Aufgewachsen in einer Triathlon-Familie, hatte Henry Graf (24) ursprünglich andere sportliche Träume. Ein Realitätscheck aber und sein offensichtliches Talent für den Dreikampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen sorgten dafür, dass der Hesse seinen Weg änderte. Vom Riesentalent, das 2021 Junioren-Europameister wurde und später mit der U23-Mixed-Staffel WM-Gold gewann, avancierte er 2025 zum Aufsteiger des Jahres im Elitebereich: In Karlsbad/Tschechien holte er nach 1,5 Kilometern Schwimmen, 40 Kilometern Radfahren und zehn Kilometern Laufen seinen ersten Sieg bei der WM-Serie und wurde am Ende Vierter.
Dieses Jahr läuft für den Studenten der Wirtschaftsinformatik wechselhaft: von Podiumsplatzierungen über einen Sturz bis zu Achillessehnenproblemen war vieles dabei. Am 13. September kehrt er in Karlsbad zurück in die World Triathlon Championship Series.
WELT: Herr Graf, wie sehen Ihre Pläne für den 16. Juli 2028 aus?
Henry Graf: 16. Juli? Ist das der Tag des Olympia-Rennens von Los Angeles? Das Datum hatte ich selbst noch nicht so genau im Kopf, aber das Rennen natürlich schon. Ich möchte am 16. Juli 2028 auf jeden Fall morgens am Venice Beach ins Meer laufen. Und dann optimalerweise um die Medaillen kämpfen.
WELT: Als es bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney die erste deutsche Triathlon-Medaille durch Stefan Vuckovic gab, waren Sie noch nicht einmal geboren. Bei Jan Frodenos Gold 2008 hatten Sie Ihren ersten Kindertriathlon absolviert, mit vier Jahren. Haben Sie Erinnerungen daran?
Graf: Das war auf jeden Fall bei uns in Königstein, und geschwommen wurde im Freibad. Ich habe ein paar Bilder im Kopf, bin mir aber nicht sicher, ob das von meinem ersten Triathlon war, da ich in Königstein zwei-, dreimal mitgemacht habe. Ich weiß von Erzählungen aber, dass ich mit vier Jahren schon Brust schwimmen konnte. Vor mir gingen ältere Altersklassen an den Start, und ich sah, dass die Schnellsten Kraul schwammen. Ich habe das dann spontan versucht, was aber nicht wirklich geklappt hat (lacht). Und ich erinnere mich an die kleine Laufrunde durch den Wald und um den Weiher. Und dass mein Vater neben mir lief. Es hat mir tatsächlich viel Spaß gemacht.
WELT: Sie kommen aus einer Triathlon-Familie. Ihre Mutter Sabine Büscher wurde Europameisterin auf der Kurzdistanz, Ihr Vater Oliver Graf Deutscher Meister. Sie selbst hatten sich lange aufs Schwimmen konzentriert. Wer waren Ihre sportlichen Helden?
Graf: Ich habe als Kind lange nicht richtig gecheckt, was meine Eltern damals gemacht haben und dass sie wirklich richtig gut waren. Das war nie ein großes Thema bei uns. Irgendwann habe ich das Stück für Stück verstanden. Ich war später großer Paul-Biedermann-Fan, weil er 2009 diese Fabel-Weltrekorde über 200 und 400 Meter Kraul geschwommen ist. Er war damals ein großes Vorbild für mich. Im Triathlon steckte ich da noch nicht so drin, den Olympiasieg von Frodeno bekam ich noch nicht richtig mit.
Früher stand für ihn Schwimmen im Mittelpunkt: Henry GrafWELT: War es denn als Kind Ihr Traum, als Schwimmer in die Weltspitze zu kommen?
Graf: Das war tatsächlich lange eine Traumvorstellung. Aber ich war schon immer eher Realist. Und es war relativ schnell erkennbar, dass es einige gab, die mehr Talent hatten und es für mich schwer werden würde. Deswegen war es irgendwann für mich kein Thema mehr, es unbedingt zu versuchen.
