Am Mittwoch erhielten sie bei Eintracht Frankfurt prominenten Besuch. Jürgen Klopp gab sich die Ehre. Nachdem der neue Bundestrainer in den Tagen zuvor bei Bayern München, dem VfB Stuttgart und Mainz 05 vorbeigeschaut hatte, machte er nun bei den Hessen Station. Klopp schaute sich eine Trainingseinheit an und sprach mit Trainer Adi Hütter sowie einigen Spielern. So unterhielt er sich angeregt mit Younes Ebnoutalib. Klopp ließ den Shootingstar der Frankfurter wissen, dass er von seinen Qualitäten überzeugt ist. Der 22-Jährige könnte sowohl für Deutschland als auch für Marokko spielen.
Klopps Stippvisite wurde auf Bildern festgehalten. Eines davon hatte große Symbolkraft, weil es trefflich die Lage von Eintracht Frankfurt dokumentiert. Der Bundestrainer ist darauf mit Stürmer Can Uzun zu sehen. Beide haben die Muskeln ihres rechten Oberarms angespannt. Der Bizeps von Klopp ist gut definiert und sticht viel mehr hervor. Er verkörpert Stärke – und damit etwas, was die Eintracht verloren hat.
Nachdem die Hessen fünf Jahre in Folge ununterbrochen international gespielt hatten und 2022 sogar die Europa League gewannen, verpassten sie durch einen achten Tabellenplatz in der vergangenen Bundesliga-Saison erstmals wieder die Qualifikation für einen Europapokal – nach einer Saison, in der der Klub nicht mit berauschendem Fußball für Schlagzeilen sorgte, sondern mit Geschichten abseits des Platzes. Exemplarisch hierfür steht der im Sommer offen ausgetragene Zwist mit Ex-Trainer Albert Riera, der Anfang Januar verpflichtet und kurz vor Ende der vergangenen Spielzeit wieder entlassen worden war.
Vorstandssprecher Axel Hellmann hatte Riera attestiert, dass dieser nicht bereit gewesen sei, „sich mit der Bundesliga, diesem Klub und dem ganzen Umfeld auseinanderzusetzen“. Der Spanier konterte scharf. „Ich werde deinen Namen nicht nennen“, schrieb er in einer Story bei Instagram, „denn du bist ein Niemand, unbekannt und hast nichts getan. Ich weiß immer noch nicht, warum dir der Verein Geld bezahlt.“ Er und Sportvorstand Markus Krösche seien die einzigen Leute gewesen, die von morgens bis abends für den Verein gekämpft hätten. „Sonst niemand!“ Seine Bilanz von nur vier Siegen, fünf Remis und fünf Niederlagen erwähnte er nicht.
Sportvorstand Markus Krösche (l.) und der schnell wieder geschasste Albert RieraWer im Anschluss glaubte, dass nach der Trennung von Riera Ruhe einkehren würde, sah sich getäuscht. Selbst die Rückkehr von Trainer Adi Hütter, der von Juli 2018 bis Juni 2021 schon einmal in Frankfurt tätig war, hat die Gemüter nur bedingt beruhigt. Das ist aber weniger dem Coach geschuldet, sondern viel mehr einem Transfersommer, in dem, so schrieb es dieser Tage die „Frankfurter Rundschau“, Sportvorstand Krösche „seinen Kompass“ verloren habe.
38 Transferbewegungen bei der Eintracht
Mit dem Verkauf von Nathaniel Brown, Aurele Amenda und Rasmus Kristensen, die zusammen knapp 80 Millionen Euro eingebracht haben, und den Ausleihen von Jean-Matteo Bahoya und Hugo Larsson, die durch Kaufverpflichtungen in einem Jahr zusammen auch noch einmal rund 50 Millionen Euro wert sind, hat Krösche den nötigen Transferüberschuss erzielt und durch weitere Abgänge von Topverdienern wie etwa Michy Batshuayi oder Elye Wahi das Gehaltsvolumen reduziert. Insgesamt gab es 38 Transferbewegungen – bei einem Klub, der in der Bundesliga nach den Bayern und dem BVB die meisten Mitarbeiter (545) beschäftigt.
