Der Chef pflegt ein besonderes Ritual. Während sich seine Spieler vor einer Partie auf dem Rasen warm laufen, nimmt Vincent Kompany noch mal eine Dusche. Der Trainer des FC Bayern nutzt die rund 20 Minuten vor allem, um sich unter dem fließenden Wasser letzte Gedanken über das bevorstehende Spiel und seine Ideen für die Ansprache in der Kabine zu machen. „Es ist ein Moment voller Ruhe für mich“, erklärt der Belgier.
So dürfte es auch an diesem Sonntagnachmittag sein. Um 17.30 Uhr (Liveticker auf WELT.de und DAZN) tritt seine Mannschaft bei der SV 07 Elversberg an. Der deutsche Fußball-Rekordmeister als Gast beim Bundesliga-Aufsteiger im Stadion an der Kaiserlinde – eine sehr besondere Partie. Auch, weil die Elversberger nach zwei Spieltagen mit sechs Punkten in der Tabelle vor den Bayern liegen. Und weil es der Schlusspunkt einer Woche ist, die den Münchnern bislang viel Erleichterung gebracht hat.
Kompany muss sich in den Minuten vor der Partie in Bezug auf Jamal Musiala offenbar nicht mehr so viele Gedanken machen. Der Spielgestalter der Münchner und die Verantwortlichen im Klub erlebten am vergangenen Donnerstagabend einen enorm befreienden Moment, auf den sie sehnsüchtig gewartet hatten.
Nach zwei Zusammenbrüchen in Testspielen gehörte Musiala beim Auftakt in die Champions-League-Saison überraschend wieder zur Startelf. Und erzielte beim 5:0 gegen FK Bodö/Glimt aus Norwegen mit einem Schuss aus der Drehung zu Beginn der zweiten Halbzeit das 1:0. Es war sein zehnter Treffer in Europas Königsklasse, die 75.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion riefen lautstark seinen Namen. Musiala ist zurück auf der großen Bühne. „Das sind so Geschichten, die der Fußball schreibt“, sagte Sportvorstand Max Eberl.
Nach Musialas Einwechslung beim 0:0 auswärts gegen den FC Schalke am vergangenen Wochenende war dieser Abend ein emotionaler Schritt für den Jungstar und die Bayern. Er dürfte die Rückkehr zu einer professionellen Normalität beschleunigen. Musiala nannte es einen „super Moment“ und sagte: „Ich bin sehr glücklich für mich und die Mannschaft. Ich habe vom Trainerteam, von der Mannschaft, von Bayern viel Support bekommen.“ Bei Instagram postete er stolz Fotos von seinem so speziellen Abend und schrieb darunter lediglich ein Wort: „Dankbar.“
Musiala: „Ich freue mich, wieder im Rhythmus zu sein“
Der 23-jährige Offensivstar hat eineinhalb schwierige Jahre hinter sich. Bei der Klub-WM im Sommer 2025 hatte er sich einen Beinbruch und eine Sprunggelenksverletzung zugezogen. Dazu kam die Erkrankung an einer neurologischen Dysfunktion, die zu kurzzeitigen Ausfällen führen kann. „Dieses Thema ist nichts Neues für mich“, sagte Musiala, der den Klub bereits vor Monaten über seine Erkrankung informierte. „Ich will einfach meine Leistung wieder bringen. Ich freue mich jetzt, wieder im Rhythmus zu sein. Ich weiß, dass noch Schritte zu gehen sind, aber der Spaß, mit der Mannschaft auf dem Platz zu sein, ist das schönste Gefühl.“
Er wolle nun wieder Schritt für Schritt „mit einem leichten Gefühl“ auf dem Rasen agieren und mit Freude und Spaß zurück auf sein Leistungslevel kommen. „Das Gefühl, das ich heute gehabt habe, habe ich eine Weile nicht gehabt“, sagte Musiala nach seinem 65-Minuten-Einsatz gegen Glimt. Im Anschluss an den Abpfiff umarmten ihn seine Mitspieler und zogen mit ihm zur Fankurve. „Ich freue mich wirklich sehr für ihn“, sagte Stürmerstar Harry Kane. „Er hatte eine schwierige Zeit, vor allem zu Beginn der Saisonvorbereitung und zu Saisonbeginn. Es ist schön, ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen. Ich glaube, ihm ist eine Last von den Schultern gefallen. Man sieht im Training seinen Hunger und wie spritzig er wieder ist. Das hat er mit ins Spiel genommen. Wir können wirklich stolz auf ihn sein.“