WELT: Ab 2018 haben Sie sich voll auf Triathlon konzentriert. Gab es einen Auslöser?
Graf: Es war zwar ein Prozess, dennoch gab es am Ende einen klaren Auslöser. Und zwar war es einerseits so, dass ich in meiner Hauptschwimmart Rücken ein paar Probleme mit der Technik bekam, vielleicht, weil ich mit 15/16 nochmal einen ordentlichen Wachstumssprung gemacht habe. Ich bin sogar zeitweise langsamer geworden, was eigentlich in dem Alter nicht passiert. Gleichzeitig gab es andere Faktoren, die mich zum Triathlon gezogen haben. Letztendlich bin ich 2018 bei einem Nachwuchs-Deutschland-Cup-Rennen überraschend Zweiter geworden und hatte damit die Chance, mich für die olympischen Jugendspiele zu qualifizieren. Da war für mich klar, dass ich den Fokus auf Triathlon lege.
WELT: Sie haben ganz offensichtlich Talent, schließlich hatten Sie zu dem Zeitpunkt noch vor allem das Schwimmen trainiert.
Graf: Ich bin ab und zu mit meiner Schwester, die damals schon Triathlon betrieb, ins Lauftraining gegangen. Die Rennen habe ich dann mehr oder weniger einfach mitgenommen. Natürlich habe ich von meinen Eltern einiges mitbekommen – genetisch, aber auch durch das Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin.
WELT: Wie hat es Sie geprägt, in einem so sportlichen Haushalt aufzuwachsen?
Graf: Es war nie so, dass meine Eltern Leistungsdruck gemacht haben oder sie bestimmte Erwartungen hatten. Das Thema Bewegung war bei uns zu Hause aber immer präsent, und das prägt natürlich. Ich war schon als Kind sehr aktiv – ob stundenlang auf dem Trampolin bei uns im Garten, beim Kicken mit Freunden oder beim Schwimmtraining. Meiner Mutter war es immer wichtig, dass wir uns viel bewegen.
Acht Jahre ist das her: Henry Graf 2018 bei den olympischen Jugendspielen in BrasilienWELT: Aber ein internes Familienranking gibt es trotzdem, oder?
Graf: Ja, das kann man so nennen (lacht). Es gab ein hohes Level an Konkurrenzkampf oder Kompetitivität bei uns – auch mit meiner älteren Schwester. Gegen sie konnte ich damals sehr, sehr schlecht verlieren. Ich weiß noch, als ich das erste Mal gegen sie beim Bowling verlor – da habe ich erst mal eine Träne verdrückt.
WELT: Vor allem, weil es Ihre Schwester war oder konnten Sie generell schlecht verlieren?
Graf: Ich würde sagen, es war eine Kombination: Ich war ein schlechter Verlierer, und wenn es um meine Schwester ging, war es umso härter. Es war aber nicht so, dass ich sauer auf andere wurde – meistens war ich eher sehr enttäuscht von meiner eigenen Leistung, hatte von mir selbst mehr erwartet. Das ist mit der Zeit deutlich besser geworden, aber ehrgeizig bin ich natürlich immer noch.
WELT: Wer oben mitspielen will, braucht einen gewissen Ehrgeiz. Wie ausschließlich leben Sie den Sport?
Graf: Wer Leistungssport betreibt, muss das natürlich auf eine gewisse Art extrem leben. Talent hin oder her. Wenn du Weltspitze sein willst, musst du viel investieren. Aber grundsätzlich gefällt es mir nicht so gut, wenn ich das Gefühl habe, nur noch Sportler zu sein. Ich brauche es für meinen Kopf, für mein Lebensgefühl, dass ich ab und zu andere Dinge mache und nicht ausschließlich in dieser Sportbubble unterwegs bin. Den Rhythmus aus Training, Recovery, essen, schlafen immer mal zu unterbrechen, tut gut.
WELT: Zurück zum Sport. Letztes Jahr haben Sie es in die absolute Weltspitze geschafft. Ist das eher Motivation oder macht das Druck?
