Niklas Schäck sagt: „Weit werfen kann ich nicht, aber ganz gut zielen.“ Einwürfe macht der 18-Jährige also. Die lässt er sich nicht nehmen. Die rechte Hand am Ball, links die Kugel irgendwie eingeklemmt.

Dem Fußballspieler fehlt von Geburt an der linke Unterarm. Aber das stört ihn nicht. Mit der U19 des Halleschen FC spielt er in der Nachwuchsliga des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf der linken Außenbahn. „David Raum finde ich gut, aber zuletzt wurde ich öfter als Stürmer eingewechselt“, so Schäck.

Schäck kam in Nürnberg auf die Welt. Als der Opa in Halle/Saale schwer krank wurde, zog die Familie, die vor Niklas’ Geburt nach Franken gegangen war, zurück in die Heimat. Dorthin, wo der Vater einst beim VfL Halle 96 in der damals drittklassigen Regionalliga kickte.

Nun ist Schäck selbst auf dem Sprung nach oben. Sein Traum: „Im HFC-Stadion für die Profis spielen.“ Die dümpeln in der vierten Liga vor sich hin. Schäck will mehr: „Ich habe nur einen Arm und will in die Bundesliga!“ Lieblingsverein dort: Borussia Dortmund.

Social Media ist sein großes Hobby

Auf dem Weg zum großen Ziel kann man ihn begleiten. Social Media ist sein großes Hobby. Gut 13.000 Follower bei Instagram, mehr als doppelt so viele bei TikTok. „Ich will die Leute zu Spielen mitnehmen und mein Leben zeigen. Ich habe so viele mit einem Arm kennengelernt, die mich als Inspiration sehen. Ich bin gefühlt der Einzige, der mit einem Arm so hochklassig spielt. Ich will den Leuten zeigen, dass man es auch mit Einschränkungen schaffen kann.“

Sonderbehandlung gibt es nicht, außer da, wo man den zweiten Arm bräuchte. Bei Klimmzügen zum Beispiel. „Ich muss sonst immer voll mitmachen und werde im Training nicht anders behandelt.“

Ausgegrenzt hat sich der Linksfuß (Lieblingsspieler: Lionel Messi) nie gefühlt – obwohl Kinder auch grausam sein können. Schäck: „Die Reaktionen waren eigentlich immer gut. Anfangs wurde ich eher unterschätzt, aber dann haben sie gesehen, dass ich am Ball was kann, und dann nahmen sie mich an wie jeden anderen auch.“

Früh am Ball: Niklas Schäck als Baby

Nur einmal wurde er von einem Gegenspieler richtig böse provoziert. „Er sagte zu mir: ‚Ich schneide dir noch den zweiten Arm ab!‘ Im ersten Moment war ich echt traurig, habe auch nach dem Spiel geweint. Aber ich sagte mir schnell: Ich bin schon im Nachwuchsleistungszentrum, warum soll ich mich beleidigen lassen? Ich konnte fortan damit sehr gut umgehen.“

Heute weiß Schäck: „Ich will da drüberstehen. Das damals hat mich im Nachhinein nur stärker gemacht. Ärgert mich jemand, gehe ich in der nächsten Situation schon mal härter in den Zweikampf. Aber meist zollen mir die Spieler Respekt für das, was ich leiste.“

„Mit zwei Armen wäre ich noch schneller“

Seine Stärke: „Mein Coach sagt, von der Mentalität her bin ich wie Joshua Kimmich.“ Seine Schwächen: „Ich bin schnell, aber mit zwei Armen wäre ich noch schneller. Ich kann halt nicht so Schwung holen.“ Und im Zweikampf? „Muss ich mit dem Ellenbogen arbeiten, der noch da ist.“ Und wie ist das einarmig im Gerangel vorm Tor bei Ecken und Freistößen? Niklas lacht: „Dabei muss ich mich nicht wehren, denn die Standards trete ich selbst.“

Für den Alltag hat Schäck übrigens eine Prothese. „Aber die benutze ich selten. Ich kann eigentlich alles so.“ Wie zum Beispiel den Führerschein. Der Linksfuß: „Ich kann mit einem Knauf lenken, an dem Tasten für die Blinker und Ähnliches sind. Da brauche ich keinen zweiten Arm am Lenkrad. Für alles andere als Schnürsenkel binden habe ich eine Technik.“

Hätte er manchmal vielleicht doch gern den linken Arm? „Ich kenne es nicht anders, daher vermisse ich nichts. Ich weiß ja nicht, wie ein Leben mit zwei Händen ist. Und im Alltag komme ich sehr gut klar.“ Fußball ist übrigens nicht seine einzige sportliche Leidenschaft. Auch Darts liegt ihm. „Ich habe sogar schon ein Turnier gespielt.“

Um sich aber nicht nur auf eine eventuelle Profikarriere zu verlassen, baut er vor: „Ich mache eine Lehre als Kaufmann für Büromanagement. Das war meinen Eltern sehr wichtig. Es gibt Hunderte Spieler in der Nachwuchsliga, die in die Bundesliga wollen. Wie viele schaffen das aber?“

Arda Saatci als Vorbild

Sein Vorbild ist kein Fußballer, sondern Extremsportler Arda Saatci. „Der hat mich mit seinem Lauf über 600 km sehr motiviert.“ Sonst hört Schäck gern Deutschrap – und Michael Jackson. „Der läuft auch in der Kabine manchmal.“

Vergangene Saison landete Schäck mit Halle in seiner Staffel auf Platz fünf. In 24 Spielen kam er zum Einsatz, meist als Einwechselspieler. Nächste Saison will er durchstarten.

Doch ein Gewinner ist er schon jetzt. Niklas Schäck zeigt der Gesellschaft, dass eine körperliche Einschränkung nicht das Ende aller Kindheitsträume sein muss.

Der Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORT BILD, BILD AM SONNTAG) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.

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