Sie ist die älteste und erfahrenste Spielerin der deutschen Basketballmannschaft, die sie zudem als Kapitänin anführt – und das seit Freitag in Berlin zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Allerdings musste Marie Gülich wegen eines Kreuzbandrisses sehr lange darum bangen, bei dem zehntägigen Championat vor heimischer Kulisse mitwirken zu können. Sie fühle sich jetzt körperlich sogar besser als vor der schweren Verletzung, sagt die Centerspielerin. Die 32-Jährige wirkt entspannt und zuversichtlich, auch wenn es hierzulande längst nicht so rosig um den Frauen-Basketball bestellt ist, wie sie es sich wünscht.
Auch deshalb möchten Gülich und ihre elf Mitspielerinnen mit einer historischen Vorstellung glänzen. Noch nie haben deutsche Frauen eine WM-Medaille gewonnen. Wie schwierig das allerdings wird, zeigte zum Start am Freitagabend die deutliche Auftaktniederlage gegen Mitfavorit Spanien. Nur 22 Stunden nach dem 53:83 (24:50) muss das Team an diesem Samstag um 18 Uhr gegen Japan bestehen – und sich deutlich steigern.
WELT AM SONNTAG: Frau Gülich, Ihr Umfeld behauptet, Sie seien für die Nationalmannschaft unverzichtbar. Wie sehen Sie das?
Marie Gülich: Unverzichtbar? Eine Göttin bin ich nicht (lacht). Das ist natürlich ein schönes Kompliment, wenn andere das so sehen. Es tut gut, und ich nehme das gern an, aber es ist nichts, worauf ich mich ausruhe. Sicherlich habe ich gute Kontakte zu allen, die mich umgeben, und kann jeden auch mental gut unterstützen. Erst recht, wenn ich wie jetzt nach einer so langen Auszeit wieder auf dem Spielfeld stehe.
WAMS: „Marie ist unser Thermometer, unser emotionaler Rückhalt“, schwärmt Bundestrainer Olaf Lange. Welche Höchsttemperatur können Sie denn erreichen?
Gülich: Oh, das ist schwer zu sagen. Es ergibt sich immer aus der jeweiligen Situation. Beobachten Sie mich bei den Spielen, dann werden Sie es erleben.
WAMS: Sie sagen selbst über sich, „ein gutes Gefühl für Menschen zu haben“. Woher rührt das?
Gülich: Ich bin vorurteilsfrei und offen, versuche stets, Ruhe zu bewahren und mich immer in das Denken und Fühlen anderer hineinzuversetzen, um sie besser verstehen zu können. Außerdem bin ich ein empathischer Mensch, was es mir einfach macht, mich mit anderen zu verbinden. Mein Studium hat mir dabei sehr geholfen.
WAMS: Seit März 2025 haben Sie einen Master in Sport- und Performance-Psychologie.
Gülich: Wobei, ich den größten Nutzen aus der Therapie mit meinem Sportpsychologen gezogen habe. Seit 2019 arbeite ich mit ihm, was unheimlich inspirierend ist. Ich lernte mein Ich, meine Stärken und Schwächen viel intensiver kennen. Dadurch habe ich wesentlich bewusster an mir gearbeitet. Irgendwann war ich halt an einem Punkt angekommen, wo meine Skills nicht mehr ausreichten, um wie gewollt zu performen. Dann beginnt das Spiel im Kopf, und dafür habe ich mir Hilfe gesucht. Psychologie fand ich schon immer interessant. Seit dem Vorjahr mache ich mit meiner Nationalmannschaftskollegin Emily Bessoir den Podcast „M&EM Talks“, in dem wir über das Players-Mindset, mentale Gesundheit und Female Empowerment reden.
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WAMS: Bei der WM werden Sie enorm gefordert, der Erfolgsdruck ist immens. Einerseits, weil Sie daheim spielen, andererseits, weil die Mannschaft mit dem Viertelfinaleinzug bei ihrer Olympia-Premiere 2024 aufhorchen ließ. Sie waren damals schon die Kapitänin des Teams, aus dem noch neun Spielerinnen im WM-Kader stehen. Bei der EM 2025, die Sie wegen Ihrer Verletzung versäumten, sprang ein fünfter Platz heraus. Wie kommen Sie mit der Erwartungshaltung klar?
