Es sind die letzten Meter eines Rennens, das in die Geschichte eingehen wird. Fast niemand mehr auf den Zuschauerrängen der Olympiahalle von Paris sitzt auf seinem Platz. Unten im Becken krault der deutsche Shootingstar Johannes Liebmann ruhig, kraftvoll und unfassbar schnell dem Anschlag entgegen. Am Mittwoch schon hatte der 19-Jährige über 800 Meter Freistil EM-Gold mit neuem Europarekord gewonnen – das hier wird größer.
Als er anschlägt, blinkt eine nie dagewesene Zeit auf der Anzeigetafel: 14:26,79 Minuten. Der bisherige Weltrekord des Amerikaners Bobby Fink aus dem Jahr 2024 lag bei 14:30,67 Minuten – Liebmann hat ihn pulverisiert.
Er braucht, um das zu realisieren. Als er die Schwimmbrille hochnimmt und auf die Anzeigetafel blickt, ist der Jubel in der Halle längst riesig. Im Block des deutschen Teams schlagen sie fassungslos die Hände über dem Kopf zusammen und schauen sich so ungläubig wie euphorisch an. Liebmann muss erstmal durchatmen. Dann setzt er sich auf die Leine, macht es dem deutschen Team nach – und streckt dann die Hände gen Hallendach. Was für ein Rennen, was für eine Zeit.
Fassungslos: Johannes Liebmann. Daneben Bronzemedaillengewinner Oliver KlemetSilber sicherte sich mit deutlichem Abstand der Ungar Zalan Sarkany (14:39,45 min.). Bronze geht an Liebmanns Magdeburger Teamkollegen Oliver Klemet (14:40,64), der bereits über zehn Kilometer im Freiwasser Dritter geworden war.
Als der neue Weltrekordhalter aus dem Becken steigt und sich in der Halle umblickt, scheint er es immer noch nicht fassen zu können. Liebmann legt die Hände aufs Herz – und schlägt sie dann erneut überm Kopf zusammen.
Liebmann: „Eine heftige Zeit“
Es ist eine Saison, mit der nicht mal die kühnsten Optimisten gerechnet haben dürften: Liebmann, der 2024 und 2025 Medaillen bei Junioren-Europameisterschaften gewonnen hatte, schwimmt erst seit dieser Saison im Elitebereich. Bei den Kurzbahneuropameisterschaften im Dezember beeindruckte er bereits als Vierter über 400 Meter und 800 Meter Freistil und erzielte jeweils einen Junioren-Weltrekord.
Als er im April dann mitten in den Abiturprüfungen steckte, schwamm Liebmann bei einem Meeting in Stockholm Europarekord über 800 Meter Freistil und setzte sich über 1500 Meter an die Spitze der Weltjahresbestenliste. Nun diese triumphale EM in Paris. Nach seinem Weltrekord verblüffte er beim ZDF-Interview am Beckenrand erneut.
Stolze Medaillengewinner: Johannes Liebmann (Mitte), Zalan Sarkany (l.) und Oliver Klemet„Das Ziel war von vorneherein, mein Ding zu machen und schnell anzugehen. Dass es wehtun wird, war mir eigentlich auch klar, aber am Ende dann die Zeit zu sehen – das ist unglaublich“, sagte er. Was in seinem Kopf vorgehe? „Viel und wenig gleichzeitig. Ich kann das nicht in Worte fassen, weil es zum einen ja eigentlich nur eine normale Bestzeit für mich ist. Aber zum anderen eben auch so eine heftige Zeit, bei der ich mir vielleicht Gedanken mache, ob ich da jemals wieder rankomme. Ob ich das Hoch jemals wieder treffen werde, weiß ich nicht. Aber ich hoffe es.“ Oliver Klemet, der danebenstand, zog bei den Worten seines Teamkollegen lächelnd die Augenbrauen hoch.
Wie er das alles einordne, will die Moderatorin wissen – auch mit dem Blick auf das geschaffte Abitur. „Das ist eine sehr, sehr interessante Frage. Den Weltrekord muss ich natürlich eigentlich nach ganz oben setzen, klar“, sagt er. „Aber das Abi war mir auch sehr wichtig. Der Sport ist nicht alles. Und dass ich jetzt den höchsten Bildungsabschluss, den es in Deutschland gibt, habe, zeigt, dass ich nach dem Sport gut weitermachen kann.“ Darum mache er sich im Moment aber noch nicht so viele Sorgen. Erstmal den Moment genießen.
Das taten danach auch die deutschen Staffelschwimmer über 4 × 200 Meter Freistil Mixed. Hinter Großbritannien gewannen Lukas Märtens, Jarno Bäschnitt, Linda Roth und Maya Tobehn Silber.
Von Elmshorn aus in die weltbeste Trainingsgruppe
Der Mann des Tages – oder eigentlich dieser EM – aber ist Johannes Liebmann. „Ein überwältigendes Rennen“, schwärmte DSV-Sportdirektor Christian Hansmann. Von Beginn an war der 19-Jährige dem Feld mutig davongeschwommen – wendete nach 400 Metern in 3:48,38 Minuten. Ein Höllentempo, das er halten konnte.
Zalan Sarkany feiert Liebmann„Das war wirklich fantastisch“, sagte Hansmann. „Seine Entwicklung hat in Elmshorn begonnen, dort wurden die Grundsteine gelegt.“ Und dort wurde am Samstagabend ebenso gefeiert wie in Paris. Während Liebmanns Eltern in Frankreich auf der Tribüne mit ihrem Sohn jubelten, hatten sich Freunde und Bekannte auf einem Hof in Horst bei Elmshorn zusammengefunden – zum Public Viewing im Kuhstall.
Aus Elmshorn wechselte der gebürtige Eckernförder mit 16 Jahren aufs Sportinternat nach Magdeburg. Dort trainierte er erst bei Nachwuchscoach Stefan Döbler und seit März 2025 bei Bernd Berkhahn in der Weltklasse-Trainingsgruppe mit 400-Meter-Olympiasieger und Weltrekordhalter Lukas Märtens, Freiwasser-Olympiasieger Florian Wellbrock und dem Olympia-Zweiten Oliver Klemet. „Das ist die beste Gruppe, die es wahrscheinlich weltweit im Ausbaubereich gibt“, sagt Hansmann. Liebmann ist dort zum Weltrekordhalter gereift.
Ausgiebig feiern kann er am Samstagabend allerdings nicht – Sonntagvormittag springt er im Vorlauf über 400 Meter Freistil ins Rennen. Genau wie Märtens, Klemet und der WM- und EM-Zweite Sven Schwarz. Von den vier deutschen Schwimmern dürfen allerdings nur zwei im Finale antreten …
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