Es war so ein sympathisch gerolltes schwäbisch-bayerisches „Rrr“, wenn der gelernte Weber Gerd Müller († 75) sagte: „Ich will mei Ruh habe.“
Verdient hat er sie sich, der Mann, der in 1204 dokumentierten Spielen 1455-mal ins Tor traf, öfter als Pelé († 82), der in 1363 Partien 1281-mal erfolgreich war. Der Müller Gerd hatte alles verdient. Sogar den Pelzmantel, einen Fuchs, in dem er seine kurzen, wuchtigen Beine und seinen langen Oberkörper wärmte. Nur damit sie ihm seine Ruhe ließen, der Sepp Maier (82), der Franz Beckenbauer († 78), der Uli Hoeneß (74), der Paul Breitner (74), die in den 70er-Jahren auffallend üppige kanadische Wolfspelze, sogar Zobelkrägen schick fanden. „Dass wir den Gerd so weit gebracht haben, da mitzumachen, das grenzte an ein Weltwunder“, erzählt Hoeneß. „Wir waren ihm alle aus tiefstem Herzen dankbar, da er einer der wenigen liebenswerten Menschen war, die keine Feinde hatten. Ohne den Gerd und seine Tore wäre es für die Bayern zu 100 Prozent anders gekommen.“
Die „SZ“ brachte Müller in späteren Jahren nicht nur zur detaillierten Wiederholung seiner Behauptung, er hätte heutzutage viel mehr Tore geschossen und geköpft als damals (68 in 62 Länderspielen, 365 in 427 Bundesliga-Spielen). „Viel, viel mehr sogar“, sprudelte es aus ihm heraus, „wenn auch keine 80 pro Saison, wie der Franz in seiner unendlichen Güte gesagt hat.“ Müller erklärte genau, warum: „Hörn’s auf, mich zu loben. lch hab halt nur ab und zu ein paar Tore geschossen. Ja, der Strafraum war mein Reich. Und von den Viererketten wirst du nicht so gedeckt wie wir früher. Einer von den vieren schläft ja immer. Ich dagegen hatte immer zwei Vorstopper und einen Verteidiger gegen mich. Wenn wir in Duisburg gespielt haben, ist mir immer der Pirsig ins Kreuz gesprungen. In München hat er sich das nicht getraut, dann hab ich mein Ruh ghabt und Tore gmacht.“
Die Bayern-Spieler Uli Hoeneß (2.v.r.), Gerd Müller (3.v.r) und Paul Breitner (4.v.r.) jubeln mit ihren Mannschaftskameraden nach dem Sieg des Europapokal der LandesmeisterNiemand kannte Müller besser als Beckenbauer, der sich mit dem kongenialen Partner im Trainingslager oder vor Spielen zehn Jahre lang das Zimmer teilte. Der Kaiser, der Müller nicht nur „den Dicken“ nannte, sondern auch „das Quadrat“. Der als Pünktlichkeitsfanatiker den Langschläfer oft mit dem Auto abholte, „sonst erwischen wir den Flieger nicht“. Worauf der Kaiser konterte: „Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, die fliegen ohne uns ab.“
Beckenbauer kannte das Innenleben seines Gerd genau. „Wenn er den Höttges sah, spielte er plötzlich hinter mir, dem Libero, dem letzten Mann. Ich sagte dann: ‚Dicker, du faule Sau, magst nicht mal nach vorne gehen?‘ Dann hat er mich tief verletzt angeschaut und geschimpft: ‚Du kannst mich am Arsch lecke. Geh doch du nach vorne.‘ So war sie halt, bei aller Freundschaft, unsere Fußballersprache. Und danach war die Diskussion auch erledigt.“
Nur dann waren die beiden aus ihrer typisch münchnerischen Bierruhe zu bringen, wenn sie ihren verinnerlichten, heiß geliebten Doppelpass spielten. Doch wehe, es schwächelte einer. „Wenn ich einen Ball spielte, brauchte er nur noch den Fuß hinzuhalten“, erzählte der Kaiser. „Wehe jedoch, der Ball kam nicht millimetergenau. Dann bin ich meist ausfallend geworden. Und er blechte in seinem schwäbischen Bayerisch zurück: ‚Geh doch hoim, du Blindr du.‘“
Wie Gerd Müller seine Gegner und sich selbst austrickste
Wenn von Gerd Müller die Rede ist, fallen schnell Begriffe wie schlicht, einfach, verschlossen, wortkarg. Es stimmt alles nicht. Oder nur teilweise. Müller war schlagfertig und unterhaltsam, dazu ein Genussmensch. Kenner der Münchner Szene wussten längst, dass der „Bomber der Nation“ (den Begriff mochte er gar nicht, er war ihm zu kriegerisch) einer der ersten Stammgäste des österreichischen Jahrhundertkochs Eckart Witzigmann (85) im Schwabinger „Tantris“ war (auch wenn er den Tomatensalat nach Mutters Nördlinger Art immer liebte), während Beckenbauer bei seiner Mutter Schweinsbraten mit Kartoffelknödeln begehrte.