Graf: Einerseits ist es natürlich Motivation, denn ich war in Sachen Triathlon lange Zeit eher Pessimist. Ich sah die Leistungen an der Weltspitze – und lange Zeit fiel es mir schwer, mir vorzustellen, dass ich dort selbst mal hinkommen kann, dass ich einmal ganz vorne mitmischen kann. Das hat sich verändert. In dem Sinne hat es mir auf jeden Fall viel Motivation und Selbstvertrauen gegeben, auch nach den höchsten Zielen zu streben.
WELT: Andererseits?
Graf: … merke ich natürlich auch, dass die Erwartungshaltung von mir, aber auch von außen steigt. Ob es jetzt der Verband ist, Sponsoren oder auch Freunde und Familie. Die freuen sich natürlich, wenn ich gute Rennen mache. Aktuell hält es sich noch in Grenzen, aber es kann natürlich sein, dass es Richtung Olympia anders wird. Ich denke, da muss man dann aufpassen, dass man damit gut umgehen kann.
WELT: Arbeiten Sie denn im mentalen Bereich mit jemandem zusammen?
Graf: Wir haben Verbandspsychologen, mit denen wir Kontakt haben können. Das mache ich nicht super regelmäßig, aber hin und wieder. Letztes Jahr zum Beispiel vor dem Rennen in Hamburg, weil klar war, dass dort die Aufmerksamkeit, auch vom Fernsehen, für mich neu sein würde. Ich habe auch ein paar Atemtechniken, um mich zu beruhigen, und über die Jahre meine eigenen Gedanken, Strukturen und Tricks entwickelt, mit denen ich versuche, vor dem Rennen in ein gutes Mindset zu kommen.
WELT: Sind Sie jemand, der lieber mit der Gruppe trainiert oder auch gerne mal allein draußen oder drinnen auf der Rolle und dem Laufband?
Graf: Das ist nicht mein Ding. Ich fahre zwar auch gerne mal allein Rad, einfach mal ein paar Stunden durch den Schwarzwald, die Gedanken kreisen lassen. Aber an sich bin ich jemand, dem das Training in der Gruppe sehr hilft. Bei harten Einheiten macht es am meisten aus. Ich kann mich mit einer Gruppe viel besser pushen und dazu motivieren, sauber durchzuziehen.
WELT: Welche ist denn Ihre Hasseinheit im Training, und was ist Ihre Lieblingseinheit?
Graf: Generell sprinte ich ziemlich ungerne in allen Disziplinen, da mir das einfach nicht liegt. Und die frühen, langen Schwimmeinheiten absolviere ich auch sehr ungern. Vor allem im Winter. Am liebsten sind mir lange Radausfahrten durch den Schwarzwald mit ein paar, nicht zu krassen Intervallen. Vielleicht danach noch Kaffee und Kuchen.
WELT: Gibt es eine Strecke mit dem Rennrad, die Sie gerne mal fahren möchten?
Graf: Zum Beispiel die Tour-de-France-Anstiege in den Pyrenäen und den Alpen wie Alpe d'Huez oder Tourmalet. Da würde ich gerne mal hochfahren.
WELT: Dann ist es für Sie also schade und nicht gerade vorteilhaft, dass die meisten Strecken auf der olympischen Distanz flach sind, oder?
Graf: Definitiv. Wir haben aktuell mit Karlsbad leider nur ein Rennen im Weltcup-Kalender, das sich mit einem deutlich schwierigeren Kurs abhebt. Für mich ist ein anspruchsvoller Kurs um einiges besser, weil ich auf dem Rad meine Stärken habe und eine schwierigere Strecke natürlich selektiver ist – gerade dadurch, dass wir ja Windschatten fahren. Wenn der Kurs einfach nur flach ist, gibt es die superschnellen Läufer, die sich hinten in der Gruppe ein bisschen zurückhalten und dann beim Laufen abgehen. Das soll kein Vorwurf sein – ich würde es wahrscheinlich genauso machen. Aber deswegen versuche ich, das Tempo von Anfang an hochzuhalten, sodass diese Athleten gar nicht erst in der Gruppe landen.
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