Das Video genießt längst Kultstatus, die Sequenz geht seit zweieinhalb Jahren um die Welt. Und doch lohnt es, sich die unscharfen Ausschnitte in diesen Tagen noch einmal in Ruhe anzuschauen. Nur um sich zu vergewissern, dass der Ausnahmezustand, den die Dartszene gerade erlebt, durchaus vorhersehbar war, zumindest nicht überraschen kann.
Es ist ein Zusammenschnitt, der Luke Littler beim Dartspiel zeigt. Mit Magnetpfeilen bearbeitet er aus kurzer Distanz ein Dartboard, das ihm sein Vater im Ein-Euro-Shop besorgt hatte. Mal mit Kappe, mal im Steven-Gerrard-Trikot. Mal brabbelt er danach eine „One-hundred-eighty“ in die Kamera, mal trommelt er mit seinen Fäusten gegen die noch schmale Brust oder grinst mit stark schielendem Blick in die Kamera. Was sich aber nicht ändert, ist seine Technik. So wackelig die Bilder, so glatt und sauber sein Wurf. Das Frappierende: Er ist auf den zusammengeschnittenen Filmchen zwischen eineinhalb und drei Jahre alt.
Heute ist er zweifacher Weltmeister im Darts, gewann Ende Juli gerade sein 15. Major-Turnier, verdient mit seinem Sport Millionen und löste in Großbritannien einen Boom aus. Er wurde in seiner Heimat im vergangenen Jahr zum Sexiest Athlete 2025 gewählt, 2024 war er bei der Wahl zum Sportler des Jahres auf Platz zwei gelandet. Wegmarken einer außerordentlich erfolgreichen Vita, die eigentlich für mehrere Sportlerleben reichen, doch Littler ist erst seit zweieinhalb Jahren bei den Profis dabei. Er feierte am 21. Januar seinen 19. Geburtstag.
Der 15. Major-Titel seiner Karriere: Luke Littler gewann im Juli wieder mal das World MatchplayErfolge, die Fragen aufwerfen: Was und wie viel ist möglich? Wo soll das noch hinführen? Und was bedeutet die Dominanz für das Interesse der Öffentlichkeit an der seit vielen Jahren enorm wachsenden Sportart? Der Teenager ist so einsam in der von ihm definierten neuen Spitzenklasse, dass es auf diesem Planeten schlichtweg keine Gegner mehr für ihn gibt und mancher die Apokalypse kommen sieht. Es droht der GAU, das Schlimmste, was im Sport, insbesondere im professionell betriebenen, passieren kann: Langeweile. Denn wer schaltet noch ein, wenn der Sieger schon vor Turnierbeginn feststeht?
Die wichtigsten Events der Professional Darts Corporation (PDC) sind die Majorturniere. Elf gibt es davon pro Jahr. Und seit Littlers erstem Triumph beim Grand Slam of Darts im November 2024 hat er 15 der 22 ausgetragenen Events gewonnen, darunter jahresübergreifend die vergangenen acht in Folge. Noch einmal: Er ist 19 Jahre alt – und wird immer besser.
Adrian Geiler zieht Littler-Vergleiche
Siegesserien sind im Sport nichts Ungewöhnliches. Der pakistanische Squashspieler Jahangir Khan blieb zwischen 1981 und 1986 555 Spiele ungeschlagen. Esther Vergeer schaffte im Rollstuhltennis 470 Siege hintereinander und beendete nach zehn Jahren der Unbesiegbarkeit 2013 ihre Karriere. Statistiken aus der Nische. Wer es prominenter mag, stößt auf Edwin Moses, der von 1977 bis 1987 über 400 Meter Hürden 122 Mal als Erster ins Ziel lief.
Rückschlüsse auf die Auswirkungen bei Fans und TV-Reichweiten lassen sich aber mangels öffentlichen Interesses am Hürdenlauf auch daraus nicht ziehen. Man könnte auf Tennis verweisen, wo die Konsequenzen ausblieben, als Rafael Nadal auf Sand 81-mal hintereinander gewann. Roger Federer blieb jedoch im selben Zeitraum auf Rasen unbesiegt. Und Darts hat keinen Hartplatz, Sand und Rasen. Es gibt dort keine unterschiedlichen Beläge, keine Spezialisten und damit auch keine Abwechslung. Nur Littler.
Momentan ist es noch die Faszination über sein Spiel, die die Langeweile überlagert. Doch das Verhältnis verschiebt sich. Irgendwann wird Weltklasse zur Routine, Exzellenz zum neuen Durchschnitt. Und was dann? Zerstört da gerade einer den Sport, den er selbst groß gemacht hat?
„Darauf gibt es keine einfache Antwort“, sagt Adrian Geiler, Podcaster und TV-Kommentator bei DAZN. „Einerseits kann niemand bestreiten, dass Luke Littler der Dartswelt guttut. Sein kometenhafter Aufstieg hat unzählige Menschen mit Darts infiziert, vor allem junge. Er hat einen gewaltigen, lukrativen Dartsboom ausgelöst, von dem alle im Darts profitieren. Und es hat etwas Magisches, etwas Faszinierendes, wenn er alles trifft.“
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Der ausgewiesene Darts-Experte zieht einen interdisziplinären Vergleich: „Topstars im Flow erleben zu dürfen, ist geil. Da ist Littler in einer Kategorie mit dem fünfmaligen Toursieger Tadej Pogačar oder dem Dauersieger der Stabhochspringer, Mondo Duplantis. Nur für den würde ich mir einen Olympiaabend im Fernsehen anmachen. Auch wenn ich weiß, dass er höchstwahrscheinlich gewinnt. Das ist das Besondere an Sport-Superstars. Aber auf der anderen Seite kann auch keiner verneinen, dass Darts Langeweile droht. Sport lebt vom Unvorhersehbaren. Dass wir wissen, dass wir nichts wissen.“
Mittlerweile haben jedoch selbst die zweit-, dritt-, viert- und fünftbesten Spieler verinnerlicht, was ihnen bevorsteht, wenn der 1,70 Meter große Engländer neben ihnen auf der Bühne auftaucht. Wir sehen Littlers Gegner während der einseitigen Duelle ungläubig lachen, manche sogar applaudieren. Der Best of the Rest hat resigniert. Selbst Gerwyn Price, der ehrgeizige Darts-Kraftprotz mit der „Niemals-aufgeben“-Attitüde, schwenkte angesichts von sechs gegnerischen Highfinishs im Finale des World Matchplay vor einigen Wochen irgendwann die weiße Fahne und winkte nur noch ab.
Littler spielte mit zehn Jahren schon in der U-21-Liga
Spitzenleistungen sind in Littlers Spiel nicht neu. Nur bis zu seinem sechsten Lebensjahr habe es gedauert, bis der Junge seine erste 180 warf, sagen seine Eltern, der Taxifahrer Anthony Buckley und die in einem Geschäft für Kerzen angestellte Lisa Littler. Als er mit 13 das perfekte Spiel, den Neun-Darter, schaffte, spielte er schon seit drei Jahren in der U21-Liga mit.
Es war auch die Zeit, in der er seinen Spitznamen erhielt: The Nuke – die Kernwaffe. Einziges Kriterium war der Reim auf Luke. Doch tatsächlich zündete Littler wie eine Atombombe. Gleich in seinem ersten Profijahr 2024 war er in Großbritannien die am dritthäufigsten gegoogelte Person. Nur Kate Middleton und Donald Trump wurden von den Briten noch häufiger gesucht. Das Wunderkind wurde hofiert und dekoriert, unterschrieb millionenschwere Werbeverträge, unter anderem bei Xbox.
Wie heftig die Druckwelle war, die er als 16-Jähriger bei seinem WM-Debüt im Dezember 2023 verursachte, dokumentiert die Entwicklung der Anzahl seiner Instagram-Follower recht anschaulich. Ein paar Hundert waren es im Vorfeld der Weltmeisterschaft, 3.944 bei seinem erfolgreichen Start. Nach seinem Finaleinzug lag er bei 700.200. Fünf Tage darauf knackte er als erster Dartspieler die Millionenmarke. Seitdem hat er auf der WM-Bühne kein Match mehr verloren. Es gab in der PDC-Geschichte 49 verschiedene Major-Sieger. Doch nur Legende Phil Taylor und Michael van Gerwen haben mehr als Littler. Noch.
Hallo, ich bin der Neue: Luke Littler bei der Darts-WM 2024Follower, Bestmarken, Titel – Littler passiert die Meilensteine im Zeitraffer und löscht dabei die Konkurrenz aus wie ein Feuerball, in dessen Zentrum alles Leben verdampft.
Die Atombombe wurde nach ihrer Erfindung von Forschern als Meisterwerk der Naturwissenschaft gepriesen, ein physikalisches Wunder. Das Ausmaß der Schäden, die Schattenseite der Innovation, wurde erst deutlich, nachdem alles vernichtet war. Es ist der Punkt, dem sich die Dartszene gerade nähert.
Littlers Mondlandung beim World Matchplay
Das Talent zeigte sich schon im Kindesalter, das Potenzial zu Außerordentlichem war über all die Jahre immer wieder sichtbar geworden. Nun hat Littler seinem Spiel aber auch noch Konstanz hinzugefügt. Das, was früher vereinzelte Sternstunden waren, wuchs sich zu einem Dauerzustand aus. Zu bestaunen zuletzt beim World Matchplay, wo er geradezu aberwitzige Bestmarken setzte.
Littler warf dort über alle fünf Turnierrunden 68 180er und kam in seinen insgesamt 107 Legs auf einen Durchschnitt von 111,04 Punkten pro Aufnahme. Er lag damit satte fünf Zähler über dem 16 Jahre alten Rekord von Phil Taylor. In den jeweils ersten drei Aufnahmen pro Leg, dem sogenannten First-9-Average, stand er am Ende der Tage von Blackpool bei 122,84 Punkten pro Aufnahme. Und in keinem seiner Matches sank sein Average unter 109.
Noch zu seiner Anfangszeit genügten in der Weltspitze 13, 14 oder 15 Pfeile, um die 501 Punkte als Erster auf null zu spielen. Beim World Matchplay benötigte Littler nur zwölf. Nicht einmal oder zweimal, sondern im Durchschnitt. Über das gesamte Turnier. Der Teenager definiert den Maßstab des Machbaren neu und verschiebt konsequent die Grenzen.
Unglaubliche Zahlen, die obendrein noch auf Wegen zustande kommen, die bislang nicht gespielt wurden. Mathematische Wahrscheinlichkeiten werden außer Kraft gesetzt, wenn sich jemand bewusst die Doppel-15 stellt. Mittlerweile wagt es niemand mehr, die unkonventionellen Entscheidungen zu hinterfragen. Mit welchen Argumenten auch? Littler ist seit neun Monaten die Nummer eins der auf Grundlage des binnen 24 Monaten gewonnenen Preisgelds errechneten Weltrangliste, durchbrach beim World Matchplay als erster Spieler der Historie die 3-Millionen-Pfund-Marke und hat in den zwei Jahren mehr Börse gemacht als die Nummer zwei, drei und vier zusammen.
Netflix hilft bei der Suche nach Gegnern für Littler
„Das World Matchplay war vielleicht eines meiner besten Turniere überhaupt“, sagte er vorsichtig. „Ich glaube, das war die großartigste Leistung eines Dartspielers aller Zeiten“, wertete Geiler. Zwei Aussagen, die sich keineswegs ausschließen – und schon in ein paar Wochen doch wieder überholt werden könnten.
Denn die Dominanz wird anhalten. Sportlich liefert er keine Angriffspunkte. Der Einzige, der überhaupt das Potenzial besitzt, um ihn in die Knie zu zwingen, ist sein Stolz. Der sorgt immer wieder dafür, dass das Wunderkind sich mit den aufgrund der Monotonie zunehmenden Antipathien der Zuschauer beschäftigt. Auf der Bühne wie in den sozialen Netzwerken. Und Ablenkung ist in dem Mentalsport Gift.
Nicht einverstanden: Luke Littler legte sich während und nach seinen Matches schon häufiger mit den Fans anAnsonsten kann der Zuschauer sich nur damit trösten, dass sich im professionellen Dartsport gerade ein Trend verstärkt, dass die Topspieler und vor allem Littler nicht mehr für alle kleineren Turniere auf der Tour melden.
Geduld ist gefragt. Bis die Bombe platzt und „The Nuke“ Motivation und Spaß verliert, nur noch gegen alte Rekorde und Bestmarken anzutreten. Oder aber ein Thronfolger die Bühne betritt. Mitchell Lawrie etwa, ein 15-jähriger Schotte, besitzt großes Potenzial. Ob das jedoch reicht, um die Dominanz zu brechen? Unwahrscheinlich.
Da klingt ein neues Netflix-Format fast schon nach Verzweiflung. In einer Liveshow am 30. Oktober dürfen 20 Spieler den Star herausfordern. Wer ein Leg gewinnt, erhält 501.000 Pfund. Jeder kann sich anmelden. Über eine Qualifikation werden die besten herausgefiltert.
Letztlich ist es nicht anders als auf der Profitour: Es gilt, den einen zu finden, der Luke Littler schlagen kann. In diesem Fall reicht dazu ein Leg. Aber auch das erscheint in diesen Zeiten schon schwierig genug.
Lutz Wöckener war im Alexandra Palace dabei, als Luke Littler im Dezember 2023 erstmals die WM-Bühne betrat. Wenn er ansonsten nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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