Gülich: Davon werde ich gepusht, zumal ich auch noch eine eigene hohe Erwartungshaltung habe. Druck und dieses Gefühl von Nervosität zu haben, empfinde ich als etwas Positives, weil ich gelernt habe, als positiv denkender Mensch durch das Leben zu gehen. Natürlich habe auch ich Phasen, in denen es mir nicht gut geht, mich alles nervt, ich keinen Bock mehr habe, doch die vergehen rasch. Am Ende des Tages ist es Basketball, ist es der Sport, der mir so unendlich viel Reichtum fürs Leben beschert hat, der mir eine Erlebniswelt ermöglicht, die mit nichts aufzuwiegen ist. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar.
WAMS: Ihr Idol Dirk Nowitzki behauptet, das jetzige Frauenteam sei „das beste“, das es im deutschen Basketball jemals gegeben hat. Stimmen Sie dem einstigen Superstar der Dallas Mavericks zu?
Gülich: Sehr gern sogar. Es ist eine riesengroße Ehre, in dieser Mannschaft stehen zu dürfen. Jede Einzelne von uns hat aber auch für diesen Status extrem hart gearbeitet. Bedauerlich ist nur, dass Satou Sabally nicht zum Team gehört.
WAMS: Die Berlinerin mit afrikanischen Vorfahren, die seit dem dritten Lebensjahr an der Spree lebt und zu den Topspielerinnen in der US-Profiliga zählt, fällt wegen einer erneuten Gehirnerschütterung aus.
Gülich: Und das ausgerechnet in ihrer Heimatstadt. Das tut mir sehr, sehr leid für sie. Und uns als Team schmerzt es, weil sie eine Persönlichkeit mit viel Energie ist.
Gefragte Spielerin – nicht nur am Mikro. Gülich spielte in den Topligen der USA, Polens, Italiens, Spaniens, Taiwans und aktuell AustraliensWAMS: Wie würden Sie den Ist-Zustand im deutschen Frauen-Basketball beschreiben, der mit dem Olympiasieg von Paris in der Trendvariante 3 × 3 einen sensationellen Triumph feierte? Boomt er tatsächlich?
Gülich: Gemessen am Ticketverkauf für die WM auf jeden Fall. Schon Tage vor dem Turnierbeginn wurden für die insgesamt 36 Spiele mehr als 200.000 Eintrittskarten verkauft. Das hat es bei den bisherigen 29 Frauen-Weltmeisterschaften noch nicht gegeben. Fürs Finale sind bereits alle Tickets vergriffen. Es fühlt sich großartig an, dass die Menschen hierzulande so einen großen Bock haben, bei unserem Frauensport live dabei zu sein.
WAMS: Gleichwohl die deutschen Männer in den zurückliegenden Jahren weitaus eindrucksvollere Spuren im klassischen Basketball hinterlassen haben. Sie sind amtierender Welt- und Europameister, wurden Olympia-Vierter in Paris. Der bedeutendste Erfolg bei den Frauen ist die EM-Bronzemedaille von 1997. Bei der bislang einzigen WM‑Teilnahme 1998, ebenfalls in Deutschland, sprang lediglich Rang elf heraus. Warum gibt es diese Diskrepanz zwischen den Geschlechtern?
Gülich: Bei den Männern existieren wesentlich professionellere Strukturen. Sie haben bessere Trainings- und Reisebedingungen. Im Gegensatz dazu müssen viele unserer Spielerinnen nebenbei noch einen Beruf ausüben, um über die Runden zu kommen. Dadurch können sie sich nicht 100-prozentig auf ihren Sport konzentrieren. Sie können nur begrenzt trainieren. Ihnen bleibt auch weniger Zeit, sich auf harte Belastungen vorzubereiten und sich dementsprechend davon zu erholen. Wir sind noch sehr weit von einer Gleichstellung entfernt.
WAMS: Spielerinnen hierzulande verdienen durchschnittlich 4000 Euro brutto im Monat. Die Gehälter bei den Männern sind um ein Vielfaches höher. Auch zwischen den Bundesligen existiert eine große Kluft. Während bei den Männern 18 Teams um die deutsche Meisterschaft spielen, sind es bei den Frauen nur zehn. Die drei in diesem Jahr aufstiegsberechtigten Frauenvereine haben ihren Verzicht erklärt, weil sie damit organisatorisch und finanziell überfordert wären. Das hört sich nicht nach einer rosigen Zukunft an. Was muss sich dringend ändern?