Glückliches Duo: Vincent Kompany (l.) mit Jamal Musiala nach der AuswechslungAuch sein Trainer ist mit Musiala sehr zufrieden. „Ich glaube, ich habe mich genauso gefreut wie die Menschen im Stadion und wahrscheinlich noch viele mehr vor dem Fernseher“, sagte Kompany. „Als er wusste, dass er startet, hat man sofort gesehen, dass er glücklich ist. Das Tor und diese 60 Minuten waren jetzt wichtig für ihn. Jetzt wünsche ich mir, dass der Fokus wieder auf seiner Leistung liegt. Alles andere ist Teil seines Lebens. Er weiß, wie er damit umgehen muss, und bekommt von uns die volle Unterstützung.“
Seine innige Umarmung mit Musiala bei dessen Auswechslung sagte viel über das Verhältnis der beiden aus. Musiala habe sich seinen Startelf-Einsatz mit überzeugenden Leistungen im Training verdient, so der Trainer. „Das war kein Geschenk, nur weil wir Jamal unterstützen möchten – wir unterstützen Jamal schon, aber er war einfach gut im Training. Für uns ist es großartig, aber für Jamal noch mehr – und natürlich auch für seine Familie. Wenn es bei Jamal nur um die sportliche Leistung geht, mache ich mir auf Dauer keine Sorgen.“
Bei den Bayern-Bossen war die Erleichterung zu spüren. „Es kommt wieder Normalität rein“, betonte Eberl. „Und das ist das Schönste für ihn: Jamal sagt immer, auf dem Platz fühlt er sich am wohlsten.“ Gegen Glimt gelang Musiala nicht alles. Aber in mehreren Szenen zeigte er, was er seiner Mannschaft geben kann.
Die Medikation ist wieder angepasst, berichtete Eberl. „Die Situationen sind gegen Null im Moment“, sagte der Vorstand zu möglichen weiteren Ausfällen im Spiel: „Er ist so eingestellt, dass es im Moment sehr gut passt.“
Bayerns Mittelfeldchef Joshua Kimmich spielte gegen Glimt zum 100. Mal von Anfang an in der Champions League. Er erklärte nach dem Sieg, wie die Mannschaft bei einem Anfall Musialas reagieren würde. „Man geht hin und versucht, ihn auf den Boden zu legen. Dann haben wir die Ärzte und Physios, die sich darum kümmern. Für uns ist es generell wichtig, dass wir wissen, dass nichts passieren kann und man in der Situation mit Ruhe reagiert. Wir wissen, dass er so einen Moment haben kann. Wir sind alle darauf vorbereitet und haben deshalb keine Sorge.“
Es sei immer schwierig, sich in jemanden hineinzuversetzen. „Keiner von uns weiß, wie sich das dann bei ihm anfühlt. Wir konzentrieren uns darauf, dass wir es ihm so leicht wie möglich machen“, betonte Kimmich.
In Elversberg könnte Musiala seinen nächsten Startelf-Einsatz bekommen. Die SV siegte in den ersten Saisonspielen gegen Bayer Leverkusen (3:2) und Borussia Mönchengladbach (4:3). Die Bayern zeigen sich deshalb so demütig wie lange nicht vor dem Aufeinandertreffen mit einem Aufsteiger. „Wir sind hinter Elversberg momentan“, sagte Kimmich. „Sie haben schon sieben Kisten gemacht. Mehr als wir! Deswegen sind wir auf jeden Fall gut vorbereitet. Wir wissen, dass sie sehr, sehr gut angreifen und kontern können.“ Sein englischer Mitspieler Kane berichtete, man habe ihm gesagt, dass Elversberg „eine sehr kleine Stadt, ein kleines Dorf“ sei. Der 33-Jährige ist beeindruckt: „Sie arbeiten extrem hart. Es wird ein schwieriges Spiel. Sie sind ein Aufsteiger, aber ein großes Team.“
Für die Bayern wäre alles andere als ein Sieg dennoch eine Enttäuschung, gerade nach dem Remis in Gelsenkirchen. In München sind sie überzeugt, dass Kompany die richtigen Worte in seiner Ansprache finden wird. Wahrscheinlich wieder nach einer Dusche.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Zuletzt war er bei der Fußball-WM in den USA und beim Spiel des FC Bayern gegen Glimt im Münchner Stadion auf der Medientribüne.
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