Der Weg, den Fabio Silva beim Torjubel einschlug, war ungewöhnlich. Der portugiesische Stürmer rannte, nachdem er den BVB am vergangenen Samstag beim 3:0 (1:0) über den SC Paderborn in Führung geschossen hatte, direkt in Richtung Ersatzbank. Dort wurde er von Felix Nmecha erwartet. Serhou Guirassy, der Silvas zweiten Saisontreffer vorbereitet hatte und bei dessen Jubellauf direkt die Verfolgung aufgenommen hatte, war also nur der zweite Gratulant.

Doch die Glückwünsche kamen vom Herzen. „Fabio ist für mich wie ein kleiner Bruder – jemand, den ich sehr respektiere“, sagte Guirassy über Silva, zu dem er sich einerseits in Konkurrenz sieht, mit dem er andererseits aber auch auf bemerkenswerte Weise harmoniert.

Es sei einfach, mit Silva zusammenzuspielen, weil sich die Spielstile der beiden Angreifer in bestimmten Aspekten ähneln – und sich in den Bereichen, in denen sie sich unterscheiden, sinnvoll ergänzen.

„Fabio ist leicht für mich auf dem Platz zu verstehen und er versteht mich sehr gut. Wenn ich mich mal fallen lasse, geht er in die Tiefe“, beschrieb Guirassy die gute fußballerische Interaktion zwischen ihm und Silva, die am vergangenen Samstag schon zum dritten Mal in Folge auffiel.

Vor einer Woche beim 3:2 auswärts gegen die TSG Hoffenheim hatte Guirassy einen langen Ball von Torwart Gregor Kobel aufgenommen, blitzschnell verarbeitet und dann direkt in den Lauf von Silva weitergeleitet, der postwendend das 2:2 erzielte. Drei Tage später, beim Champions-League-Spiel gegen Villarreal, war es umgekehrt: Silva drang in den Strafraum ein, hob den Kopf und legte quer zu Guirassy, der dann das 2:1 machte.

Ganze zwei Tore in 816 Spielminuten

Es läuft gut für die BVB-Offensive – und einen nicht unerheblichen Anteil daran haben die beiden Mittelstürmer. „Man sieht, dass wir dieses System mit zwei Stürmern genauso gut spielen können wie das System mit einem zentralen und zwei Flügelstürmern“, sagte Niko Kovac. Am vergangenen Samstag hatte der BVB-Trainer Guirassy und Silva erstmals in dieser Saison gemeinsam von Beginn an spielen lassen.

Kovac hatte dies in der vergangenen Spielzeit, der ersten, in der beide Stürmer in Dortmund unter Vertrag standen, nur selten getan. Die Rollenverteilung war klar. Guirassy, der 2024 vom VfB Stuttgart gekommen war, war gesetzt – für Silva, der ein Jahr darauf von den Wolverhampton Wanderers geholt wurde, blieb die Jokerrolle.

Aus dieser Rolle heraus konnte sich der 24-Jährige nur bedingt empfehlen: Zwar sorgte er nach seinen Einwechslungen für Dynamik, doch seine Trefferquote ließ zu wünschen übrig. Ganze zwei Tore gelangen ihm in 816 Spielminuten – der gesetzte Guirassy kam in 2.337 Minuten auf 17 Tore. Dazu traf er in der Champions League viermal. Kovac wehrte sich deshalb dagegen, einen Stürmerwechsel vorzunehmen – selbst als der Druck von außen, Silva mehr Bewährungschancen zu geben, größer wurde.

Jubel nach seinem Traumtor: Felix Nmecha erzielte das zwischenzeitliche 2:0

Die in Stein gemeißelte Hierarchie war nicht unumstritten. Denn Guirassy konnte den Erwartungen nicht immer gerecht werden. Es gab Spiele, in denen der 30-jährige Guineer lustlos wirkte. Zudem kursierten Wechselgerüchte. Auch Silva war unzufrieden. Vor dem Saisonstart formulierte er seinen Anspruch, mehr spielen zu wollen. Kovac hielt dagegen und stellte klar: Guirassy ist und bleibt die Nummer eins – Silva der Herausforderer.

Diese Rolle nahm Silva an. Der 24-Jährige überzeugte im Training und brachte Kovac schließlich sogar dazu, sein System zu ändern und mit einer Doppelspitze zu spielen. „Fabio blüht auf. Er macht das, was er kann: für die Mannschaft arbeiten, Chancen herausspielen und Assists geben. Das ist das, was wir brauchen“, erklärte Kovac. Hinzu kommt, dass Silva häufig auf den Flügel ausweicht und Guirassy weiterhin die Rolle als zentrale Anspielstation überlässt. Die Abläufe und die Aufgabenverteilung stimmen.

Davon profitiert vor allem Guirassy. Zwei Tore und zwei Vorbereitungen stehen für ihn nach drei Bundesligaspielen zu Buche – gegen Paderborn erzielte er zudem noch zwei Treffer, die wegen Abseitsstellungen nicht anerkannt wurden. Das erste davon hatte Silva vorbereitet. In der Champions League traf er zweimal und verbuchte einen Assist.

Guirassy wirkt in der neuen Saison wieder positiver, optimistischer. Sein Lachen ist zurück, seine Körpersprache eine andere als noch im vergangenen Spieljahr, in dem er nach misslungenen Aktionen entnervt abgewunken und Kovac nach Auswechselungen schon mal den Handschlag verweigert hatte.

„Wir haben auch mal Meinungsverschiedenheiten, über die wir uns austauschen. Ich würde sagen: Ich habe eine besondere Beziehung zum Trainer“, sagte Guirassy gegenüber dem Fernsehsender Sky.

Für seine Beziehung zu Fabio Silva scheint das auch zu gelten.

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