Gülich: Der Frauen-Basketball benötigt ganz einfach mehr Geld, mehr Investitionen, um in der Breite erfolgversprechende Strukturen schaffen zu können. Das beginnt bei der Kinder- und Jugendförderung, damit Spielerinnen im Profibereich überhaupt ankommen können, die dann das Niveau in der Bundesliga erhöhen und so auch als Vorbilder für die Nachwuchsentwicklung dienen. Die Vereine müssen in der Lage sein, ihre besten Spielerinnen zu halten. Derzeit sind sie jedoch fast alle bei ausländischen Klubs unter Vertrag.
WAMS: Allein in der WNBA, der zugkräftigsten Liga der Welt, spielen mit Satou und Nyara Sabally, Frieda Bühner, Leonie Fiebig und Luisa Geiselsöder erstmals fünf Deutsche. Dank eines neuen Tarifvertrags verdienen sie dort Jahresgehälter im sechsstelligen Bereich.
Gülich: Das ist natürlich lukrativ, ein solches Angebot kannst du nicht ausschlagen.
WAMS: Sie waren zuletzt 2020 in Nordamerika aktiv. Derzeit spielen Sie für Australiens Meister Townsville Fire. Können Sie von Ihrem Sport leben?
Gülich: Mittlerweile schon. Vor allem aber bin ich froh, dass ich meine Verletzung auskuriert habe. Sie hätte ja auch mein Karriereende bedeuten können.
WAMS: Den Kreuzbandriss im rechten Knie zogen Sie sich im Mai vorigen Jahres in Bamberg beim EM-Testspiel gegen Tschechien zu. Erst vor drei Wochen entschied sich, dass Sie beim Weltchampionat spielen können. Glaubten Sie trotz des gesundheitlichen Handicaps an Ihre Rückkehr in die Nationalmannschaft?
Gülich: Ich habe mir immer gesagt: Du musst es schaffen. Mit dieser Haltung bin ich täglich in die Reha gegangen, die ich genauso ernst genommen habe wie sonst das normale Training. Als ich nach Monaten die ersten Bälle wieder auf einen Korb geworfen habe, machte es irgendwie Klick, und ich war wieder in meiner Welt.
WAMS: Wie schwer fiel es Ihnen, diese Zwangspause mental zu meistern?
Gülich: Es war nicht einfach, körperlich so eingeschränkt zu sein, mit diesen Schmerzen und einer ungewissen Zukunft umzugehen. Es war auch nicht leicht, wieder gehen zu lernen oder das Bein wieder strecken zu können. Ohne Akzeptanz und Geduld kommst du damit nur schwer zurecht. Wobei mir das Vertrauen in meine Arbeit am meisten geholfen hat. Klar, war ich in Sorge, kam so manches Mal ins Grübeln. Ich hatte Angst, bei meiner Rückkehr nicht mehr die gleiche Person als Spielerin zu sein, die ich vorher war. Ernsthafte Zweifel, mit meinem Comeback zu scheitern, hatte ich letztlich aber nicht wirklich. Die Auszeit besaß aber auch etwas sehr Gutes.
WAMS: Was wollen Sie damit sagen?
Gülich: Ich blicke auf das komplizierte Jahr auch mit viel Dankbarkeit zurück, weil ich endlich ein bisschen durchatmen konnte. Seit zwölf Jahren lebe ich nicht mehr in Deutschland, ziehe durch die Welt. Jetzt hatte ich mal Zeit, meine Familie zu sehen, alte Freundinnen zu treffen. Mir wurde wieder bewusst, dass es im Leben noch mehr gibt als Basketball. Wenn man so lange Leistungssport betreibt wie ich, tut der Körper schon ganz schön weh. Es ist krass, doch jetzt habe ich keine Schmerzen mehr, wenn ich morgens aufwache. Ich habe mich körperlich noch nie so gut gefühlt. Auch vom Kopf her bin ich vollkommen erholt, gehe nun mit einem ganz anderen Mindset in die WM.
WAMS: Bei der Tausende Fans Ihren Namen skandieren werden, was im Frauen-Basketball nicht selbstverständlich ist. Wie löst das bei Ihnen aus?
Gülich: Das ist ein cooles Gefühl. Ich liebe volle Arenen mit heißer Atmosphäre, wenn die Energie von den Rängen überschwappt. Da bin ich in meinem Element.
WAMS: Wenn Sie in zehn Jahren auf die WM zurückblicken, woran möchten Sie sich dann besonders erinnern?
Gülich: Dass wir etwas Bleibendes erreicht haben und sagen können: Wow, das war eine geile Zeit.
*Das Interview wurde vor dem ersten WM-Spiel geführt.
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