Jetzt ist es zurück, das Gefühl, das sie nicht missen will. „Wer das einmal erlebt hat, will da immer wieder hin“, sagt Esther Henseleit mit einem leichten Lächeln. Deutschlands beste Golferin spricht über den Solheim Cup, der ab Freitag im Bernardus Golf Club in den Niederlanden ausgetragen wird. Für die 27-Jährige ist es der zweite Auftritt nach ihrer Premiere im Jahr 2024. Als kompletter Neuling stand sie vor zwei Jahren in den USA am ersten Abschlag, umgeben von singenden und jubelnden Fans, neben sich ihre Spielpartnerin Charley Hull. Den ersten Schlag, der den Solheim Cup eröffnete, machte sie. Der Drive landete auf dem Fairway, die Menge brüllte. Seither ist auch Esther Henseleit süchtig nach dem Solheim Cup.
Der Teamwettbewerb für Golferinnen existiert seit dem Jahr 2000. Nach dem Vorbild des Ryder Cups der Männer treffen alle zwei Jahre die besten Profigolferinnen aus Europa auf ihre Gegnerinnen aus den USA. Beide Mannschaften treten mit zwölf Spielerinnen an. 28 Matches werden ausgetragen, 16 davon im Klassischen Vierer oder Vierball Bestball, zwölf im Einzel. Pro Match gibt es einen Punkt, und wer zuerst 14,5 Punkte geholt hat, gewinnt. Es ist das Format „Frau gegen Frau“, das für Zuschauer leicht zu verstehen ist und bei den Spielerinnen große Emotionen weckt.
Der extrem emotionale Typ ist Henseleit nicht. Sie steht für Konstanz, für gleichmäßige Leistungen auf hohem Niveau. Mit ihr hat Kapitänin Anna Nordqvist ein Teammitglied gewonnen, das erfolgreich, aber vergleichsweise unauffällig ist. Der Typ mit rosafarbenen Haarschleifchen, ausufernden Instagram-Posts oder schreiend bunter Kleidung war sie nie.
Aber sie ist im deutschen Golfsport in ihrer Generation seit Langem die Beste – zuerst unangefochten unter den Juniorinnen ihres Landes, dann eine der herausragenden Spielerinnen Europas. Als sie 2018 ins Profilager wechselte, hatte sie ein Handicap von –7,1, besser als jede andere Europäerin vor ihr, die sich für Golf als Beruf entschied.
Silbermedaille bei Olympia
Zahlen sind manchmal trügerisch. Was zählt, sind die Ergebnisse, aber auch die lieferte Henseleit als Jungprofi schnell ab. 2019 gewann sie auf Anhieb die Geldrangliste der Ladies European Tour. Von da ging es direkt auf die amerikanische LPGA-Tour. Ihren bis dato größten internationalen Erfolg feierte sie 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris.
Vor Beginn des Finaltags lag sie sieben Schläge zurück, gehörte nicht zu den Top 50 der Weltrangliste. Kein Mensch – außer sie selbst – erwartete Großes. Aber sie spielte eine Runde von 66 Schlägen, attackierte von Beginn an, gewann Silber. „Die letzten vier Löcher unter dem Druck, den ich da hatte, zwei unter zu spielen – das ist wahrscheinlich mit eine der besten Leistungen, die ich in meiner Golfkarriere bringen werde“, hat sie vor wenigen Wochen gesagt, als sie bei der Amundi Evian Championship noch um die Qualifikation für den Solheim Cup spielte.
Seither hat sie mit einem zweiten Platz bei der AIG Women’s Open in England, Europas wichtigstem Einzel-Golfturnier, ihre Sichtbarkeit in der internationalen Golfszene noch einmal deutlich vergrößert. Ihr gelochter Putt aus fast 13 Metern am 18. Grün, der ihr den Weg ins Stechen mit der späteren Siegerin Shiho Kuwaki verschaffte, war außergewöhnlich, ging auf Social Media viral.
Das verlorene Stechen hat Henseleit längst abgehakt, nach vorn geblickt und die positiven Seiten gesehen: Als 19. der Weltrangliste ist sie aktuell besser als alle anderen Golfprofis in Deutschland. Sie ist die Beste, die Deutschland jemals hatte. Sandra Gal, die selbst zweimal im Solheim Cup für Europa antrat, schaffte 2012 Platz 28. Caroline Masson, viermalige Solheim-Cup-Spielerin, kam 2018 bis auf Rang 36.
Henseleit ist die perfekte Partnerin
Im Bernardus Golf Club fällt Henseleit ab Freitag die Rolle der Allrounderin zu. In einem Team mit zwölf Spielerinnen, Caddys, Coaches, vier Vizekapitäninnen und einer Kapitänin gibt es reichlich soziale Dynamik. „Dadurch, dass ich eine ruhige Persönlichkeit bin und auch relativ unaufgeregtes Golf spiele, würde ich mit jedem spielen“, erklärt sie zu möglichen Aufstellungen in den Matches. Für Kapitänin Nordqvist wird Henseleit damit zu einem Joker, wie Bernhard Langer es bei seinen zehn Ryder-Cup-Einsätzen so oft war. Kein anderer Spieler wechselte so oft die Vierer-Partner, kein anderer stellte sich ähnlich gut auf die Spielweise und Marotten seiner Teamkollegen ein.
An kämpferischen Typen mangelt es dem Team Europa nicht. Vizekapitänin Caroline Hedwall scheut wie ihre Kollegin Mel Reid oder die britische Spielerin Charley Hull keine Auseinandersetzung mit dem Team USA. Henseleit blickt eher abgeklärt auf Situationen, selbst wenn es eng wird auf dem Golfplatz. Von ihrer Teamchefin Nordqvist ist sie schon vor Beginn des Events überzeugt. „Sie gibt jedem das Gefühl, gehört zu werden. Ich muss sagen, ich bin sehr beeindruckt davon, wie sie mit der Situation umgeht.“
Angriff: Henseleit attackiert die FahneHenseleit selbst hat vergangene Woche in London gemeinsam mit ihrem Caddie, Trainer und Ehemann Reece Phillips noch einmal an ihrem Spiel gefeilt. Grundsätzlich ist sie mit ihrem Leistungsniveau sehr zufrieden. „Ich habe das Gefühl, dass alle Bereiche in meinem Spiel auf einem Level sind, das ich in den vergangenen Jahren noch nicht hatte – vor allem beim Spiel um die Grüns.“
Der Platz von Bernardus, den sie bei einem Vorbereitungslehrgang gespielt hat, kommt ihr entgegen. Die Deutsche ist bekannt für ihre exzellenten Schläge mit den Eisen ins Grün. In Bernardus ist Genauigkeit der Schlüssel zum Erfolg: Die Spielbahnen sind gut verteidigt von Bunkern und Heide, die harten Grüns fordern präzise Schläge Richtung Fahne.
In den Niederlanden geht Europa mit dem Heimvorteil an den Start. Die Bilanz der vergangenen fünf Solheim Cups ist ausgeglichen. Zwei Siege auf jeder Seite, ein Unentschieden. Perfekte Ausgangsbedingungen für Matches voller Emotionen – und mittendrin der ruhige Joker: Esther Henseleit.
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