Den Abgängen aber stehen Zugänge (unter anderem Noel Aseko, Raphael Onyedika, Malik Pimpong, Otavio, Lilian Brassier) gegenüber, die die Experten nicht vollends überzeugen. Dass mit Noah Atubolu kurzfristig noch eine neue Nummer eins für das Tor vom SC Freiburg ausgeliehen wurde, sorgt zwar für Ruhe auf einer wichtigen Position. Der Transfer offenbarte jedoch eine Fehleinschätzung im vergangenen Sommer, als die Eintracht Stammkeeper Kevin Trapp nach Paris ziehen ließ. Kaua Santos und Michael Zetterer, inzwischen zu Leeds United gewechselt, wussten danach nie zu überzeugen.
Das gelang der Mannschaft zum Saisonstart bei Union Berlin auch nur bedingt. 3:1 führten die Hessen bis zur 79. Minute, ehe sie noch zwei Tore kassierten. Am Sonntag ist der FC Augsburg zu Gast (17.30 Uhr).
Julian Jendrossek von sge4ever.de, einem unabhängigen Online-Magazin und Fan-Blog rund um die Eintracht, sagte auf Anfrage, dass er ein Problem aktuell darin sehe, „dass sich einige Entscheidungen nicht mehr zu einem wirklich schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen“. Die Selbstverständlichkeit und Klarheit, ergänzte er, „mit der man in den vergangenen Jahren sportliche Abgänge kompensiert und den Kader weiterentwickelt hat, während man im Klub mit Mannschaft und Fans eine Einheit gebildet hat“, sei momentan nicht mehr in gleichem Maße zu erkennen.
Vielleicht hilft es ja, dass die Verantwortlichen unter der Woche Einigkeit und Zusammenhalt dokumentierten. Im Anschluss an eine Sitzung des Aufsichtsrats sprach das Gremium dem 45-jährigen Krösche das Vertrauen aus und erkannte die schwierige Arbeit auf dem komplexen Transfermarkt an. „Es besteht Einigkeit darüber, dass wir die vor uns liegenden Aufgaben weiter mit großer Geschlossenheit angehen wollen“, sagte Aufsichtsratschef Mathias Beck: „Unser Fokus richtete sich in den vergangenen Wochen darauf, die bestmöglichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison zu schaffen. Das ist der sportlichen Führung gelungen.“
Krösche: „Ich bin keiner, der wegläuft“
Krösche sprach von einer „anspruchsvollen Transferphase, die von einem in diesem Jahr außergewöhnlichen Marktumfeld geprägt“ gewesen sei. Er stellte klar, seines Jobs nicht überdrüssig zu sein. „Ich arbeite mit voller Überzeugung daran, unsere Ziele zu erreichen.“ Das bekräftigte er auch noch einmal in einem Gespräch mit WELT AM SONNTAG.
Wie stabil der Frieden wirklich ist, bleibt abzuwarten, zumal ein Posten, für den Krösche als Topkandidat gehandelt wurde, noch immer vakant ist. Mitte Juni gab es Berichte aus Italien, dass der italienische Traditionsklub AC Mailand ihn gern als Technischen Direktor verpflichten will und auch schon mit ihm verhandeln hätte. „Ich bin keiner, der wegläuft“, entgegnete Krösche. Sein Vertrag ist bis 2028 datiert.
Die kommenden Wochen werden Aufschluss darüber geben, ob die Eintracht zurück zu alter Stärke findet. Wenn ihr das gelingt, dürfte auch der Bundestrainer öfter mal vorbeischauen. In Jonathan Burkardt stand letztmals im November 2025 ein Frankfurter im Kader der deutschen Nationalmannschaft.
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