Inmitten des Aufstands gegen seine Fifa-Herrschaft dachte Gianni Infantino noch an Bastian Schweinsteiger. Der nach seinem krachend gescheiterten Investorendeal mit Rücktrittsforderungen attackierte Schweizer beglückwünschte den Fußball-Weltmeister von 2014 zum 42. Geburtstag. „Kampfgeist“ und „Führungsqualitäten“ lobte der angezählte Infantino. Ihm selbst würden beide Eigenschaften helfen, will er eine Rebellion überstehen, die nicht mehr nach dem Ob, sondern vielmehr nur noch nach dem Wann fragt.
Infantino erlebt gerade eine fast schon irre Dynamik im Kampf um Macht und Geld. Noch vor zwei Wochen durfte sich der 56-Jährige bei der WM auf dem Gipfel fühlen. Die erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragene Endrunde in den USA, Kanada und Mexiko konnte Infantino trotz aller Empörung als vollen Erfolg verkaufen. Rund 13,1 Milliarden Euro soll die XXL-WM an Einnahmen generiert haben – mehr als jede andere zuvor.
Dann präsentierte Infantino eine Idee, die er selbst für wohl ziemlich genial hielt. Anteile an den Premium-Produkten des Weltverbandes sollten an private Investoren verkauft werden. Geldgeber hätten rund 20 Prozent der Anteile an dem neu zu gründenden Tochterunternehmen Fifa Forward Enterprise (FFE) erwerben können, dessen Wert zunächst mit 20 Milliarden Dollar beziffert worden war.
Infantinos Pläne zum Machterhalt
Die FFE hätte die kommerziellen Rechte an den Fifa-Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-WM sowie der Klub-WM gebündelt. Infantino hätte in dem Tochterunternehmen Geschäftsführer werden können. Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit der Tochter von US-Präsident Donald Trump, Ivanka, verheiratet ist, hätte über seine Investmentfirma Thrive eine Schlüsselrolle übernehmen sollen.
Laut „Sunday Times“ wollte Infantino nach seiner dritten Amtszeit als Fifa-Präsident (Ende 2031) der neue Oberboss der WM-Firma werden. Mit dem Bericht zufolge 30 Millionen Dollar (26 Millionen Euro) Jahresgehalt – und das noch ohne Bonizahlungen. Dies allerdings bestreitet die Fifa.
Infantino, der schon zuvor mit kontroversen Ideen gescheitert ist, hatte den 211 Fifa-Mitgliedsverbänden für die Zustimmung Berichten zufolge eine Frist bis zum 19. September gesetzt und im Gegenzug Sonderzahlungen in Aussicht gestellt. So sehen Pläne zum Machterhalt aus. Infantinos Vorhaben platzte aber. Und US-Präsident Trump ließ schon mal wissen, mit dem Fifa-Chef über solche Investorenpläne gar nicht gesprochen zu haben. Man geht auf Distanz.
Der Fußball-Weltverband FIFA gibt seine umstrittenen Investorenpläne auf. Der Vorschlag werde nicht weiterverfolgt, erklärte Verbandspräsident Gianni Infantino.Unter der Führung von Präsident Aleksander Ceferin sieht die Europäische Fußball-Union Uefa nun den Moment für einen Kehraus in der Fifa-Zentrale gekommen und legt Infantino den Abschied nahe. „Die derzeitige Fifa-Führung hat nicht nur das Vertrauen der Uefa verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie“, erklärte der europäische Dachverband, nachdem der angeschlagene Infantino angesichts weltweiter Empörung und unter massivem öffentlichem Druck bei seinem heftig umstrittenen Kommerz-Projekt eine peinliche Kehrtwende vollzogen hatte.
„Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er eingefädelt und anschließend durchzusetzen versucht hat, war das genaue Gegenteil von Transparenz“, polterte die Uefa, die sich der Unterstützung des DFB unter Präsident Bernd Neuendorf sicher ist.
Fünf Milliarden Dollar – Geld „ungenutzt auf Bankkonten“?
Man werde nun mit den Mitgliedsverbänden und „in enger Zusammenarbeit“ mit den anderen Konföderationen analysieren, wie es dazu kommen konnte, um eine Wiederholung auszuschließen. „Diese Überprüfung muss gründlich und umfassend sein. Keine Option darf von vornherein ausgeschlossen werden.“ Das soll heißen: Infantino, verschwinde!
Die Uefa warf Infantino Versäumnisse vor und bezog sich auf Rücklagen in Höhe von mehr als fünf Milliarden Dollar, die angeblich „ungenutzt auf den Bankkonten“ des Weltverbandes liegen würden. Diese immensen Summen sollten dem Fußball in den Mitgliedsländern einen „dringend benötigten Impuls“ geben. Die Forderungen nach einem Reformprozess klingen jetzt so wie jene nach dem Abgang Joseph Blatters – der 2016 von Infantino beerbt wurde.