Seine Geselligkeit erlebte ich im November 1991 besonders intensiv. Ich hatte mich mit Müller und seinem damaligen Betreuer Willi Aschenbrenner mittags in der Amalienstraße, im ersten „Wienerwald“ Münchens, verabredet – einen Tag vor seiner Einweisung in die Murnauer Spezialklinik, um vom Teufel Alkohol loslassen zu können. Wir tranken Bier, Müller trank Weißwein. Ich rutschte fast vom Stuhl, als er auf einmal sagte, als spreche er das Tischgebet: „Hier und heute – das ist mein letzter Schluck Alkohol. Nix mehr. Nie mehr wieder einen Schluck.“ Ich hätte hohe Wetten darauf eingegangen, dass er das nicht durchhält, was dieser starke Mensch letztlich als den „größten Sieg meiner Laufbahn“ bezeichnete. Das Schönste war die Tatsache, dass er bei seiner Ankündigung genauso konsequent blieb, so wie er fast immer einhielt, wenn er am Vorabend ein, zwei Tore versprach. „Franz, du brauchst dir koi Sorge mache. Die putzet ma weg“, sagte er oftmals „wie aus der Pistole geschossen“, zu Beckenbauer. „Das hat mir meist die negative Spannung genommen“, sagt der Kaiser. „Das war sehr hilfreich.“
Sepp Maier, ehemaliger Tormann (l.) und Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern München, sitzen bei einem Festakt anlässlich der Enthüllung einer Gerd-Müller-StatueAn jenem Sonntagmittag im „Wienerwald“ erzählte er entspannt, wie völlig zu Unrecht das „wichtigste Tor meiner Laufbahn“, das 2:1 am 7. Juli 1974 im WM-Finale gegen Holland, einen viel zu schlechten Ruf hat. „Ausnahmsweise muss ich mich erst mal selbst loben – für mich war das auch ein schönes Tor. Drei Holländer umkreisten mich, ich starte, täusche an, doch als der Rainer Bonhof flankt, kommt der Ball statt auf den rechten, mit dem ich hätte direkt schießen können, auf meinen linken Fuß. Nachträglich war es Glück, denn von dort springt der Ball weg und macht kehrt. Und ich kann ihn mit dem rechten Innenspann aus der Drehung voll ins lange Eck schießen.“ Durch die Beine von Ruud Krol (77). Das Kunststück war, dass Müllers berühmt kräftiger Hintern die beiden anderen Gegner wegsperrte. Und dass er dem scheinbar wegspringenden Ball mit links so viel Drall gab, dass er kehrtmachte und zurückkehrte auf seinen rechten Fuß. „Nur ganz, ganz große Fußballer können das“, lobte ich ihn spontan. „Johan Cruyff vielleicht.“ Müller schwieg, blickte ins Leere.
Bis wir auf Uli Hoeneß kamen, der für ihn die passende Klinik ausgesucht hatte. Jener Hoeneß, der im WM-Finale nach wenigen Sekunden Cruyff elfmeterreif gefoult hatte. Müller sah, wie verzweifelt der Uli war, munterte ihn auf: „Brauchst dir keine Sorgen machen. Wir haben doch noch 89 Minuten Zeit.“
Hoeneß hatte noch nicht vergessen, wie ihm Müller 1972 beim Eröffnungsspiel des Münchner Olympiastadions, dem 4:1 gegen die UdSSR, ein Tor geklaut hatte. Als auf der Anzeigetafel viermal der Name Müller stand. „Das 2:0 gehörte mir“, reklamierte Hoeneß. „Ich dribbelte den Torwart aus, will den Ball elegant ins leere Tor schießen. Auf einmal kommt jemand von hinten, grätscht mich um. Ich lieg im Tor, der Ball liegt im Tor – Torschütze Gerd Müller. Der hat mich einfach von hinten mit dem Ball ins Tor gehauen. Da war ich schon ein bisschen sauer. Doch ich konnte ihm nicht böse sein. Tore waren eben sein Elixier.“ Dann macht es bumm, ja, und dann kracht’s. Und alles schreit: „Der Müller macht’s!“ Dann macht es bumm, dann gibt’s ein Tor. Und alles schreit dann: „Müller vor!“ So hallte es bald aus allen Lautsprechern der Schlagernation. Und auch, wenn Müller mit der Zunge nicht so reaktionsschnell war wie mit den Beinen, die Leute liebten diese Schallplatte.
Die BRD-Elf verliert am 22. Juni 1974 vor 60.000 Zuschauern im Hamburger Volkspark-Stadion das WM-Gruppenspiel gegen die DDR sensationell mit 0:1Es machte laufend bumm. 1970, als Müller bei seiner ersten WM in Mexiko mit zehn Toren Schützenkönig wurde, als er im Jahrhundertspiel, dem Halbfinale gegen Italien, den Ball zum 2:1 nur zärtlich berührte, dass er langsam wie eine Schnecke ins Tor kroch. Bumm machte es zweimal für die Bayern im Europacupfinale 1974 gegen Atlético Madrid (4:0), gegen TeBe erzielte Müller sein kuriosestes Tor im Krabbeln. Dass es nicht nur kracht, bewies Müller 1972 beim 5:1 gegen die Schweiz, als er den Ball im Doppelpass mit Netzer so genial auflegte, dass es zum Tor des Jahres gekürt wurde – und die ARD beide zu Schützen ernannte. Netzer und den Vorlagengeber Müller. Netzer ist bis heute stolz darauf.
Vom Weltstar bis zur Krankheit – Gerd Müllers schwerste Jahre
Als am 3. Februar 1979 um 17.07 Uhr in Frankfurt das Unfassbare geschah und der Tor-Gigant von Bayern-Trainer Pal Csernai († 80) erstmals aus Leistungsgründen ausgewechselt wurde, wollte Müller nix wie ganz schnell weg. Die Fort Lauderdale Strikers aus Florida gewannen das Wettrennen um den Weltstar.
Doch der war den Intrigen des Trinkers George Best († 59) ausgeliefert. Beckenbauer versuchte vergeblich, ihn zu Pelé und sich nach New York zu holen. Es konnte nur noch abwärts gehen. Allein der Flugangst wegen, unter der Müller litt. Zur Vertragsunterschrift begleitete ich ihn die vielen Stunden bis nach Miami, wir tranken uns gemeinsam die Angst weg.
1992, längst als Co-Trainer bei Bayern zurück, kamen im Wintertrainingslager in Bordeaux schwer beunruhigte Kollegen zu mir. „Kann es sein, dass der Gerd wieder trinkt?“ Sie hatten ihn beobachtet, wie er beim Essen einen silbernen Flakon aus der Tasche zog. Ich konnte nach einigen Gesprächen Entwarnung geben. Müller hatte seit dem Entzug für den Salat immer ein Fläschchen mit alkoholfreiem Essig bei sich.
Der viermalige Bayern-Trainer Jupp Heynckes (81), Müllers großer Gladbacher Torjäger-Konkurrent und sein Chef, als Co-Trainer Müller 2012/13 der U23 Torjäger-Nachhilfe gab, reagierte bestürzt, nachdem der Kamerad und Freund 2015 an Alzheimer erkrankt war. „Tragisch, wenn man sieht, dass sich solch ein wunderbarer Mensch nicht mehr selbstständig versorgen kann. Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.“ Am Ende erkannte Müller nicht mal mehr den Kaiser.
Was heute von den beiden übrig ist, das sind vor der Allianz Arena zwei Denkmäler in eineinhalbfacher Lebensgröße. „Schön, dass die beiden, die fast ein ganzes Leben miteinander verbracht haben, jetzt auf diesem Wege vereint sind“, sagt Müllers Witwe Uschi. Sie wachte bis zum letzten Atemzug bei ihrem Gerd. „Er ist gestorben, ohne eine Falte zu haben“, sagt sie heute immer noch bewundernd. Jeder Schuss, jedes Tor schüttete Glückshormone aus, hatte alles weggezaubert.
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