Es ist vollbracht. Alexander Zverev hat den zweiten Grand-Slam-Titel seiner Karriere gewonnen. Nach den French Open im Juni dieses Jahres triumphierte der deutsche Tennisprofi nun auch bei den US Open. Im Finale von New York kämpfte der 29 Jahre alte Zverev den sechs Jahre jüngeren Amerikaner Ben Shelton nieder. Er gewann mit 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2.
Zverev triumphierte als zweiter Deutscher nach Boris Becker 1989 im Männer-Einzel der US Open. Gut drei Monate nachdem er sich den Traum vom ersten Grand-Slam-Titel in Paris erfüllt hatte, rundete Zverev nun seine Traumsaison bei den wichtigsten vier Tennis-Turnieren ab. Anders als im verlorenen Wimbledonfinale gegen den diesmal verletzt fehlenden Jannik Sinner aus Italien dominierte er das Duell mit dem US-Star Shelton und trotzte auch der hitzigen pro-amerikanischen Stimmung im Arthur Ashe Stadium.
Vor den Augen von Showgrößen wie den Schauspielern Brad Pitt und Pierce Brosnan sowie Sportstars wie Lindsey Vonn präsentierte sich Zverev in seinem sechsten Grand-Slam-Finale abgeklärt. Nach 3:33 Stunden vollendete er den Triumph mit seinem ersten Matchball.
Nur merkte er es nicht wirklich. Zverev schaute sich verwirrt um, schaute Richtung Anzeigetafel und riss erst dann die Arme hoch. Erst mit einigen Momenten Verzögerung realisierte der 29-Jährige seinen großen Triumph bei den US Open. „Er gewinnt zum ersten Mal die US Open und merkt's nicht – bemerkenswert“, sagte Becker bei sporteurope.tv zu dem skurrilen Moment unmittelbar nach Matchende: „Das ist die Szene des Jahres für mich im Sport.“
Zverev bestätigte später den Eindruck. „Ich dachte, dass es 5:1 statt 6:2 steht“, erklärte er: „Ich denke, ich habe einfach das Ergebnis vergessen.“
Bundeskanzler Merz gratuliert
Auf den Tag genau vor sechs Jahren war Zverev im US-Open-Finale gegen den Österreicher Dominic Thiem nur zwei Punkte vom Titel entfernt gewesen, machte es mit der gewonnenen Erfahrung nun aber besser. Nach vier glatten Siegen in Serie in diesem Turnier gab Zverev zwar wieder einen Satz ab, war aber in langen Grundlinienduellen der bessere Spieler.
„Erst Paris, jetzt New York: Herzlichen Glückwunsch, lieber Alex Zverev, zum verdienten Sieg der US Open und zum zweiten Grand-Slam-Titel in einer Saison. Starke Leistung!“, schrieb Bundeskanzler Friedrich Merz bei X.
Die internationale Presse würdigte die sportliche Leistung des Deutschen. „Ben Shelton musste mitansehen, wie der amerikanische Traum vor den Augen eines ehemaligen James Bond starb, als Alex Zverev seine eigenen Alpträume bei den US Open endgültig ausmerzte“, schrieb die britische „Sun“.
Auch die „L'Équipe“ lieferte eine 007-Analaogie: „Zverev wurde seiner Rolle als Tennis-Bösewicht gerecht, insbesondere in den Augen der Zuschauer im Arthur Ashe Stadion, als er zum ersten Mal zum König von New York gekrönt wurde.“
Zverev selbst fand im Anschluss bewegende Worte, sagte: „Wir haben 30 Jahre lang keinen Grand-Slam-Titel gewonnen und jetzt haben wir zwei in drei Monaten gewonnen. Ich denke, Gott hat gesehen, wie viel wir arbeiten, wie viel wir gelitten haben, wie viel Schmerz hier reingeflossen ist.“
Im Publikum: Schauspieler Brad Pitt und Schmuckdesignerin Ines de RamonShelton dagegen hielt dem immensen Druck nicht stand, verlor auch das sechste von sechs Duellen mit Zverev. Der Weltranglistenneunte verpasste den ersten Grand-Slam-Titel eines männlichen Amerikaners seit Andy Roddick 2003. Er wäre zudem der erste männliche Schwarze als Titelgewinner seit Arthur Ashe 1968 bei den US Open gewesen – die Witwe der Legende verfolgte das Finale ebenfalls auf der Tribüne.
