zu vielen Spielern meines Jahrgangs bin ich eher spät an die Weltspitze gekommen.

Frage: Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Keymer: Das hängt von der Niederlage ab. Früher dachte ich oft: Der Gegner war besser. Heute ärgere ich mich eher über unnötige Fehler. Entscheidend ist, zu verstehen, worin meine Fehler lagen, mich aber sonst davon möglichst wenig beeinflussen zu lassen.

Frage: Bleibt überhaupt Zeit für andere Interessen?

Keymer: Wenig. Aber momentan ist es mir das wert.

Frage: Wie schafft man es unter diesen Bedingungen, ein Privatleben zu führen?

Keymer: Es geht, ist aber schwierig. Einfacher ist es mit Menschen, die ich schon lange kenne. Neue Kontakte aufrechtzuerhalten, wenn man ständig unterwegs ist, ist nicht leicht.

Frage: Sind die meisten Freunde deshalb aus der Schachwelt?

Keymer: Das ist kompliziert. Mit vielen verstehe ich mich sehr gut. Aber direkte Konkurrenten als Freunde zu bezeichnen, finde ich schwierig. Trotzdem ist das Verhältnis in der Spitze sehr respektvoll, und das schätze ich.

Frage: Wie ist Ihr Verhältnis zu Magnus Carlsen?

Keymer: Freundlich-kollegial. Wir gehören unterschiedlichen Generationen an, deshalb ist das Verhältnis anders als zu Spielern, gegen die er seit vielen Jahren antritt.

Keymer im Juli des vergangenen Jahres im Duell gegen den 35 Jahre alten norwegischen Superstar Magnus Carlsen beim Freestyle Chess Grand Slam Event in Las Vegas

Frage: Schach ist in Deutschland ein Nischensport. Stört Sie das?

Keymer: Nein. Solche Entwicklungen brauchen Zeit. In Indien war Viswanathan Anand der Auslöser, in Norwegen Magnus Carlsen. Meist braucht es zunächst sportlichen Erfolg.

Frage: Dieser Auslöser könnten Sie sein.

Keymer: Ich arbeite daran.

Frage: In Ihrer Sportart sind Sie ein Weltstar und können trotzdem weitgehend unerkannt durch die Städte gehen.

Keymer: Das ist angenehm. Einerseits freut man sich über Aufmerksamkeit für den Sport, andererseits ist Privatsphäre auch etwas Wertvolles.

Frage: Ist es Ihr Ziel, Schach in Deutschland bekannter zu machen?

Keymer: Ja. Momentan entwickelt sich vieles in die richtige Richtung. Ich probiere hauptsächlich, für mich und meine Karriere zu spielen. Wenn man dann zusätzlich als Vorbild dient, bin ich froh.

Frage: Was braucht es dafür?

Keymer: Mehr Erfolg. Dann wächst auch das Interesse von Unternehmen und Institutionen.

Frage: Muss Schach häufiger im Fernsehen stattfinden?

Keymer: Sichtbarkeit kommt dann, wenn der Sport für Zuschauer leichter zugänglich und spannender wird.

Frage: Muss sich Schach dafür verändern?

Keymer: Mit Formaten wie Freestyle-Schach sind wir auf einem guten Weg. Wer neu zum Schach kommt, möchte nicht eine halbe Stunde zusehen, wie jemand scheinbar nur am Brett sitzt. Gleichzeitig darf die Qualität des Sports nicht leiden. Diese Balance ist wichtig.

Frage: Wie groß ist Ihr Team?

Keymer: Ich arbeite mit Peter Leko zusammen. Einen Mental-Coach habe ich zeitweise ausprobiert. Themen wie Ernährung könnten im Schach künftig ebenfalls wichtiger werden.

Frage: Essen Sie während einer Partie?

Keymer: Wenn überhaupt, dann Kleinigkeiten: Studentenfutter, eine Banane oder dunkle Schokolade.

Frage: Wie sieht Ihre Vorbereitung vor einer Partie aus? Gibt es Rituale?

Keymer: Nicht wirklich. Viel hängt von der Zeitzone und dem Tagesrhythmus ab. Entscheidend ist, vor Ort herauszufinden, was am besten funktioniert.

Frage: Was war der schönste Moment Ihrer Karriere?

Keymer: Da gibt es mehrere: den Freestyle-Gewinn an der Ostsee 2025, die Grand Chess Tour in Rumänien und die Silbermedaille bei der Rapid- und Blitz-WM 2022.

Frage: Wann endet eine Schachkarriere?

Keymer: Die meisten Profis hören spätestens zwischen 35 und 40 auf.

Frage: Träumt man als Schachspieler von Olympischen Spielen?

Keymer: Ja. Früher hätte ich gesagt, das sei fast ausgeschlossen. Heute würde ich sagen: unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.

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