Das Problem sei nie nur dieser eine Vorschlag von Infantino gewesen, meinte Spaniens Liga-Chef Javier Tebas. „Das Problem ist ein Modell der Verbandsführung, das Macht konzentriert, Kontrollmechanismen schwächt und diejenigen an den Rand drängt, die von den Entscheidungen unmittelbar betroffen sind“, schrieb er. „Der Rückzug eines Vorschlags macht das Geschehene nicht ungeschehen. Er ist lediglich die Spitze des Eisbergs.“
Der US-Stürmer Folarin Balogun darf gegen Belgien auflaufen. Eigentlich war der Topscorer wegen einer Roten Karte gesperrt worden. Nach einem Telefonat zwischen Donald Trump und Fifa-Präsident Infantino ist die Sperre jetzt aufgehoben worden. WELT-Reporter Christian Beilfuß berichtet aus New York.Und ganz oben thront noch Infantino, gegen den auch Fifa-intern der Widerstand wächst. Ist die kritische Masse schon erreicht, die ihn gefährden könnte? Die „Times“ schrieb davon, dass sich der Spitzenfunktionär einer außerordentlichen Sitzung des Fifa-Rats stellen könnte, auf der er zum Rücktritt aufgefordert werden solle. Als weitere Möglichkeit wurde genannt, dass mindestens 43 der 211 Fifa-Mitgliedsverbände einen außerordentlichen Kongress einberufen und dort ein Misstrauensvotum stellen.
Und dann? Müsste ein Nachfolger bereitstehen? Infantino will sich eigentlich, wenn alles geordnet zugeht, beim 77. Fifa-Kongress im März nächsten Jahres in Rabat (Marokko) ein weiteres und letztes Mal für vier Jahre wählen lassen. Noch vor wenigen Wochen galt es als nahezu undenkbar, dass er auf dem Weg zu einer neuen Amtszeit straucheln könnte. Das hat sich dramatisch geändert.
Bis zum 18. November können Kandidaten ihre Bewerbungen für die Wahl zum Fifa-Präsidenten einreichen. Wer könnten die Herausforderer sein? Eine Auswahl.
Aleksander Ceferin (58)
Mit dem Nahkampf kennt sich der Uefa-Präsident aus. Aleksander Ceferin war früher Karatekämpfer. Der Rechtsanwalt aus Slowenien gibt sich gerne als Gegenentwurf zu Gianni Infantino, hat beim Europäischen Fußball-Verband aber selbst die Vermarktung vehement vorangetrieben. Quasi zum Ende seiner Amtszeit als Uefa-Boss, da er 2027 nicht mehr kandidieren will, hat Ceferin den europäischen Protest gegen seinen Fifa-Widersacher organisiert. Nach einer gewissen Zeit brauche jede Organisation „frisches Blut“, sagte er Anfang 2024. Ob das auch für ihn und die Fifa gilt?
Nasser Al-Khelaifi (52)
Die 2021 von Gianni Infantino formulierte Idee einer WM im Zweijahres-Rhythmus schmetterte er nicht ab. Nasser Al-Khelaifi, Vorsitzender der mächtigen Clubvereinigung European Football Clubs (EFC/früher ECA), zeigte sich offen für eine Diskussion. Das wirkte höflich. Al-Khelaifi, seit 2011 Präsident von Paris Saint-Germain sowie unter anderem Vorstand des Sport- und Unterhaltungsnetzwerks beIN, ließ bereits mitteilen, am Posten des Fifa-Chefs kein Interesse zu haben. So bleibt er vorerst Mitglied im Uefa-Exekutivkomitee und Vertrauter von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.
Mattias Grafström (45)
Der Sohn eines Schweden und einer Niederländerin war mal Schweizer Jugendmeister im Tischtennis. Karriere machte Mattias Grafström aber als Funktionär im Fußball. Der gebürtige Schweizer wurde nach einer Interimszeit im Mai 2024 als Nachfolger der Senegalesin Fatma Samoura offiziell Fifa-Generalsekretär. Grafström ist eigentlich ein enger Vertrauter von Gianni Infantino. Medienberichten zufolge soll der Mann mit der Glatze aber angeblich die Chance auf den höchsten Posten im Weltfußball sehen.
Hat ein ähnliches Sprachtalent wie Infantino: Der in Genf geborene Grafström spricht fließend Schwedisch, Niederländisch, Französisch, Englisch, Deutsch und SpanischVictor Montagliani (60)
Die WM in den USA, Kanada und Mexiko war sein Heimspiel. Victor Montagliani wurde in Vancouver geboren und stieg 2012 zum Präsidenten des kanadischen Fußball-Verbands auf. Nachdem im Fifa-Korruptionsskandal 2015 der damalige Concacaf-Boss Jeffrey Webb verhaftet wurde, eröffnete sich ihm die große Aufstiegschance. Seit 2016 schon führt Montagliani, der Carlo Ancelotti zu seinen Vertrauten zählt, den für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständigen Kontinentalverband. Infantinos Investorenpläne lehnte die Concacaf geschlossen ab.
Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa (60)
2016 hatte Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa schon einmal Gianni Infantino herausgefordert. Damals setzte sich der Schweizer bei der Präsidentenwahl der Fifa aber knapp gegen den Funktionär aus Bahrain durch, der sich mit Vorwürfen der Korruption und Verletzung der Menschenrechte konfrontiert sah. Infantinos Investorenpläne lehnte der asiatische Fußballdachverband AFC, dessen Präsident Al Khalifa ist, ab. Man müsse in einen kollektiven Dialog treten und Respekt vor der Amtsführung haben, beschied al-Chalifa.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke