Wenn Darja Varfolomeev ins Scheinwerferlicht tritt – egal, ob mit Ball, Reifen, Keulen oder Band – und so atemberaubend wie elegant zur Musik Unglaubliches zeigt, verzaubert und verblüfft sie. Eine junge Frau vom anderen Stern mit einem besonderen Talent und einem riesigen Willen. Bei Autogrammstunden wiederum ist sie – der Dinge gelingen, die unmöglich scheinen – dann ganz nahbar. Und der Andrang ist stets riesig. Kürzlich in Mailand, beim Weltcupfinale, war das Interesse sogar derart groß, dass es nicht mehr zu bewerkstelligen war. Aus Sicherheitsgründen musste sogar abgebrochen werden.
Darja Varfolomeev, daran besteht kein Zweifel, ist zum Sportstar avanciert. Fünfmalige Weltmeisterin mit gerade mal 16, Olympiasiegerin mit 17, Deutschlands Sportlerin des Jahres 2024, erneut fünf WM-Titel mit 18, und darüber hinaus eine Athletin mit interessanter Geschichte – Varfolomeev hat die Rhythmische Sportgymnastik hierzulande ins Rampenlicht geholt und verändert. Jahrelang fristete die Disziplin selbst unter den kleinen Randsportarten ein Schattendasein. Doch dank Varfolomeevs Strahlkraft erlebt die Sportart hierzulande in mehrfacher Hinsicht einen Aufschwung – da kommen die Weltmeisterschaften ab Mittwoch in Frankfurt zum optimalen Zeitpunkt.
„Rhythmische Sportgymnastik“, schwärmt die 19-Jährige aus Schmiden in Baden-Württemberg, „verbindet Kraft, Eleganz, Präzision und Kreativität auf eine ganz besondere Weise. Viele Menschen sind überrascht, wie spektakulär und anspruchsvoll dieser Sport tatsächlich ist, wenn sie ihn zum ersten Mal live erleben. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen diese Faszination entdecken – und dass Kinder dadurch Lust bekommen, selbst Sport zu treiben.“
Schweres leicht aussehen lassen: Darja VarfolomeevDer Aufschwung hierzulande lässt sich medial, am Zuschauerinteresse vor Ort, am Zustrom in den Vereinen und an den Leistungen erkennen. Dass kürzlich zu den deutschen Meisterschaften in Hannover mehr als 3000 Zuschauer kamen, war Rekord. Wer noch Tickets für die Finals bei der Heim-WM (14.–16.8.) kaufen möchte, kommt lange zu spät. Sie waren blitzschnell ausverkauft. Auch die Qualifikations-Wettkämpfe werden sehr gut besucht sein. Dass die Finals teils live, teils als Zusammenfassung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen, ist ein weiteres Indiz – und gleichermaßen eine Chance.
Die meisten Mädchen beginnen zwischen fünf und sieben
Wo Vorbilder wie Varfolomeev strahlen, die dazu medial und in den sozialen Netzwerken präsent sind, entsteht auch Neugier und Interesse bei Kindern. „Die Teilnehmerzahlen bei nationalen Wettkämpfen im Schülerinnen- und Juniorinnenbereich sind gestiegen“, berichtet Isabell Sawade, Teamchefin der deutschen Gymnastinnen. „Insgesamt steigt der Zulauf an Athletinnen. Und wir haben auch moderat steigende Zahlen bei den Trainerausbildungen.“
Die meisten Mädchen beginnen zwischen fünf und sieben Jahren – spielerisch. Sawade nennt es eine „tänzerische frühkindliche Erziehung“, erst danach wird mit der Grundlagenausbildung begonnen. Bei den Topathletinnen besteht die Woche später aus Balletttraining, individuellem Athletiktraining sowie den sportartspezifischen Einheiten. „Hinter den wenigen Minuten auf der Wettkampffläche stecken unzählige Trainingsstunden und eine enorme mentale Stärke“, sagt Varfolomeev, die auf knapp 40 Stunden pro Woche kommt.
Perfektion: Darja Varfolomeev mit den KeulenSie selbst begann als Dreijährige in ihrer Heimat Sibirien und zog mit 13 für den Sport nach Deutschland, die Heimat ihrer Großeltern. Varfolomeev biss sich durch, lernte die Sprache, trainierte, ging zur Schule. Alles für den Traum von Olympia.
Das perfekte Einstiegsalter hängt von den Zielen und den vorherigen sportlichen Aktivitäten ab. „Mit zehn Jahren kann man auf jeden Fall noch anfangen. Die meisten späteren Topathletinnen haben zwar deutlich früher begonnen, aber es ist nicht unrealistisch, es dann noch weit zu schaffen“, sagt Sawade. „Bei einem Start mit 14 wirst du keine Weltmeisterin mehr, aber es gibt ja nicht nur den Leistungsgedanken.“ Die Vereine bieten auch andere Gruppen an.
„Jungen Mädchen zeigen, dass sie alles schaffen können“
Die Entwicklung im Spitzensport ist nach außen am sichtbarsten. Vor fünf Jahren noch fand Deutschland auf der Weltkarte der Rhythmischen Sportgymnastik kaum statt. „Wir waren genau am anderen Ende der Tabelle“, sagt Sawade. Bei den Olympischen Spielen in Tokio trat keine deutsche Athletin an. „Wir hatten keine Mittel. Jetzt sind wir bei großen Wettkämpfen oft die erfolgreichste Nation.“ Ein riesiger Sprung. Einer, der viel mit Varfolomeev zu tun hat, aber nicht nur. In Schmiden, einem von drei Bundesstützpunkten, entwickelte sie sich erst zur Weltklasseathletin – die Bedingungen dort unter den Trainerinnen Yuliya und Natalia Raskina passten. Mittlerweile hat sich dort eine starke Trainingsgruppe formiert.
Varfolomeev selbst geht es um mehr. „Gerade jungen Mädchen möchte ich zeigen, dass sie alles schaffen können, wenn sie an sich glauben und bereit sind, dafür zu arbeiten“, sagt sie. „Ich möchte Menschen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich nicht entmutigen zu lassen.“
Sie ist die Frontfrau mit Strahlkraft. Aber, und das ist wichtig für nachhaltigen Aufwind, keine Einzelkämpferin mehr.
Die deutschen Athletinnen für die Weltmeisterschaften (l-r): Anna-Maria Shatokhin, Helena Ripken, Anastasia Simakova, Lada Pusch, Darja Varfolomeev, Anja Kosan, Alisa Datsenko und Alina OttIn ihrem Sog sind auch andere Athletinnen gewachsen: Bei den Olympischen Spielen in Paris schrammte Margarita Kolosov als Vierte nur knapp an Edelmetall vorbei, Anastasia Simakova wurde 2025 WM-Dritte mit dem Reifen. Lada Pusch, 2023 Zweite bei der Junioren-WM mit dem Ball, belegte gerade in Hannover Platz zwei im Mehrkampf hinter Vafolomeev. Oder Melissa Diete – sie gewann bei den Europameisterschaften der Juniorinnen dieses Jahr zwei Medaillen.
Lada Pusch zeigt nach den Einzelfinals bei den Deutschen Meisterschaften ihre MedaillenDas gestiegene Interesse bringt auch Herausforderungen mit sich. „Manche Vereine können den Zulauf nicht bewerkstelligen, weil die Hallenzeiten und Trainer dafür nicht ausreichen. Sie führen Wartelisten oder müssen selektieren“, sagt Sawade.
Für die besten Athletinnen ist der Terminkalender zudem voller geworden – durch Shows, Medientermine und Einladungen. „Uns freut das natürlich, aber die Organisation ist etwas komplexer geworden“, sagt Sawade, die noch etwas anderes beobachtet: „Mit Darjas Erfolg sind die Ambitionen einiger Eltern gestiegen. Manche Mutter denkt jetzt, ihre Tochter ist die nächste Darja. Vorher glaubte wahrscheinlich niemand daran, dass es möglich ist, in Deutschland zu trainieren und WM-Titel zu gewinnen.“
Wie golden gänzt der Erfolg?
Die Begeisterung für die Olympiasiegerin – nicht nur in Deutschland – bedeutet allerdings nicht, dass Varfolomeev nun Reichtümer ansammelt. Die direkten Einnahmen aus dem Spitzensport selbst, zumal in der Rhythmischen Sportgymnastik, sind begrenzt und überschaubar. Die 19-Jährige, die im vergangenen Jahr die mittlere Reife abschloss, wohnt weiterhin bei ihrem Vater und betont gern, dass ihre Karriere ohne die Unterstützung ihrer Eltern – auch finanziell – nie möglich gewesen wäre. Das galt vor allem damals, auf dem Weg an die Spitze, aber auch heute wäre es sonst zumindest schwieriger.
Aufgrund ihrer Erfolge erhält sie mittlerweile monatlich 800 Euro Sportförderung, außerdem übernimmt der Deutsche Turner-Bund Ausgaben und Reisekosten. Die 30.000 Euro für das Olympiagold stammten von der – privaten – Stiftung Deutsche Sporthilfe. Sie mussten allerdings versteuert werden und gingen zum Großteil wieder direkt in den Sport. Glück hat Varfolomeev bei den aufwendigen Anzügen, die sie selbst finanzieren müsste: Eine Frau aus Portugal, ein Fan von ihr, näht sie ihr kostenlos.
Auf der anderen Seite steht die Vermarktung. Olympiasieg, elf WM-Titel, Sportlerin des Jahres – all das in jungen Jahren und in einer knallharten Sportart, dazu ihre außergewöhnliche Geschichte: Die Sponsoren müssten Schlange stehen. Doch so einfach ist das nicht. Inzwischen aber wird Varfolomeev von vier Partnern und Sponsoren unterstützt, darunter ein engagierter Hauptsponsor, wodurch sich ihre Situation deutlich verbessert hat. Auch die Nachfrage nach Galas, Auftritten und Master Classes ist stark gestiegen. Insgesamt ist die Situation dennoch weniger glänzend als ihre goldenen Erfolge.
Ausgezeichnet: Darja Varfolomeev hält bei der Gala für die Wahl zum „Sportler des Jahres 2024“ ihre Siegertrophäe„Die Realität im Spitzensport ist oft komplexer, als es von außen wirkt“, erklärt Varfolomeevs Managerin, Dafne Kärcher. „Sichtbarkeit entsteht nicht automatisch mit Erfolgen, sondern hängt stark von medialer Präsenz, Reichweite und der jeweiligen Sportart ab. Gerade bei olympischen Disziplinen braucht es deshalb manchmal einen genaueren Blick, um das Potenzial wirklich zu erkennen.“
Heißt: Der Kampf um Sponsoren ist hart. Zwar ist die Rhythmische Sportgymnastik stärker in den Fokus gerückt ist, doch sie bleibt eine Randsportart. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen mittlerweile auf klassische, reichweitenstarke Influencer außerhalb des Spitzensports setzen. Entspannter Lifestyle schlägt oft Leistung in einer Gesellschaft, der zumindest in Teilen der Leistungsgedanke abhanden gekommen ist. Diesen verkörpert Varfolomeev. Ebenso wie Erfolg, Disziplin, den festen Glauben an sich selbst und seine Träume, dazu Anmut und Eleganz. Eine Mischung, die sie mittlerweile weit über ihre Sportart hinaus bekannt gemacht hat. Auch in den sozialen Medien hat sie sich mit rund 143.000 Instagram-Followern eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut.
Jetzt also die WM in Frankfurt. Für die gesamte Sportart hierzulande eine große Chance. Tage im Scheinwerferlicht, die sie nutzen will.
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