Kontroverse um Zverevs Auftippen: „Das bringt dich raus“
Wie schon im gesamten Turnier sorgte der an Nummer 1 gesetzte Zverev mit seinem häufigen Auftippen des Balls erneut für eine Kontroverse. Shelton beklagte sich, dass Zverev sehr lange vor seinem Aufschlag zur Vorbereitung brauche. Schiedsrichterin Marijana Veljović ermahnte den Hamburger daraufhin, etwas schneller zu werden. „Sascha tippt den Ball so oft, das bringt dich raus“, kritisierte Sheltons Vater und Trainer Bryan bei ESPN während der Partie.
Umarmung am Netz: Zverev und SheltonZu Beginn war Shelton die Anspannung sichtlich anzumerken. Per Doppelfehler gab er direkt im ersten Spiel seinen Aufschlag ab. Nach einem gelungenen Volley des Publikumslieblings Mitte des ersten Satzes sprangen die Zuschauer erstmals jubelnd von ihren Sitzen auf. Doch Zverev zeigte sich von der Stimmung unbeeindruckt. „Mir ist das egal“, hatte er vor dem Finale im größten Tennisstadion der Welt gesagt. „Ich bin es gewohnt, ich mag solche Atmosphären auch. Ich werde es auch irgendwo genießen.“
Und zunächst durfte er dies auch. Beim Satzball für Zverev leistete sich Shelton schon wieder einen Doppelfehler, nach 40 Minuten ging der Hamburger zufrieden zu seiner Bank, sein Vater und Trainer Alexander Zverev Senior nickte ihm zu.
Freundinnen fehlen auf Tribüne
Wie schon das komplette Turnier saß Freundin Sophia Thomalla wegen eigener beruflicher Verpflichtungen nicht in seiner Box. Ungewohnterweise musste auch Shelton auf die Unterstützung seiner Partnerin Trinity Rodman verzichten. Die bestbezahlte Fußballerin der Welt stand gleichzeitig selbst auf dem Platz.
Das Publikum versuchte weiter, Shelton voranzutreiben, applaudierte nun auch, wenn Zverev den ersten Aufschlag verschlug. Doch der 1,98-Meter-Hüne blieb stabil, ließ auch im zweiten Satz keinen Breakball zu. Wenn Zverev seinen ersten Aufschlag ins Feld brachte, gelang ihm zu mehr als 90 Prozent auch der Punktgewinn.
Im Tiebreak präsentierte sich Zverev hellwach. In langen Ballwechseln dominierte der Weltranglistenzweite seinen Gegner, führte schnell 5:0 und nutzte den Vorsprung souverän.
Auch 2020 hatte Zverev gegen Thiem bereits mit 2:0 Sätzen vorn gelegen, diese Chance jedoch noch verspielt. Und gegen Ende des dritten Durchgangs wackelte Zverev plötzlich wieder, sah sich drei Breakbällen gegenüber. Mit einem leichten Volleyfehler sorgte er für den Satzgewinn Sheltons, und der Amerikaner heizte das Publikum noch einmal so richtig an.
Zverev jedoch blieb unbeirrt, schaffte sofort wieder das Break im ersten Spiel. Beim 2:1 kassierte er eine Warnung, weil er sich beim Aufschlag zu viel Zeit ließ. Die Zuschauer johlten. Doch Zverev konnte sich wieder einmal auf seine überragende Physis verlassen, entnervte Shelton und durfte befreit jubeln.
Da ist das Ding: Alexander Zverev gewinnt erstmals die US Open„Wenn's zählt, spielt er sein bestes Tennis, und immer wenn es eng ist, schafft er es, seine Leistungsstärke hervorzurufen“, sagte Becker: „Das ist eine Lebensleistung der Familie Zverev. Der Weg ging mal nach oben, mal nach unten, mal nach links und mal nach rechts. Aber am Ende wird abgerechnet – sie sind Sieger.“ Für ihn sei Zverev „klar der Spieler des Jahres“.
Und dieser besitzt nun realistische Chancen, sich auch das zweite große Karriereziel zu erfüllen. Der Rückstand auf den verletzten Weltranglistenersten Sinner ist von mehr als 5.000 auf unter 2.000 Punkte geschmolzen. „Ich werde für den Rest des Jahres konzentriert bleiben und alles dafür tun, die Resultate so zu zeigen, dass ich die Chance habe, Nummer eins zu sein“, betonte Zverev.
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