Es ist gerade drei Jahre her, da standen sie beim SC Freiburg vor einer grundsätzlichen Frage. Sollten die Breisgauer, die mehr als andere Bundesligisten dafür bekannt sind, sich ihre Profis selbst auszubilden, tatsächlich Noah Atubolu zur neuen Nummer eins machen? Stammkeeper Mark Flekken war zum FC Brentford gewechselt. Atubolu, damals 21, schien die naheliegende Lösung zu sein: Er war als 13-Jähriger zum Verein gekommen und hatte sein Talent in allen U-Nationalmannschaften des DFB bis hoch zur U21 nachgewiesen.
Trotzdem gab es Stimmen, die auf das Risiko hinwiesen. Die Freiburger hatten sich schließlich bereits zu einem Dauergast im Europapokal entwickelt. Wäre es nicht ratsamer, eine gestandene neue Nummer eins zu verpflichten? Von der sportlichen Leitung gab es zu diesen Thesen ein klares: Nein. „Wir haben uns für Noah entschieden, weil er es verdient hat und weil es der Freiburger Weg ist“, sagte Sportvorstand Jochen Saier damals.
Die Entscheidung war konsequent – und im Nachhinein richtig. Atubolu entwickelte sich in den vergangenen drei Jahren, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, zu einem starken Rückhalt. Er wurde zu einem Gesicht des Klubs und sogar zu einem hoch gehandelten Kandidaten für die A-Nationalmannschaft. Das ist Atubolu theoretisch noch immer – wäre da nicht seine ungeklärte Zukunft. Die Saison 2026/27 steht in den Startlöchern und der 24-Jährige ist immer noch ohne Job.
Freiburg setzt auf Backhaus
Die Freiburger haben mit Mio Backhaus, 22, längst einen Nachfolger verpflichtet. Am Donnerstag bestreiten sie mit dem ehemaligen Bremer das Hinspiel in der Qualifikation zur Conference League beim schottischen FC Motherwell (20:30 Uhr). Atubolu flog nicht mal mit. Schon während der kompletten Vorbereitung hatte er separat von der Mannschaft trainiert, war auch nicht mit ins Trainingslager gefahren.
Die Hängepartie im Hinblick auf die Fortsetzung seiner so vielversprechend begonnenen Karriere hat sich Atubolu selbst eingebrockt. Er hatte alle Versuche der Freiburger, seinen bis 2027 laufenden Vertrag zu verlängern, abgeblockt. Kurz vor dem Europa-League-Finale gegen Aston Villa (0:3) am 20. Mai hatte sich der Klub dann für die Verpflichtung eines neuen Keepers entschieden. Atubolu könne nun „mit seinen Beratern seine Zukunftsplanung vorantreiben und den bestmöglichen Klub für sich finden“, erklärte Saier.
Mio Backhaus ist die neue Nummer eins beim SC FreiburgDas Problem war nur: Es kursierten zwar gleich eine ganze Reihe von Vereinsnamen, die angeblich Interesse haben sollen – Newcastle, Milan, Juventus, Chelsea, Napoli oder Marseille – doch nichts konkretisierte sich. Atubolus Traum vom Sprung zu einem internationalen Topklub blieb ein Traum. Das zehrte an den Nerven.
Deshalb hat Atubolu die Reißleine gezogen. Nach Informationen des „Kicker“ soll er sich von der Berateragentur, die ihm viel versprochen, aber wenig gehalten hat, getrennt haben. Zukünftig will er sich selbst vertreten und nur noch von einem fachkundigen Anwalt unterstützen lassen. Doch ein Wettlauf gegen die Zeit dürfte es so oder so werden, rechtzeitig bis zur Schließung des europäischen Transferfensters am 1. September einen Verein zu finden.
Frankfurt ist interessiert an Atubolu
Ein ernsthafter Interessent ist zumindest dazu gekommen. Eintracht Frankfurt möchte Atubolu gerne holen, um eine fatale Fehleinschätzung in Bezug auf die eigenen Torhüter zu korrigieren. Ursprünglich wollte der Tabellenachte mit Kaua Santos als Stammkeeper in die Saison gehen. Doch dann kam es in der Vorbereitung zu einem katastrophalen Testspiel-Auftritt beim FC Brentford. Mit 0:7 kam die Eintracht unter die Räder. Kaua Santos unterliefen schwere Patzer. Erinnerungen an die vergangene Saison, als der Brasilianer seinen Stammplatz an Michael Zetterer verloren hatte, wurden wach und führten zu einem Umdenken. Zumal auch Zetterer vom neuen Trainer Adi Hütter nicht als stark genug eingeschätzt wird.
Für Atubolu könnte ein Wechsel zur Eintracht also die Möglichkeit sein, einen Karriereknick doch noch abzuwenden. Das Problem ist nur: Die Frankfurter, deren Personalkosten in den vergangenen Jahren stark angewachsen sind, müssen nach dem Verpassen des Europapokals einen deutlichen Transferüberschuss erwirtschaften. Den Freiburgern, die selbst für Backhaus 12 Millionen Euro an Werder Bremen gezahlt haben, schwebt dagegen eine Ablöse von etwa 15 Millionen vor.
Für einen der hoffnungsvollsten deutschen Keeper bedeutet dies: Die Zukunft bleibt kompliziert.
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